Wir feiern das Leben

An Allerheiligen feiern wir das Leben. Wir feiern nicht ein Leben, das dahindümpelt, das nur funktioniert. Wir feiern nicht ein Leben, das eingeengt ist in den Mauern dieser Welt. Wir feiern das Leben von Menschen, die lebendig waren und sind, obwohl sie zu den Verstorbenen zählen. Wir erinnern uns an ihr Leben, weil ihr Dasein unserem Leben Lebendigkeit, Licht und Farbe gab. Und wir bekennen, dass ein solches Leben nicht tot ist, sondern aufgehoben ist im Leben bei Gott. Deshalb versammeln wir uns um ihre Gräber. Schmücken sie mit Blumen und Lichtern, singen Lieder und sprechen Gebete für sie. Wir bleiben im Gespräch mit Ihnen. So werden uns Situationen bewusst, wo sie für uns besonders lebendig waren: Ihr unbekümmertes Lachen, Ihr Festhalten an einer bestimmten Idee oder Aufgabe, Ihre geradlinige Meinung gegen alles Einheitsdenken.

Wir feiern das Leben, weil Menschen mitten im Leben lebendig waren.

Und wir ahnen, dass dies immer eine Gratwanderung war und ist.

Denn wir erleben ja uns und andere auch mitten im Leben schon tot.

Der Dichter Gerhard Schöne hat in ein paar Zeilen markant und aufhorchend besungen, wie wir lebendig tot sein können und wie Leben aus dem Tod erweckt werden kann.

Lebendig tot

Manchmal ist man nicht erst tot,
wenn das Herz aufhört zu schlagen,
wenn sie einen auf der Bahre in den Kühlraum tragen,
nicht erst, wenn die Hand das letzte Mal ins Leere krallt,
nicht erst, wenn`ne Schaufel Erde auf den Sargdeckel knallt.

Vielleicht ist man längst schon tot, obwohl  man noch spazieren geht,
eigentlich schon unterm Rasen, obwohl man noch Rasen mäht,
an der Fernbedienung spielt, sich mit Sonnenöl einreibt,
noch Geburtstagskarten kriegt und selbst Geburtstagskarten schreibt.

Nur noch leere Muschel,
nur noch schöner Schein.
Ist das nicht das Schlimmste,
lebendig tot zu sein?

Manchmal kann es ganz schnell gehen,
wenn der Aufstieg nur noch zählt,
wenn man etwas sagen müsste,
aber doch die Schnauze hält,

Katastrophenmeldung, Lottozahlen, Actionfilm anguckt,
und das Ganze unverdaut mit einem Bierchen runterschluckt.

Manchmal stirbt man, wenn man völlig arglos eine Fliege quält.
Manchmal stirbt man, wenn man grinsend einen Judenwitz erzählt.
Manchmal stirbt man, weil die Watte einem aus den Ohren quillt.
Manchmal stirbt man daran, dass man immer seine Pflicht erfüllt.

Nur noch leere Muschel, nur noch schöner Schein.
Ist das nicht das Schlimmste, lebendig tot zu sein?

Wenn man mitkriegt, dass man tot ist, muss man laut um Hilfe schreien!
Manchmal haucht dann Gott persönlich einem noch mal Leben ein.
Manchmal schickt er einen Engel, der die Herzmassage macht,
bis die Tränen wieder fließen und das Herz im Leibe lacht.

Oh, das ist das größte Wunder, wenn ein Toter aufersteht,
wenn die Leichenstarre endet und in Leben übergeht,
wenn die Brust vor Schmerz und Freude, Glück und Trauer wieder bebt,
wenn die Augen wieder schauen und das Antlitz wieder lebt.

Sanfte, weiche Muschel,
heller Lichterschein.
Ist das nicht das Größte,
vom Tod erwacht zu sein?
 

Gerhard Schöne; Ich muss singen. Liederbuch, Baiersdorf 1995

Wir feiern das Leben: prallvoll, Tränen fließen, Lachen befreit, das Herz bebt, die Augen schauen das Schöne, die Ohren vernehmen die Zwischentöne, Hände beginnen zu streicheln.

Das ist ein Leben, was wir heilig nennen, was zur Heilung gekommen ist.

Dieses Leben feiern wir an Allerheiligen. Und Menschen kommen uns in Erinnerung, deren Kern so lebendig war, dass sie uns zum Vorbild geworden sind.

Allerheiligen wird zu einem Fest des Lebens, das den Horizont der Diesseitigkeit aufbricht. So feiern wir das ewige Leben.

Georg Koch

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