Trau dich zu leben!

Viele von uns versuchen, richtig zu leben. Sie suchen ihre eigenen Wege. Sie wollen in die Freiheit des Lebens kommen. Oft gibt es keinen klaren Entwurf. Das Leben ist halt Versuch und Irrtum.

Aber ich muss mein Leben wagen, das Risiko auf mich nehmen. Vieles werde ich dabei leidvoll lernen, vieles falsch machen. Aber durch Fehler lernt man. Wer keine Fahler macht oder keine Fehler zugeben kann, lernt nichts dazu. Er lernt das Leben nicht. Er traut sich nicht zu leben.

Es gibt dabei die „Richtigmacher“. Alle machen sie richtig, aber sie gehen an dem Leben vorbei. Lebendig sind sie tot.

Vielleicht sind sie längst schon tot, obwohl sie noch spazieren gehen, eigentlich schon unter dem Rasen, obwohl man den Rasen noch mäht.

Manchmal kann das ganz schnell gehen, wenn nur der Aufstieg zählt. Manchmal stirbt man daran, dass man immer seine Pflicht erfüllt.

So wie der ältere Sohn in dem gehörten Gleichnis: Vater, ich habe nie gegen deinen Willen gehandelt. Ich habe immer meine Pflicht getan. Ist das nicht das Schlimmste, lebendig tot zu sein.

In dem Roman Narziß und Goldmund schildert Hermann Hesse eine ähnliche Situation. Der junge Schüler Goldmund kommt in das Kloster Mariabronn und wir dort  von dem jungen Lehrer und späteren Mönch Narziß unterrichtet und sie schließen Freundschaft miteinander.

Goldmund schleicht sich eines Abends mit Kameraden ins Dorf und lässt sich mit einem jungen Mädchen ein. Das wühlt ihn auf, bringt seine hehren Ideale ins Schleudern. Mit Schuldgefühlen belastet sucht er Rat bei seinem Freund und Lehrer Narziß.

Auf großartige Weise versteht dieser seine Situation und gibt ihm Rat: Goldmund, manchmal ist das Leben eines Wüstlings der kürzeste Weg zur Heiligkeit. Was gut ist, wissen wir, es steht in den Geboten. Die Gebote aber sind nur der kleinste Teil von Gott. Du kannst bei den Geboten stehen und kannst weit von Gott weg sein.

Du kannst bei den Geboten stehen, aber weit weg von Gott sein. Ist das nicht die Haltung des älteren Sohnes in diesem Gleichnis? Ist das nicht oft in unserem Leben auch so? Wir tun unsere Pflicht, wir halten uns an die Vorschriften, aber wir können weit weg vom Leben sein.

Ist es nicht manchmal in Beziehungen auch so?: Wir leben jahrelang neben einander, rühren in den Tassen beim Frühstück, aber haben keinen liebevollen Blick mehr füreinander.

Wir sind der Kirche treu, besuchen den Gottesdienst, halten uns an die Gebote, aber wir sind weit weg von Gott.

Oder in diesen Tagen, wo wir über das Asylrecht in unserem Kreis diskutieren: Rechtlich ist alles in der Reihe, wir erfüllen und halten die Gesetze, aber können meilenweit von der Menschlichkeit entfernt sein.

Die Sinnspitze unseres Gleichnisses will uns woanders hin führen. Sie will uns die Freiheit der Kinder Gottes aufzeigen, wenn wir ganz aus der Barmherzigkeit Gottes leben.

Der Sohn der in der Fremde ist, lebt auch nicht selbstbestimmt. Ihn verführen oder leiten seine Triebe, seine Ausschweifungen. Der Sohn zu Hause wird fremdbestimmt und ist abhängig von äußeren Vorschriften, die er verinnerlicht hat.

Der „Richtigmacher“ bleibt immer abhängig von anderen, von dem, was die Leute sagen, von einem Guru, von irgendwelchen Ideologien oder von allgemeinen Vorschriften oder von der Gesetzeslage.

Es gibt, so legt das Gleichnis nahe, eine „Abhängigkeit“, die selbständig macht: das persönliche und direkte Vertrauen auf Gott, auf das Leben selbst.

Der jüngere wagt sein Leben und scheitert, aber er erfährt die Barmherzigkeit Gottes. Der ältere bleibt daheim. Er macht von vorneherein alles „richtig“ und scheitert genau an dem einzig entscheidenden Punkt unseres Menschseins: an der Barmherzigkeit. Er kann sie nicht zulassen, weil er sie nicht hat; und weil er sie nicht zulassen kann, hat er sie nicht.

Wir sind nur Kinder der Freiheit, wenn wir nicht mehr abhängig sind vom Geld, von Börsenkursen, von beruflicher Karriere oder von Gesetzen, wenn wir uns ganz bei Gott fest machen und verankern.

Diese Freiheit der Kinder Gottes will uns dieses Gleichnis lehren: Gottes Barmherzigkeit ist weit größer als wir sie uns vorstellen können.

Gewiss, wir benötigen Gebote, Vorschriften erleichtern das Leben, aber es gibt Situationen, da überschreitet Jesus immer wieder die Gebote, wenn sie dem Glück des Menschen im Wege stehen.

Auch die Kirche hat hier allzu oft nur rechtlich gehandelt. Hat die Türen verschlossen bei Geschiedenen und Wiederverheirateten. Ja, wir können zur Kirche stehen und weit weg von Gott sein.

Die Barmherzigkeit Gottes wird uns eine Freiheit eröffnen, die alles Gesetzesdenken über-schreitet. So ruft uns diese Erzählung zu: Trau dich zu leben – trau dem Leben!

Georg Koch

Copyright © 2010–2017 st-ignatius.de
Alle Rechte vorbehalten.
Design und Umsetzung
Georg Zink Unternehmensberatung

Pfarreiengemeinschaft Betzdorf - Bruche - Scheuerfeld
Pfarrbüro: Elly-Heuss-Knapp-Str. 13, 57518 Betzdorf
Tel.: 0 27 41 - 22 480, Fax: 0 27 41 - 23 070
E-Mail: pfarramt[at]st-ignatius[dot]de