Wir sind mitten im Leben zum Sterben bestimmt

Wir sind mitten im Leben zum Sterben bestimmt;

was das steht, das wird fallen. Der Herr gibt und nimmt.

Wir gehören für immer dem Herrn, der uns liebt;

was auch soll uns geschehen, er nimmt und er gibt.

Wir sind mitten im Sterben zum Leben bestimmt;

was da fällt, soll erstehen. Er gibt, wenn er nimmt.


(Lothar Zenetti - Gotteslob 655)


Die ersten Verse des Liedes hallen wie das Echo einer tausendjährigen Klage über die Hinfälligkeit der menschlichen Existenz.

Und es ist auch unsere Erfahrung, irgendwann. Wir lesen sie morgens in der Zeitung, wenn wir auf die Geburtsdaten der Verstorbenen schauen. Wie viele sind da jünger als wir.

Manchmal kommt uns diese Erfahrung sehr nahe durch das Geschick von Freunden und Bekannten oder in der eigenen Familie.

Manchmal trifft es uns unmittelbar durch eigene Krankheit, Unfälle oder drohende Gefahren.

Was sollen wir angesichts solcher Widerfahrnisse sagen? Uns stockt die Sprache, uns gehen die Worte aus.

Da wir sind wir auch schon bei diesem Lied, was wir singen und betrachten wollen. Sparsam und holzschnittartig, karg und stockend trägt der Priesterdichter Zenetti seine Gedanken vor.

Und die Melodie ist mehr ein Sprechgesang als wirkliche Melodie. Ein Ton wiederholt sich immer wieder, an einigen Stellen stockt die Melodie, sinkt dann ganz hinunter: „zum Sterben bestimmt.“ Der Tonraum ist knapp: Eng wird er Lebensraum, wenn

es uns aufgeht, dass wir mitten im Leben zum Sterben bestimmt sind.

Der Text besticht durch seine Kargheit und Geschlossenheit. Die Satzstruktur ist knapp und klar gehalten. Auffällig sind der völlige Verzicht auf Adjektive und Adverbien und die geringe Zahl der Substantive.

Nur drei Wortfelder tragen den Text: Leben – Sterben, stehen – fallen, geben – nehmen.

Die lapidare Vertonung von Hubert Beuerle, im natürlichen a-Moll im 4/4 Takt, imitiert die klare Struktur des Textes. Das a ist nicht nur der Anfangs- und Endton, sondern gleichzeitig eine Art Tenor, auf dem oder um den sich die Melodie meist bewegt.

Sie verlässt den eintönigen Sprechgesang, der ihr Fundament bildet, nur dann, wenn es gilt, Akzente zu setzen, so um vorletzten Takt, auf dessen höchsten Ton jeweils die Worte Herr, nimmt und gibt fallen.

Eindrücklich für jeden, der das Lied singt, sind die ungewöhnlich langen, auskomponierten Pausen nach jedem Langvers: Das Lied und mit ihm die Singenden bewegen sich auf der Grenze zwischen Singen und Verstummen, Sprechen und

Schweigen.

Wenn wir den ersten Zeilen zustimmen können und auch erleben, dass fällt, was da steht, und bei dem: Der Herr gibt und nimmt, an Hiob erinnert werden, so können wir uns fragen, warum wir bei solcher Erfahrung noch singen können.

Die Kehrwende hierzu finden wir in der zweiten Strophe, die der Schlüssel für das ganze Lied ist: Wir gehören für immer dem Herrn, der uns liebt.

Welch ein tröstliches Wort, welch eine Ermunterung und zugleich Herausforderung. Es erinnert an Paulus im Römerbrief: Weder Tod noch Leben, weder Gewalten noch Zukünftiges können uns scheiden von der Liebe Gottes (Römer 8,38).

Wie gut ist es zu wissen, dass wir in all diesen Situationen in guten Händen sind: Wir gehören für immer dem Herrn, der uns liebt.

Hier klingt auch an: Von guten Mächten wunderbar geborgen...

Aber welche Herausforderung: Glauben wir das wirklich? Wenn uns Tod oder Leid trifft, haben wir dann die Kraft, uns diesem Wort anzuvertrauen? Müssten wir es nicht jeden Tag üben, damit diese Erfahrung uns eigen ist, um sie in schweren

Situationen erfahrbar zu machen?

Er gibt und er nimmt: die Erfahrung von Empfangen und Verlieren, wird nicht einfach aufgehoben, sie bleibt bestehen, aber sie wird neu geordnet; im Vergleich zu Vers 1,2 sind die Elemente „geben – nehmen“ zu „nehmen – geben“ vertauscht. Der

Verlust ist nicht mehr das letzte Wort.

Wir sind mitten im Sterben zum Leben bestimmt – die Liebe Christi in Strophe 2 markiert hier den Wendepunkt.

Was da fällt, soll erstehen... Auferstehungserfahrung mitten im Leben, längst vor dem Tod. Wie oft fallen und versagen wir in unserem Leben, in unseren Beziehungen, in unserem Tun.

Wir ahnen: nur die Liebe kann hier die Wende bringen. Sie lässt neues Leben erstehen, wo Sterben angezeigt wird. Sie ruft uns aus den Gräbern unseres Lebens heraus.

Es gibt Auferstehung mitten im Leben, schon vor dem Tod. Erst recht gilt dies, sagt Lothar Zenetti, sagt die Bibel, für unser ganzes Leben und das Sterben am Ende: In Gottes Liebe ist es aufgehoben und aus Gottes Liebe wird es erstehen.

Gott, der das Leben schafft, soll er nicht die Kraft haben, wieder ins Leben zu rufen?

So verschränkt sich Stehen und Fallen, Nehmen und Geben, Sterben und Leben. Sie liegen nicht getrennt voneinander, sondern durchdringen sich gegenseitig.

Er gibt, wenn er nimmt... Wie viele können davon tastend erzählen? Vielleicht erst nach langen Jahren: Ein Mensch wurde uns genommen und wir  lernen auf eigenen Beinen stehen. Eine Beziehung starb und nach Jahren finden wir uns neu wieder.

Alles Nehmen ist noch einmal von einem Geben umfangen.

Wahrlich ein Lied, dass unsere Hinfälligkeit beschreibt, aber zugleich großen Trost spendet.

Wir gehören für immer dem Herrn, der uns liebt: Eine Osterbotschaft mitten in der Fastenzeit.

Georg Koch

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