Sonntagspredigten 2010

Wachet auf ruft uns die Stimme

Lesejahr A (Advent)

Der Liederdichter Philipp Nicolai war Pastor in Unna und in seiner Gemeinde grassierte die Pest. Zwanzig Personen und mehr musste er an einem Tag begraben. Wie sollte er den Leuten Halt und Trost geben?

Die Bibel war ihm hier Grundlage. Hier fand er Trostbilder, die schon das Volk Israel in der Gefangenschaft und im Exil getröstet hatten.

Sein Liedgedicht verdichtet solche Erfahrungen und wird zu einem Trostlied. Die Stadt Jerusalem, der Zionsberg, dort ist der Glaube verankert.

Die Wächter stehen auf der Zinne und schlagen normalerweise Alarm, wen ein Feind kommt. Jetzt aber wecken sie die Gläubigen, um sich vorzubereiten auf das Kommen des Messias, des Bräutigams.

Unvollendet leben

Der Tod des Moses – Deuteronomium 34,1-12

Wieder ein Höhepunkt im Leben des Moses auf dem Berg, auf dem Berg Nebo. So als sei neben dem Sinai auch noch sein Sterben ein letzter Höhepunkt. Vielleicht auch eine Gipfelerfahrung der Gnade.  Von diesem Berg aus erhält er Aussicht auf das gelobte Land. Aber da fällt ein Schatten auf diese Aussicht. Moses wird gesagt, dass er selber nicht dieses Land betreten werde.

Sein Leben war danach ausgerichtet, das war seine Sehnsucht, dafür hatte er Entbehrungen und Prüfungen auf sich genommen. Seit die Liebe Gottes am Dornbusch in ihm brannte, war er unruhig auf dieses Ziel hin. Mit dem Pharao hatte er gekämpft, durchs Schilfmeer war er trockenen Fußes gezogen, das Murren des Volkes hatte er ertragen. War dies nun alles umsonst gewesen? Nein, es war trotz aller Zwischenfälle kein Irrweg – das ist Gnade.

Moses stirbt hier nicht lebenssatt, sondern von ihm wird berichtet, dass sein Auge noch nicht getrübt war und seine Frische noch nicht geschwunden war.

Er darf schauen, was er geglaubt hat.

Geht es uns nicht ihn vielen Situationen auch so: Da wollten sie noch die Goldene Hochzeit miteinander feiern, und dann starb der Partner… Da pflegte man jemanden jahrelang, und dann hauchte er sein Leben aus ohne dass man dabei sein konnte… Da wollte man noch miterleben, was aus den Kindern wird, und dann muss man frühzeitig Abschied nehmen aus vielerlei Gründen…

Hier beginnen wir die Botschaft zu ahnen, die diese Erzählung vom Sterben des Moses für uns bereithält. Du wirst im Leben nicht alles vollenden können. Je älter du wirst umso drängender spürst du, was alles noch zu erledigen ist. Du willst dein Leben auf die Reihe bekommen: Hier ist noch etwas gut zu machen, dort wollte ich mich seit langem entschuldigen, jene Aufgaben wäre noch zu lösen.

Die Zeit reicht nicht mehr, es bleibt unvollendet, mein Leben.

Ist das nicht auch eine große Entlastung? Kann dies nicht auch befreien? Ich muss nicht den verpassten Gelegenheiten nachlaufen. Sie bleiben unvollendet.

Der große Moses, dieser charismatische Führer, er muss dies erkennen und akzeptieren.

Aber er stirbt nicht aussichtslos! Die Aussicht auf das gelobte Land wird ihm gewährt. Es ist ein Trost. Denn wir sind doch auch hier versammelt, um den Glauben zu feiern, dass wir in ein neues Land gehen. Die Aussicht auf das Land der Freiheit und der Liebe Gottes teilt uns Kräfte, abschiedliche Menschen zu sein.

Bei all dem ist Gott dabei, so hat Moses in den Situationen der Gefahr und der Rettung erlebt. Auch im Sterben ist Gott dabei! Die rabbinischen Legenden erzählen, dass auf den Lippen des Moses der Kuss des Herrn schwebte und mit einem Kuss nahm Gott die Seele des Moses zu sich, dass sie bei ihm ruhe. – Denn Deuteronomium 34,5  kann wörtlich genommen auch heißen: „Und es starb daselbst Mose, der Knecht des Ewigen, am Munde des Ewigen.“

Vier Botschaft finden wir in dieser großartigen Erzählung: a) Du darfst unvollendet leben, b) Du stirbst nicht aussichtslos, c) Gott ist immer bei dir, d) Loslassen befreit zum Leben.

Denn in dem Text wird erzählt, dass Moses seinem Nachfolger Josua die Hände aufgelegt hat. An ihn hat der den Gottesstab weiter gegeben. So hat er am Ende sein Leben bestellt.

All diese Prozesse verdichtet Hermann Hesse in seinen „Stufen“, wo es am Schluss heißt: Vielleicht wird noch einmal die Todesstunde uns neue Räumen jung entgegen senden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden: Wohlan den Herz, nimm Abschied und gesunde.

Pastor Georg Koch

Freie Menschen werden!

