Wahre Größe

„Als Jesus mit den Jüngern im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, herzte es und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat." (Mk 9, 33 – 37)

Kaum sind wir geboren und beginnen zu laufen, da müssen wir schon groß und erwachsen sein. Wir sollen eher sprechen können als die anderen und unsere Eltern erzählen mit Stolz, wie bewundernswert wir die Dinge erfassen und einordnen. Wir werden als kleine Erwachsene hochgejubelt. Und so geht es weiter: in der Schule müssen wir zu den Besten gehören. Überall sollen wir dabei sein. Die Eltern karren uns von er Musikstunde zu Fußballplatz und lassen uns am Ballettunterricht teilhaben. Ist das wahre Größe? Wirkt da der Satz Jesu, wir sollten das Kindhafte in uns bewahren, nicht als eine Befreiung, als eine Erlaubnis, unserer Leben noch einmal auf eine andere Weise neu zu beginnen?

Als Erwachsene geht es im Leben weiter wie wir die Kindheit beendet haben. Aufgeplustert erzählen wir, dass wir von Erfolg zu Erfolg eilen. Wir hätten ein gutes Einkommen, ein Haus im Grünen und ein schnittiger Wagen sei unser Eigen. Wir stellen uns aufs Podest und lassen uns feiern. Ist das wahre Größe?

Könnte die Einstellung Jesu zum Leben uns helfen, heraus zu finden, was wahre Größe sei? Beim ersten Hören werden wir stutzig. Das Kreuz auf sich zu nehmen, Verzicht zu üben, Letzter zu sein, das kann doch kein Leben froh machen. Ja, die Kirche hat diese Einstellung über die Jahrhunderte verfälscht und aus dem Christentum eine quälende Religion gemacht. So ist es notwendig, diesen Satz noch einmal genauer auszuloten. Der Mensch lebt doch von der Funktionslust, von dem Streben etwas zu können und etwas zu vollbringen. Hier geht es darum, all die Lust am Leben in den rechten Maßstab zu rücken. Das Kindhafte in all unserem Streben zu bewahren oder wieder zu entdecken.

Dieser Tage sagte mir ein Freund: In den kommenden Herbstferien fliege ich nach Gran Canaria und seit zehn Jahren mache ich zum ersten Mal mit meiner Familie vierzehn Tage hintereinander Urlaub. Arbeiten bis zum Umfallen, fiel mir ein. Ist das wahre Größe?
Ich erinnere mich an ein Begebenheit vor über fünfzehn Jahren. Die Bahnpolizei bat mich bei der Überbringung einer Todesnachricht dabei zu sein. Ein junger Familienvater war beim Rangieren tödlich verunglückt. Der Beamte begann das Gespräch: Frau „Werner" jetzt müssen sie ganz stark sein. Dieser Satz traf mich wie eine Keule. Nein, sie musste nicht stark sein. Wie ein Kind durfte sie in dieser Situation schreien, weinen, verzweifelt sein.

Da sind wir wieder in der Nähe des Jesus Wortes. In allen Situationen, ob im Glück oder in der Not, wir sollen ganz in unseren kindhaften Herzen sein, und dürfen  lachen oder weinen, tanzen oder unglücklich sein. Wir müssen im Unglück nicht groß sein und sollen im Glück nicht auf andere überheblich herab blicken.

Der Satz Letzter zu sein wird ergänzt mit: wir sollen der Diener aller sein. Es geht also nicht darum, wie wir uns vor den anderen aufplustern und vor ihnen uns aufstellen, sondern wir sollen herausfinden, wie wir dem anderen von Nutzen sein können. Dem anderen nützen, das meint, das richtige Maß im eigenen Leben zu finden. Gehorsam gegenüber den anderen sein, also hören und erspüren, was ihnen gut tut. Damit ist nicht gemeint, alle Strebungen im eigenen Leben zu unterdrücken, quälerisch durchs Leben zu eilen.
Jesus meint, dass wir das Kind in uns pflegen sollen, in uns und in Gott Halt finden. Ja, er sagt, wer dies tut, der weckt in sich göttliche Kräfte. Der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. Wahrlich eine große Verheißung und sie führt uns hin zu einer neuen Lebensweise. Ist das nicht wahre Größe? Und so wendet sich dieser Satz von einer Bedrohung hin zu einer echten Befreiung.

Wir sollen den Dingen, den Tieren, allen Geschöpfen, den Menschen und Gott, so dienen, dass sie für uns zum Gewinn werden und wir zu einer gedeihlichen Gemeinschaft heranreifen. Dieses Bestreben hat Rainer Maria Rilke in ein paar Zeilen verdichtet, wie es schöner nicht gesagt werden kann:

„Ich finde dich in all diesen Dingen, denen ich gut und wie ein Bruder bin;
Als Samen sonnst du dich in den geringen und in den großen giebst du groß dich hin.
Das ist das wundersame Spiel der Kräfte, dass sie so dienend durch die Dinge gehen;
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.“

Legt uns der Dichter nicht nahe, dass wir unsere Kinder wachsen lassen sollen je nach ihren Begabungen und Begrenzungen. Wir sollen ihnen gut sein, ja ihnen gehorsam sein und hören, was ihr Wesen ausmacht und ihnen damit gehören. Dann sind wir Dienende. Das ist wahre Größe! Und in den Wipfeln wie ein Auferstehen. Dann wird die Einladung Jesu Letzter und Diener zu sein zu einer Erfahrung der Auferstehung mitten im Leben längst vor dem Tod.

Georg Koch

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