Mensch werden im Land der Dankbarkeit und des Staunens

Josef machte sich auf von Galiläa hinauf nach Judäa. Galiläa im aramäischen heißt Steinhaufen, Felsen. Judäa heißt Land der Dankbarkeit und des Staunens. Und nur wer sich aufmacht aus dem Land der festgeprägten Vorstellungen, der eisernen Begriffe, der Dogmen, des Messbaren, des Erklärbaren und hingelangt nach Bethlehem, nach Judäa, in das Land des Staunens und der Dankbarkeit, wird erfasst werden von jener Botschaft, die im Herzen eines jeden Menschen eingeschrieben ist.

Eine Botschaft, die heute Abend zum Klingen kommen soll, die uns verzaubern soll, die öffnen will eine Seite unserer Seele, die in einer Welt des Funktionierens, in einer Welt, wo wir Rollen auszufüllen haben, verloren gegangen ist.

Unsere Seele ist in vielen Bereichen verwüstet, verlassen, verödet. Und so haben wir als Menschen, so glaube ich, einen kleinen Docht von Sehnsucht, dass unser Leben auch von einem Staunen erfasst sein könnte, dass unser Leben auch in die Dankbarkeit hinein kommen könnte. Denn nur, wer ein großes offenes Herz, eine sensible Seele hat, der ist nicht von allen guten Geistern verlassen.

Und so wollen wir uns an diesem Abend einreihen in den Weg der Hirten. Die Hirten, sie sind vertraut mit der Nacht, mit dem Dunklen, mit dem Geheimnisvollen. Sie sind aufmerksam Hörende für Botschaften, die ganz weit weg von uns sind. Denn über ihnen ist der Himmel offen und sie sind fähig, Engelsbotschaften zu vernehmen, Gedanken Gottes. Und nur wenn wir Hirten sind, Nomaden, Heimatlose, dann wird es möglich sind, dass wir uns aufmachen nach Bethlehem.

Als die Hirten diese Botschaft vom Himmel vernommen haben, da sagen sie: wir müssen unbedingt nach Bethlehem durchkommen.

Wenn wir bleiben bei der Vision, bleiben beim Hören der himmlischen Botschaft, dann wird sich unser Leben nicht verwandeln.

Es ist so als wenn wir einen guten Gedanken haben, eine hervorragende Vision, ein wunderbares Ziel vor den Augen, dann käme es darauf an, dass wir uns auch sagen: Wir müssen uns aufmachen und durchkommen, damit diese Vision, damit diese Liebe, damit all das, was unserem Leben Glanz und Herrlichkeit gibt, auch wirklich Wirklichkeit  wird.

Warum sind es Hirten, denen das verkündet wird? Da müssen wir weit zurückschauen in die Geschichte des Menschen: Kain und Abel. Kain war Ackerbauer, er besaß was, war unbeweglich. Abel war Hirt. Der Hirt, der unterwegs war, der Stimmen hören konnte vom Himmel. Beide bringen Gott ein Opfer dar und Gott schaut auf das Opfer des Abel mit Wohlgefallen.

Genau da ist die Stelle, wo wir auch noch einmal uns einfinden müssen. Denn Gott sagt dem Heimatlosen, dem Nomaden, dem der unterwegs ist, dem der das Neue sucht, ihm sagt er: Du bist ein Mensch meines Wohlgefallens.

In einer Kirche, die allzu sesshaft geworden ist, die allzu sehr Moral verkündet statt Heilung, die auf festgefahrenen Vorschriften besteht, in einer solchen Kirche ist es auch schwer Nomade zu sein, nach Bethlehem zu kommen.

Aber nur, die aufbrechen, die nicht mit ihrem Hintern auf allem sitzen, nur denen wird gesagt, sie werden die Verheißung, die ihnen zugesprochen wurde, als Wirklichkeit erfahren.

