Unvollendet leben

Wieder ein Höhepunkt im Leben des Moses auf dem Berg, auf dem Berg Nebo. So als sei neben dem Sinai auch noch sein Sterben ein letzter Höhepunkt. Vielleicht auch eine Gipfelerfahrung der Gnade.  Von diesem Berg aus erhält er Aussicht auf das gelobte Land. Aber da fällt ein Schatten auf diese Aussicht. Moses wird gesagt, dass er selber nicht dieses Land betreten werde.

Sein Leben war danach ausgerichtet, das war seine Sehnsucht, dafür hatte er Entbehrungen und Prüfungen auf sich genommen. Seit die Liebe Gottes am Dornbusch in ihm brannte, war er unruhig auf dieses Ziel hin. Mit dem Pharao hatte er gekämpft, durchs Schilfmeer war er trockenen Fußes gezogen, das Murren des Volkes hatte er ertragen. War dies nun alles umsonst gewesen? Nein, es war trotz aller Zwischenfälle kein Irrweg – das ist Gnade.

Moses stirbt hier nicht lebenssatt, sondern von ihm wird berichtet, dass sein Auge noch nicht getrübt war und seine Frische noch nicht geschwunden war.

Er darf schauen, was er geglaubt hat.

Geht es uns nicht ihn vielen Situationen auch so: Da wollten sie noch die Goldene Hochzeit miteinander feiern, und dann starb der Partner… Da pflegte man jemanden jahrelang, und dann hauchte er sein Leben aus ohne dass man dabei sein konnte… Da wollte man noch miterleben, was aus den Kindern wird, und dann muss man frühzeitig Abschied nehmen aus vielerlei Gründen…

Hier beginnen wir die Botschaft zu ahnen, die diese Erzählung vom Sterben des Moses für uns bereithält. Du wirst im Leben nicht alles vollenden können. Je älter du wirst umso drängender spürst du, was alles noch zu erledigen ist. Du willst dein Leben auf die Reihe bekommen: Hier ist noch etwas gut zu machen, dort wollte ich mich seit langem entschuldigen, jene Aufgaben wäre noch zu lösen.

Die Zeit reicht nicht mehr, es bleibt unvollendet, mein Leben.

Ist das nicht auch eine große Entlastung? Kann dies nicht auch befreien? Ich muss nicht den verpassten Gelegenheiten nachlaufen. Sie bleiben unvollendet.

Der große Moses, dieser charismatische Führer, er muss dies erkennen und akzeptieren.

Aber er stirbt nicht aussichtslos! Die Aussicht auf das gelobte Land wird ihm gewährt. Es ist ein Trost. Denn wir sind doch auch hier versammelt, um den Glauben zu feiern, dass wir in ein neues Land gehen. Die Aussicht auf das Land der Freiheit und der Liebe Gottes teilt uns Kräfte, abschiedliche Menschen zu sein.

Bei all dem ist Gott dabei, so hat Moses in den Situationen der Gefahr und der Rettung erlebt. Auch im Sterben ist Gott dabei! Die rabbinischen Legenden erzählen, dass auf den Lippen des Moses der Kuss des Herrn schwebte und mit einem Kuss nahm Gott die Seele des Moses zu sich, dass sie bei ihm ruhe. – Denn Deuteronomium 34,5  kann wörtlich genommen auch heißen: „Und es starb daselbst Mose, der Knecht des Ewigen, am Munde des Ewigen.“

Vier Botschaft finden wir in dieser großartigen Erzählung: a) Du darfst unvollendet leben, b) Du stirbst nicht aussichtslos, c) Gott ist immer bei dir, d) Loslassen befreit zum Leben.

Denn in dem Text wird erzählt, dass Moses seinem Nachfolger Josua die Hände aufgelegt hat. An ihn hat der den Gottesstab weiter gegeben. So hat er am Ende sein Leben bestellt.

All diese Prozesse verdichtet Hermann Hesse in seinen „Stufen“, wo es am Schluss heißt: Vielleicht wird noch einmal die Todesstunde uns neue Räumen jung entgegen senden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden: Wohlan den Herz, nimm Abschied und gesunde.

Pastor Georg Koch

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