Sonntagspredigten 2012

Wahre Größe

25. Sonntag im Jahreskreis B

„Als Jesus mit den Jüngern im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, herzte es und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat." (Mk 9, 33 – 37)

Kaum sind wir geboren und beginnen zu laufen, da müssen wir schon groß und erwachsen sein. Wir sollen eher sprechen können als die anderen und unsere Eltern erzählen mit Stolz, wie bewundernswert wir die Dinge erfassen und einordnen. Wir werden als kleine Erwachsene hochgejubelt. Und so geht es weiter: in der Schule müssen wir zu den Besten gehören. Überall sollen wir dabei sein. Die Eltern karren uns von er Musikstunde zu Fußballplatz und lassen uns am Ballettunterricht teilhaben. Ist das wahre Größe? Wirkt da der Satz Jesu, wir sollten das Kindhafte in uns bewahren, nicht als eine Befreiung, als eine Erlaubnis, unserer Leben noch einmal auf eine andere Weise neu zu beginnen?

Als Erwachsene geht es im Leben weiter wie wir die Kindheit beendet haben. Aufgeplustert erzählen wir, dass wir von Erfolg zu Erfolg eilen. Wir hätten ein gutes Einkommen, ein Haus im Grünen und ein schnittiger Wagen sei unser Eigen. Wir stellen uns aufs Podest und lassen uns feiern. Ist das wahre Größe?

Könnte die Einstellung Jesu zum Leben uns helfen, heraus zu finden, was wahre Größe sei? Beim ersten Hören werden wir stutzig. Das Kreuz auf sich zu nehmen, Verzicht zu üben, Letzter zu sein, das kann doch kein Leben froh machen. Ja, die Kirche hat diese Einstellung über die Jahrhunderte verfälscht und aus dem Christentum eine quälende Religion gemacht. So ist es notwendig, diesen Satz noch einmal genauer auszuloten. Der Mensch lebt doch von der Funktionslust, von dem Streben etwas zu können und etwas zu vollbringen. Hier geht es darum, all die Lust am Leben in den rechten Maßstab zu rücken. Das Kindhafte in all unserem Streben zu bewahren oder wieder zu entdecken.

Dieser Tage sagte mir ein Freund: In den kommenden Herbstferien fliege ich nach Gran Canaria und seit zehn Jahren mache ich zum ersten Mal mit meiner Familie vierzehn Tage hintereinander Urlaub. Arbeiten bis zum Umfallen, fiel mir ein. Ist das wahre Größe?
Ich erinnere mich an ein Begebenheit vor über fünfzehn Jahren. Die Bahnpolizei bat mich bei der Überbringung einer Todesnachricht dabei zu sein. Ein junger Familienvater war beim Rangieren tödlich verunglückt. Der Beamte begann das Gespräch: Frau „Werner" jetzt müssen sie ganz stark sein. Dieser Satz traf mich wie eine Keule. Nein, sie musste nicht stark sein. Wie ein Kind durfte sie in dieser Situation schreien, weinen, verzweifelt sein.

Da sind wir wieder in der Nähe des Jesus Wortes. In allen Situationen, ob im Glück oder in der Not, wir sollen ganz in unseren kindhaften Herzen sein, und dürfen  lachen oder weinen, tanzen oder unglücklich sein. Wir müssen im Unglück nicht groß sein und sollen im Glück nicht auf andere überheblich herab blicken.

Der Satz Letzter zu sein wird ergänzt mit: wir sollen der Diener aller sein. Es geht also nicht darum, wie wir uns vor den anderen aufplustern und vor ihnen uns aufstellen, sondern wir sollen herausfinden, wie wir dem anderen von Nutzen sein können. Dem anderen nützen, das meint, das richtige Maß im eigenen Leben zu finden. Gehorsam gegenüber den anderen sein, also hören und erspüren, was ihnen gut tut. Damit ist nicht gemeint, alle Strebungen im eigenen Leben zu unterdrücken, quälerisch durchs Leben zu eilen.
Jesus meint, dass wir das Kind in uns pflegen sollen, in uns und in Gott Halt finden. Ja, er sagt, wer dies tut, der weckt in sich göttliche Kräfte. Der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. Wahrlich eine große Verheißung und sie führt uns hin zu einer neuen Lebensweise. Ist das nicht wahre Größe? Und so wendet sich dieser Satz von einer Bedrohung hin zu einer echten Befreiung.