So machen die Hirten sich auf den Weg, sind Abenteurer, vielleicht so wie die meisten heute Abend, die sich manchmal nur zweimal im Jahr aufbrechen und Abenteurer ihrer Seele sind. Damit unser Leben etwas mehr ist als nur Essen und Trinken und Geld verdienen.

Sie machen sich auf und sagen: Wir müssen durchkommen! Und sie kommen nach Bethlehem  und mitten auf den Fluren vor Bethlehem, da waren auch zwei, die sich aufgemacht hatten. Josef und Maria aus dem Land des Steinhaufens in das Land der Dankbarkeit.

Nur da kann Gott geboren werden, nur da kann in einem Kind das Neue des Lebens erscheinen.

Dort finden sie das Kind, so wie der Engel es ihnen verheißen hatte, in einer Krippe in Windeln eingewickelt.

Ist das nicht banal? Da hören sie eine wunderbare Vision, himmlische Stimmen, Gottes Gedanken, und dann werden sie geführt zu einem Kind in der Krippe in Windeln eingewickelt.

Was möchte der Schriftsteller, der Dichter Lukas, uns mit dieser Botschaft uns sagen? Zu welcher Einsicht will er uns führen? Er will sagen: Gott ist in das irdische eingebunden, das Himmlische ist im Zeitlichen zu finden, das Göttliche ist im Menschlichen verborgen, es ist mitten in deinem Leben.

Der große Gott, der uns in Kindheitstagen oft als der drohende Gott verkündet wurde, wird zu einem zerbrechlichen Kind.

Gott ist eingewickelt in diese unsere Welt.

Das ist die ungewöhnliche und frohe Botschaft dieses Abends: Gott hat etwas mit deinem und meinem Leben zu tun. Er will eingewickelt sein in deinen Alltag.

Nicht da, wo du große Träume hast, wo du auf dem Berg des Erfolges stehst, sondern vor allem da, wo du klein, wehrlos und ohnmächtig bist wie ein Kind, ist er bei dir.

Ein Kind lieben wir, nicht weil es etwas geleistet hat oder etwas vorweisen kann, sondern einfach weil es da ist, wir es in unseren Armen wiegen können. Das ist die frohmachende Botschaft von Weihnachten: Ihr seid euch geschenkt.

Wenn ihr das im tiefsten Vertrauen annehmt, dann kann euer Leben gut werden. Euer Leben kann gut werden – das ist die Überschrift über Weihnachten.

Aber nicht wenn du im Land der Steine, der festen Vorschriften lebst, sondern nur wenn du ein Nomade bist, einer, der den Himmel offen sieht.

Und so wird ihnen Friede zugesagt, Friede den Menschen nach Gottes Wohlgefallen, so wie Abel bei Gott Wohlgefallen fand.

Wenn der Mensch spürt, das sein Leben aufgehoben ist, dass er trotz aller Schuldhaftigkeit und allem Versagen noch einmal kraftvoll neu anfangen kann, dann ist im Menschen Frieden, ist er mit sich und mit Gott stimmig.

Und so haben wir eine frohe Botschaft, dass die Liebe Gottes sich eingemischt hat in menschliches Dasein, dass sie eingewickelt ist in unsere Vergänglichkeit.

Sie, die Liebe Gottes, ist zu finden in einem Futtertrog. In einem Futtertrog fanden die Tiere Nahrung und wenn Gott sich da befindet, dann will er unserem Leben Nahrung und Stärke sein.

Wenn wir mit diesem Gedanken hinaus gehen, dass Gott eingewickelt ist in unser Leben und dass unser Leben dadurch göttlichen Glanz bekommt, dann werden wir einander anders begegnen. Es wird sich ein großes Staunen in unserem Dasein auftun: In jedem Menschen ist Gott Mensch geworden. Er ist Fleisch geworden, nicht in dem Starken und nicht in dem Schönen, sondern in jedem Menschen.

So wird Frieden in uns einkehren. Wir sind Hirten geworden, wir sind ihresgleichen.

Georg Koch

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