Wie man berufen wird!

Das geht überraschend schnell. Da ruft einer und die anderen folgen ihm sofort auf der Stelle. Welch eine wunderbare Kraft muss in seinen Worten liegen, so vermuten wir. Als außergewöhnlich heften wir diese Berufung ab uns sind aus dem Schneider. Aber war dies einfach so?

Der Evangelist schildert hier auf eine idealtypische Weise diese Jüngerberufung. Sofort folgten sie ihm, das ist im Zeitraffersystem formuliert. Oft vergehen in diesem „Sofort“ Monate oder Jahre bis eine Entscheidung realisiert ist. Aber in diesem Augenblick hat es „geklickt“.

Die Jünger hatten einmal in sich eine Sehnsucht, nach einer neuen Welt. Sie wussten um einen Gott, der Neues schaffen konnte. Sie wohnten im Wort Gottes und kannten die biblischen Schriften. Meist könnten sie diese sogar auswendig. Sie hatten ein waches Organ für den Ruf Gottes.

Etwas Ähnliches wird in einer Geschichte erzählt: Ein Indianer geht mit einem Freund in einer amerikanischen Großstadt spazieren. Mitten im Lärm der Stadt fragt er: „Hörst du die Grille zirpen?“ Sein Freund bemüht sich sehr, hinzuhören, und stellt dann fest: „Ich kann sie nicht hören“. Einige Zeit später lässt der Indianer eine Münze fallen, der Amerikaner reagiert sofort: „Du hast ein Geldstück verloren.“ Der Indianer antwortet darauf: „Eine Geldmünze hörst du fallen, aber das Zirpen einer Grille vernimmst du nicht.“

Der moderne Mensch von heute ist darauf trainiert, ganz bestimmte Anfragen zu hören. Das Organ für die Botschaft des Evangeliums, für den Anruf Jesu scheint dagegen verkümmert.

So kann uns die Berufungsgeschichte anhalten, zu lernen, wie wir wach werden für die Anrufe unseres Glaubens. Wie können wir wohnen im Wort Gottes?

Unsere menschliche Erfahrung sagt uns: Alles, was mit Leichtigkeit und ohne Mühe erreicht werden soll, birgt in sich die Gefahr, dass es nicht bleibt oder keine Tiefe erreicht. Ich kann eben nicht einfach tändeln und so etwas Bedeutendes schaffen. Lernen geschieht unter Mühen. Erst nach Suchen und Forschen fallen uns die Erkenntnisse zu. Tiefes Erkennen erreiche ich im Normalfall nur unter Mühen.

Wenn ich mit diese Geschichte anhöre, die so passabel formuliert ist, dann werde ich sie mir nur merken, wenn ich sie noch einmal nachgehe, sie für mich umspreche., wenn ich mir die Mühe mache, sie in meinen Wortschatz und in meine Denkwelt einzubauen.

Jesus beruft die Jünger nicht in eine andere Welt, sondern er nutzt ihre Lebenserfahrung und deute sie für eine neue Aufgabe. Wie sieht das in meiner Biografie aus, Menschenfischer zu werden, Menschen zu gewinnen? Kann ich das als Lehrer, Hausfrau oder Maurer? Wie viel muss ich daran basteln, bist es da klickt?

Ich muss für das Organ des Glaubens, damit ich eine Grille zirpen höre, erst einen Hintergrund oder eine Grundierung schaffen. Deshalb bin ich auch froh, dass die Eltern an diesen Sonntagen mit ihren Kommunionkindern den Gottesdienst besuchen. Hier wir durch Mühe ein Raum geschaffen und ein Ort im Herzen, wo man dem Heiligen und dem Großen begegnen auf es Hören kann.

Oft habe ich den Eindruck, dass Erziehung mit Verwöhnung verwechselt wird. Andererseits sagen wir einem Kind ja nicht: Rechnen kann du später lernen, wenn du weißt, wofür dies nötig ist. Schreiben und Lesen  - dafür brauchst du dich nicht zu mühen. Ein bekannter Pädagoge hat einmal formuliert: Verwöhnung ist eine Form  langfristiger Misshandlung. Wenn wir unseren Kindern die Geheimnisse des Glaubens vorenthalten, vergehen wir uns dann nicht an ihnen.

Und wie ist es bei uns selber? Auch das religiöse Leben kann nur in den Mühen des Lebens wachsen. Leicht rutscht es ja einfach ins Leere. Und dann meint einer: zum Beten habe ich jetzt keine Zeit. Irgendwann einmal vielleicht wieder. Zum Nachdenken über die Geheimnisse des Glaubens komme ich jetzt nicht, Besuch des Gottesdienstes, dass passt mir im Augenblick nicht.

Aber Mühe ist nötig, ein Stück Training braucht es. Auch hier gilt: Wer rastet, der rostet. Wer sich freilich müht, dem wird die Chance gegeben, das Reich Gottes zu erfahren.

Natürlich gilt, dass der Glaube letztendlich Geschenk ist. Wie soll ich das Geschenk empfangen und den Ruf Gottes in meinem Leben hören, wenn ich dafür nicht unter Mühen ein waches Organ schaffe. Wenn dies so ist, dann wird im Evangelium uns gesagt: Unser krankes, überdrehtes Leben wird geheilt.

So kann diese Berufungsgeschichte für uns eine therapeutische Begegnung werden.

Pastor Georg Koch

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