Wir sollen den Dingen, den Tieren, allen Geschöpfen, den Menschen und Gott, so dienen, dass sie für uns zum Gewinn werden und wir zu einer gedeihlichen Gemeinschaft heranreifen. Dieses Bestreben hat Rainer Maria Rilke in ein paar Zeilen verdichtet, wie es schöner nicht gesagt werden kann:

„Ich finde dich in all diesen Dingen, denen ich gut und wie ein Bruder bin;
Als Samen sonnst du dich in den geringen und in den großen giebst du groß dich hin.
Das ist das wundersame Spiel der Kräfte, dass sie so dienend durch die Dinge gehen;
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.“

Legt uns der Dichter nicht nahe, dass wir unsere Kinder wachsen lassen sollen je nach ihren Begabungen und Begrenzungen. Wir sollen ihnen gut sein, ja ihnen gehorsam sein und hören, was ihr Wesen ausmacht und ihnen damit gehören. Dann sind wir Dienende. Das ist wahre Größe! Und in den Wipfeln wie ein Auferstehen. Dann wird die Einladung Jesu Letzter und Diener zu sein zu einer Erfahrung der Auferstehung mitten im Leben längst vor dem Tod.

Georg Koch

Nehmt nur einen Wanderstock mit…

Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis B

Dieser Wanderstab in meinen Händen – das ist die einzige Ausrüstung, mit denen  die Jünger auf den Weg geschickt werden. Sie werden mit der Vollmacht ausgestattet, die unreinen Geister auszutreiben. Sie sollen keine Lehre verkünden, sondern Menschen den Kräften zu entreißen, die sie nicht mehr Mensch und sie selber sein lassen. Der Auftrag Jesu an seine Jünger heißt: Befreit den geknebelten Menschen, dass er er selber und dass er so sein kann, wie er eigentlich gemeint ist. Es ist ein Dienst an der Freiheit!

Zwischen dem Dienst an der Freiheit und der Anordnung nur einen Wanderstab dabei zu haben, scheint es einen geheimnisvollen Zusammenhang zu geben. Der Wanderstab war in der Antike die Ausrüstung des freien Mannes. Der Stab in der Hand gab ihm Stabilität. (Der erste Rollator bei den Propheten) Mit dem Stab konnte der freie Mann böse Geister austreiben, wenn er dem Klienten damit auf die Schulter schlug. Noch heute können wir im Petersdom in Rom beobachten, dass die Beichtenden nach der Lossprechung vom Priester mit einem kleinen Stab auf die Schulter geschlagen werden: Nun sind alle bösen Geister aus dir gefahren!

Die Bedeutung des Stabes liegt aber noch in fernerer Vergangenheit. Man hatte die Vorstellung, er stamme vom Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses ab.  So wurde der Wanderstab zum Lebensbaum. Als das Volk Israel Aaron nicht in seinem priesterlichen Dienst anerkennen wollte, da ordnete Moses an, dass jeder der zwölf Stammesführer seinen Stab mit dem Stammnamen beschriften solle und alle Stäbe über Nacht in das heilige Zelt gelegt wurden. Am Morgen war der Stab des Aaron erblüht, war neues Leben an ihm sichtbar. Seit dieser Zeit legen die Israeliten in die Bundeslade ein Stück Brot, die zwei Gesetzestafeln und ein Stück des Aaronstabes.

Das neue Leben von Gott wanderte so immer mit ihnen. Auch Moses erhielt von Gott einen Stab und als er seinen Auftrag nur zögerlich annimmt, befiehlt Gott ihm, den Stab zu Boden zu werfen. Der Stab wird zur Schlange. Als Moses die Schlange am Schwanz packt mutiert sie wieder zum Stab. Wer das Leben nicht in die Hand nimmt, an dem schleicht die Angst hoch. Mit diesem Stab tritt Moses vor den Pharao und sein Stab frisst alle Stäbe der Zauberer des Pharaos auf. Ein Zauberstab der den Tod besiegt und Neues hervorbringt. Mit diesem Stab spaltet Moses das Meer und mit diesem Stab lässt er Wasser aus dem Felsen entspringen.

