Sonntagspredigten 2011

Die richtige Sorge

8. Sonntag im Jahreskreis 2011 - Matthäus 6,24 – 34

Es gibt ein Ehepaar, das in London wohnt. Eines Abends, als es spät war, kamen die Beiden aus einer U-Bahnstation und konnten die andere Seite der Straße nicht sehen, weil es einen dichten Nebel gab. Außerdem war es finster. Einen solchen finsteren Nebel hatten sie noch nie erlebt und sie fragten sich, ob sie den Weg nach Hause finden würden. Ein Fremder, der in der Nähe stand, hörte von ihren Sorgen und bot ihnen an, sie nach Hause zu führen. Die Beiden waren skeptisch, denn wie sollte dieser Fremde sie zu einem Haus führen, das er nicht persönlich kannte - durch einen Nebel, der so undurchdringlich war, dass alle Orientierungspunkte unsichtbar waren?

Aber dann hat der Fremde gesagt: „Machen Sie sich keine Sorgen; ich bin blind!" Er erklärte, dass er in dieser Nachbarschaft wohnte, und weil er blind war, hatte er gelernt, durch die Straßen und Bürgersteige zu navigieren, ohne sehen zu können. Er erzählte voller Freude, dass er an diesem Abend schon Duzende von Personen nach Hause geführt hatte, weil er nicht von Sehkraft abhängig war.

Diese Begebenheit kann als Gleichnis dienen. Sorge ist wie ein Nebel - wie eine dichte Wolke, die das Leben einhüllt und verdunkelt. Sorge ist wie eine Dunstwolke, die alles eintrübt. Sie wirkt einengend und erstickend, sie macht Menschen orientierungslos.

Sorge ist auch krankmachend. Es gibt einen Arzt mit dem Namen Charles Mayo, dessen Vater die berühmte Mayo Klinik errichtet hatte. Dieser Arzt sagte: „Sorge beeinträchtigt den Blutkreislauf, das Herz, die Drüsen und das ganze Nervensystem
Ich habe keine Menschen kennengelernt, die wegen Überarbeitung gestorben sind, aber viele, die wegen Verzagtheit zu Grunde gingen.

Wenn Jesus sagt: „Sorgt nicht um euer Leben," dann geht es nicht darum zu sagen, dass wir leichtsinnig leben sollten. Seine Worte sind nicht gegen Menschen gerichtet, die kluge Vorsorge treffen, die sorgfältig planen, die Versicherungen abschließen. Sondern es geht um eine grundlegende Verzagtheit, die Gott leugnet, die leugnet, dass Gott vertrauenswürdig ist.
Was Menschen brauchen, ist so etwas wie einen blinden Führer: d. h. jemanden, der sich nicht nach dem richtet, was vordergründig sichtbar ist, sondern der mit seinem inneren Auge etwas sieht, was die anderen nicht sehen.

Mag die Sorglosigkeit uns noch so viel bedeuten, wir werden die Lebensphilosophie Jesu doch merkwürdig finden, Kann man denn so überhaupt leben, ohne sich für das tägliche Brot, ohne sich für die Zukunft Sorgen zu machen, ohne das Leben zu planen? Wie immer dem sei: Wir spüren sofort, dass Jesus eine andere Sorglosigkeit meint als jene, die wir an der Fastnacht zur Schau tragen. Jesus scheint die Sorglosigkeit  zum Lebensprogramm zu erheben.

Aber gerade weil Jesus so tief mit den Menschen fühlt, weil er die Menschen so glücklich wie möglich machen will, möchte er ihnen unnötige Sorgen ersparen. Deshalb seine Mahnung, wir sollten uns nicht heute schon Sorgen wegen morgen machen. „Mach die keine Sorgen um ungelegte Eier", sagt der Volksmund sehr treffend. Deshalb erhebt Jesus die Sorglosigkeit zur Lebenshaltung. Wer an die Güte Gottes glaubt, wird mit einer sicheren Ruhe in die Zukunft schauen.
In der Lesung des heutigen Tages spricht Gott davon, dass er uns nicht verlassen wird. Deshalb sollte das Vertrauen auf die Vorsehung die Grundstimmung unserer Seele sein.

Ob wir an diese Vorsehung glauben? Jesus sagt deshalb, ihr wenig Glaubenden! Glauben wir daran, dass eines Tages das Lamm neben dem Wolf lagert, dass alle Tränen abgewischt werden, dass die Trennung zwischen den Verstorbenen und den Lebenden aufgehoben wird?

Was Jesus unter wahrer und falscher Sorglosigkeit versteht, erklärt er mit den Worten: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Auf das Wort dienen kommt es dabei an. Nicht dass das Geld uns gleichgültig sein soll, fordert Jesus. Er warnt uns nur davor, ihm zu dienen. Vielmehr ist das Geld dazu da, uns zu dienen, Nicht der Verzicht auf das Geld wird von uns gefordert, sondern ein überlegener Umgang mit ihm.

Mit diesem Hinweis will Jesus uns gleichnishaft zeigen, mit welcher inneren Freiheit wir mit den Dingen dieser Welt umgehen sollen.

Wenn Teresa von Avilas Wahlspruch lautet: Dios solo basta, Gott allein genügt, dann wollte sie damit nicht sagen, dass wir die Menschen nicht brauchen, sondern, dass wir uns nicht von ihnen abhängig machen, dass wir ihnen nicht dienen sollen. Denn dienen können wir nur einem: Gott, und aller Dienst auf dieser Welt ist nur dann in Ordnung, wenn er zugleich Gottesdienst ist.

Da meint Jesus, wenn er sagt: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit", das heißt: Lasst Gott allein Herr sein über euer Leben, lass es ganz seine Sache sein.
Die wahre Sorglosigkeit besteht nicht darin, dass wir für ein paar Stunden die Sorgen vergessen, sondern darin, dass wir in jeder Lebenslage ernsthaft mit Gott rechnen. Es kann uns ja nichts widerfahren, worum er nicht weiß. Wenn wir das glauben, dann haben wir es nicht nötig, uns an Menschen zu binden, dann sind wir unabhängig, dann sind wir frei.

Diese Freiheit der Kinder Gottes ist also die Verheißung der Bergpredigt. Vielleicht gilt dann für uns der Spruch: Machen sie sich keine Sorgen, ich bin blind, damit ihr sehen könnt.

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