23. Sonntag Lesejahr C (Lukas 14,25 – 33)

Ist dieses Evangelium Frohbotschaft? Hört es sich nicht eher an wie eine Drohbotschaft? Vater und Mutter, seine Liebsten verlassen, das Leben gering achten, allen Besitz loslassen, das Kreuz auf sich nehmen? Hört sich dies nicht an wie eine Botschaft mit der Peitsche der Angst? Wir kommen beim Hören ins Stocken. Soll ich nicht lieber einen anderen Text aus der Bibel vortragen in einem Gottesdienst, wo die Firmlinge, junge Menschen, seit langem noch einmal hier anwesend sind und sich auf das Sakrament der Firmung vorbereiten wollen?

Weichen wir dann nicht dem Evangelium aus und suchen nur einen lieblichen Gott, der uns wärmt und unser Leben bei Feierlichkeiten schmückt? Wollen wir nur einen guten Gott, der uns auf satte Weide führt? Oder darf Gott uns auch herausfordern, konfrontieren?

Wie können wir diesen Text für unser Dasein fruchtbar machen? Ich glaube, dieser Text will uns helfen zu einem reifen Leben. Er will uns Anstoß sein, freie Menschen zu werden. Ich möchte drei Abnabelungen, drei Relativierungen benennen, die vom heutigen Evangelium gemeint sind:

  • Erstens die Abnabelung von Eltern, Herkunftsfamilie, von Tradition, um ein Original zu werden.
  • Zweitens die Abnabelung von Rollen, Funktionen, von unserem Beruf, um zu unserer Berufung zu kommen.
  • Drittens die Abnabelung vondem Zeitgeist, der uns bestimmt, um unsere unantastbare Würde zu bewahren.

Gewiss sind wir geprägt von unserer Familie, von unserer Vergangenheit. Aber wir sind mehr als nur das Produkt unserer Eltern. Mit der Abnabelung bei unserer Geburt soll ein Prozess beginnen, wo wir flügge werden. Wir sind kein Abklatsch unserer Eltern, sondern wir sind herausgefordert, Originale zu werden. Das Sakrament der Firmung will das von Gott her aussagen und besiegeln.

Gott hat uns berufen, jenseits unserer Menschenwelt Gott selbst als unseren wahren Vater und unsere wahre Mutter zu erkennen. Verankert im Absoluten, in Gott, können wir kindliche Abhängigkeit, Autoritätsgehorsam, Unterwerfung und Anpassung, alle irdischen Bindungen relativieren.

Diese Abnabelung ist nicht bloß eine Frage der Adoleszenz, sondern des ganzen Lebens. Wie viele Oma-Botschaften sind noch in unserem Kopf: Als guter Christ muss Du jenes tun, sollst Du Dich für dieses einsetzen. Diese Botschaften, wo soll und muss vorkommt, sollen wir ablegen, um freie Menschen, um Originale zu werden. Wahrlich, dies ist kein Spaziergang, manchmal ist es ein Kreuz damit, aber es befreit.

Die Abnabelung von unseren Rollen, Funktionen, von unserem Beruf ist ebenso schwierig. Viele gehen ganz in ihrem Beruf auf, halten sich zwanghaft ein Rollenvorschriften, handeln nur nach Gesetzen oder vorgeschriebenen Lehrplänen. Dieser Tage war in der Zeit zulesen, dass ein Staatsanwalt drei Jugendlichen einen Prozess macht, die gelogen haben. Weil sie in der Pflegefamilie bleiben wollten, haben sie geleugnet, dass die Pflegemutter ihr eigenes Kind geschlagen hat. Nun macht dieser Staatsanwalt ihnen den Prozess. Ist das nicht idiotisch! Kann man dies nicht mit ein paar Sozialstunden abgelten?

Vorschrift ist Vorschrift, Beruf ist Beruf! So ist man abhängig von Berufsvorschriften, wie der Lehrer, dem der Lehrplan wichtiger ist, als auf die Situation der Schüler einzugehen, deren Mutter verstorben ist.

Unsere Berufung ist es, ein Mensch mit Herz zu sein, die den Weg zu Herzen des anderen suchen sollen.Wahrlich eine Abnabelung, der befreit.

Die Abnabelung vom Zeitgeist ist wie eine Bergbesteigung, die Mühe herausfordert und Training voraussetzt. Dem Zeitgeist ist das Heilige nicht wichtig. Der Glaube ist dem Zeitgeist eher verdächtigt. Arbeiten, Geld verdienen, Leben genießen, das steht im Vordergrund. Der Mensch wird reduziert auf seine Nützlichkeit. Ist er behindert oder alt, dann wird seine Daseinsberechtigung in Frage gestellt.

Abnabelung von allem, was uns besitzt und besessen macht, los lassen all unseren Besitz, mit ihm umgehen,als ob wir nichts besitzen, dann ist eine große Kunst und ein herausfordernder Reifeprozess. Nur der freie Mensch, wird diese Aufgabe meistern. Und so führt diese Abnabelung zur wirklichen Würde des menschlichen Daseins.

Das heutige Evangelium relativiert alle biologischen, beruflichen und ökonomischen Bindungen und Abhängigkeiten. Es garantiert die absolute Würde des Menschen in seiner Verankerung in Gott, in der Gotteskindschaft. So ist dieses Evangelium eine frohe Botschaft, es ist die Botschaft vom freien Christenmenschen. Luther fasst es in einem Satz zusammen: Ein freier Christenmensch ist niemanden untertan und jedermann Diener.

Pastor Georg Koch

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