Die Stäbe der folgenden Zeit wurden aus dem Mandelbaum geschnitzt. Der Mandelbaum erblühte als erster Baum im Januar und wurde so zu einem Symbol der Auferstehung – so deuteten es die Kirchenväter.

„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht, muss ich auch wandern in dunkler Schlucht, du bist bei mir“ so beten die Israeliten in Psalm 21, wo Gott als der gute Hirt besungen wird. Stab als Schutz und Gegenwart Gottes. Wenn der Hirte mit seiner Herde unterwegs war, dann klopfte er alle paar Meter mit seinem Stab auf den Boden und die Herde vernahm das Klopfzeichen als Nähe des Hirten. Der Stab war Klopfzeichen Gottes. Der Stab als verlängerter Arm des Hirten hielt die Herde zusammen. Wenn die Herde abends ihn ihr Gatter gesammelt wurde, dann hielt der Hirte den Stab quer und jedes einzelne Schaft musste hier hindurch schlüpfen. So zählte der Hirte seine Schafe, schaute jedes an ob es verletzt war oder gesund daher kam. Klopfzeichen Gottes! Er wusste um jedes einzelne Schaft. Er gab ihm Schutz und Zuversicht.

Nur mit einem Wanderstab ausgerüstet sollte der Dienst an der Freiheit getan werden. Es war die Ausrüstung des freien Mannes. Mit dieser Ausrüstung sollten die Jünger die bösen Geister austreiben. Der Stab erinnerte an die Freiheit und an ein neues Leben. In Christus waren sie freie Männer mit Vollmacht. Das war das Wunder des Lebens, ein Zauberstab. Dieser Stabwechsel sollte sich immer wieder vollziehen und so wird der Stab heute in unsere Hände gelegt. Wir sollen nicht eine Lehre vollziehen oder Gebote auferlegen, wir sollen nicht den Stab über andere brechen, sondern mit dem Stab des Lebens den Tod austreiben.

Wollen sie uns schlagen, so fragten vor der Kirche einige als ich diesen Stab in der Hand hielt. Ja, an dieser Vorstellung ist etwas Wahres dran: Wo die Freiheit des Menschen gekündet wird, da geht es nicht zimperlich zu. Böse Geister und Fremdbestimmung kann man nicht austreiben durch höfliches Bitten, durch zaghaftes wünschen, sondern nur durch hartes und deutliches Tun. Nehmt nur einen Wanderstab mit: eine große Verheißung und eine nachdrückliche Kritik an der Verkündigung der Kirche von heute. Eine Kirche deren Hände gebunden sind an Beamer, Pfarrbüros, Antwortbeantworter und tausend Medien kann nicht faszinierend wirken. Überzeugend wirkt sie nur, wenn es in ihr freie Menschen gibt, die in der Tradition des Wanderstabes gehen. Wanderhirte sollen wir sein, keine Sesselfurzer.

Pastor Georg Koch

Freude und Begeisterung des Glaubens

5. Ostersonntag, 6. Mai 2012

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht." Johannes 15,5

Wenn wir unseren Glauben und unsere Religion Menschen in einer anderen Kultur erklären sollten, wenn wir den Weg beschreiben würden, wie wir zu unserem Gott kommen könnten, dann würden viele sagen:
Die Gebote halten, das ist wichtig. Gebete sprechen, Entsagung üben, Vorschriften beachten, Riten einhalten, das hilft uns auf dem Weg zu Gott. Gut ist es ebenfalls, wenn wir den Katechismus kennen und um die Dogmen wissen.
Unsere Religion, unser Glaube, wird eher sachlich-kühl, nüchtern und vernunftmäßig gelebt.
An all diesen Bemerkungen ist etwas richtig dran, aber sie treffen nicht die Mitte unseres Glaubens.
Jesus gibt uns heute ein Bild zum Anschauen, was tiefer geht und uns sinnenhafter anspricht.
Es ist das Bild des Weinstockes.
Die Frucht des Weinstockes ist der Wein und nicht das Wasser. Die Frucht des Weinstockes ist die Freude und nicht die Langweile.
Der Weinstock ist auch ein Bild, das die Griechen lieben. Dionysos ist der Gott des Weines und der Ekstase. Ohne die Ekstase verkümmert der Mensch. Erst in der Ekstase überschreitet er sich selbst und kommt zu Gott hin. Sie bietet dem Menschen Wege an, für einen Moment seine gewöhnlichen Grenzen und Strukturen zu verlassen, die uns allzu oft einengen.

Der Wein, die Frucht des Weinstockes, erfreut uns, er schafft Gemeinschaft und führt uns hin zur Begeisterung.
Im positiven Sinne braucht der Mensch etwas, an dem er sich berauschen kann, wo er maßlos sein kann.

Mitten in einer Gesetzesreligion setzt Jesus dieses Bild des Weinstockes ein und als der wahre Dionysos will  er uns davon befreien und die schöpferische Mitte des Menschseins und des Glaubens freilegen.
Der Mensch kann hier aus sich heraustreten, über sich hinauswachsen und sich mit seinem liebenden Gott vereinen.
Christentum ist also nicht eine nüchterne und bürgerliche Religion. Es will uns den Raum eröffnen, wo wir vernarrt und verliebt sein dürfen in unsere Mitmenschen und in unseren Gott.
Das Bild des Weinstockes drückt die freudige Seite unseres spirituellen Weges aus. Das Ziel unseres Weges ist die Ekstase der Freude in der Vereinigung mit Gott.

Der Dichter Novalis hat diese Bewegung vortrefflich verdichtet:

„Hätten die Nüchternen
einmal gekostet,
alles verließen sie,
und setzten sich zu uns
an den Tisch der Sehnsucht,
der nie leer wird.
Sie erkennten der Liebe
unendliche Fülle,
und priesen die Nahrung
von Leib und Blut."

Hier findet sich die Wirklichkeit des Weinstockes: Die Trunkenen stehen den Nüchternen entgegen. Wer einmal gekostet hat vom Tisch der Sehnsucht, wir nimmer davon lassen können.
Und wir spüren die Ambivalenz, dass Verlockendes und Gefährdendes sich mischen, wenn einer die Sehnsucht verkostet hat, angezogen vom Rausch der Begeisterung.
Dann erkennen wir der Liebe unendliche Fülle und preisen die Nahrung von Leib und Blut.
Dieser Tisch der Sehnsucht wird uns in der Eucharistiefeier immer wieder gedeckt in den einfachen und sinnenhaften Zeichen von Brot und Wein.
So einfach und glückhaft ist unser Glaube. Gott tischt sich uns auf. Er gibt sich uns zu essen. Und wir sagen: Liebe geht durch den Magen.

Ist diese Sehnsucht in uns noch lebendig? Sind wir so mystisch, dass wir in Brot und Wein unseren Gott erspüren? Können wir in ihn vernarrt und verliebt sein? Sind die Gottesdienste kostbare Stunden für uns, wo wir mit Gott eins sind?

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben: Wenn der Weinstock als Frucht den Wein hervorbringt, so solle auch in den Reben diese Freude spürbar werden. Allerdings müssen wir mit ihm verbunden bleiben, dem wahren Weinstock.

So werden wir im wahrsten Sinne Verwandelte, Begeisterte, Verliebte und überschreiten jede Gesetzesreligion.

Freude und Begeisterung werden zum einem Kennzeichen christlichen Lebens.

Georg Koch

„Ich mag dich leiden!“

Predigt zum Palmsonntag 2012

Wenn wir in Rom sind, dann besuchen wir nach Möglichkeit die kleine Kirche „Quo vadis" an der Via appia vor den Toren Roms. Die Legende berichtet von diesem Ort. Die Gemeinde hatte Petrus nah gelegt, er solle sich in Sicherheit bringen, da er verfolgt würde. Er könne dann die frohe Botschaft vom Erbarmen Gottes woanders verkünden.

An dieser Stelle, wo die Quo vadis Kirche steht, dort sei ihm Christus begegnet. Petrus habe ihn gefragt: „Quo vadis, domine?" „Wo gehst Du hin, Herr?" Christus habe geantwortet: „Ich gehe in die Stadt hinein um wieder gekreuzigt zu werden." Diese Begegnung bewirkte die Umkehr des Petrus.  Er geht zurück in die Stadt, um wenig später ergriffen und selbst gekreuzigt zu werden.

Jedes Mal wenn ich an diese Legende erinnert werde, dann frage ich mich: Bist Du auf der Flucht? Welchen Weg gehe ich? Will ich der Bedrängnis und dem Leid aus dem Weg gehen?

Jesus zieht an diesem Palmsonntag in Jerusalem ein. Er weiß, dass er dort scheitern wird. Die Botschaft von dem Erbarmen Gottes wird ihn das Leben kosten. Er wollte, dass der Mensch einen direkten Zugang zu Gott habe. Das macht ihn gefährlich.

So zieht er in die Stadt als ein König ein, der Frieden bringt und die Sanftmütigen selig erklärt. Er zieht nicht auf hohem Ross ein, sondern auf einem Esel. Er geht den Weg der ohnmächtigen Liebe.

Sind wir bereit in unserem Leben, diesen Weg der ohnmächtigen Liebe zu gehen? Wir alle machen die Erfahrung, dass wir einander lieben möchten, es aber nicht genügend können. Immer wieder schiebt sich etwas zwischen uns Menschen. Manches Mal unbeabsichtigt, meist aber aus der Ichverhaftetheit unseres Herzens.

Da drängt sich die Einsicht auf, dass wir ohne ein gutes Stück leidender Liebe nicht recht Christ und Mensch werden können. Es ist eine alte Erfahrung. Sagen wir doch zu einem Menschen, dem wir gut sind: „Ich mag dich leiden". Das heißt doch: Ich möchte das Leiden an dir in Kauf nehmen und dir so zeigen, dass ich dich liebe. Ich bin bereit, bei dir zu bleiben auch wenn es durchs Dunkle geht, auch wenn ich an deinen Ecken und Kanten leide.

Bei einem Kondolenzbesuch in diesen Tagen sagte mir eine Frau: Ich habe nur wenig darüber gesprochen. Wir waren fast sechzig Jahre miteinander verheiratet. Mein Mann war zwanzig Jahr lang Alkoholiker. Meine Kinder haben oft gesagt: Lass dich doch scheiden. Ich habe ihnen geantwortet. Ich habe meine Treue versprochen in guten und in schlechten Tagen. Nun haben wir vor dem Tod meines Mannes noch fünf Jahre gut miteinander leben können, weil er in dieser Zeit „trocken" war.

Auch Gott spricht zu uns: Mensch, ich mag dich leiden. Für diesen Satz ist Jesus in den Tod gegangen. Mit dem Einzug in Jerusalem hat er diesen Satz eingelöst.

Deshalb ist dieser Palmsonntag zu Beginn der Karwoche für uns so bedeutsam. Deshalb erhöhen wir das Kreuz. Wenn wir zu ihm hinaufschauen, dann werden wir daran erinnert: Gott ist selbst im Leid und im Kreuz uns gegenwärtig. Er ist ein Narr der Liebe.

Am Palmsonntag will Jesus Einzug halten in unserer Seele. Er will unsere Seele öffnen für eine Liebe die sagt: Mensch, ich mag dich leiden.

Die bange Frage, ob wir dabei nicht den Kürzeren ziehen und schließlich doch zu Verlierern werden, beantwortet uns nur Jesus, dessen leidvoller Kreuzweg sich letzten Endes doch als ein königlicher Weg erwiesen hat.

Seine Liebe mag uns leiden und besiegt somit den Tod. Ostern beginnt mit dem Einzug in Jerusalem. Quo vadis, Mensch, wohin gehst Du? Und Petrus kehrte um!

„Ich mag dich leiden" – das ist die Einladung an uns am Palmsonntag.

Pastor Georg Koch

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