Sonntagspredigten 2008

Die Saat reifen lassen

16. Sonntag im Jahreskreis A, Matthäus 13,24 - 30

Wenn ich in mein Tagebuch vor zwanzig Jahren hineinschaue, dann finde ich Vorsätze, wie ich was verbessern will, was ich ausmerzen sollte, wo ich Veränderung anstrebe. Das, was ich damals als Unkraut ansah, sollte auf asketische Weise ausgerissen werden. Heute steht dies fast noch alles auf der Tagesordnung. Nur wenig hat sich geändert. Das Unkraut ist unmerklich in den Jahren mitgewachsen.

Geht es uns nicht oft so: Wir wollen am liebsten dazwischen schlagen, die Leute rausschmeißen, radikal aufräumen, reinen Tisch machen.

Auch die Knechte im heutigen Gleichnis werden bestimmt von diesem Impuls der Unkraut-Ausrupf-Askese.

Welch erstaunliche Überlegenheit legt dich der Gutsherr im Evangelium an den Tag. Er weist seine Knechte seelenruhig an, Unkraut und Weizen miteinander wachsen zu lassen. Es hätte ihm nicht an Macht gefehlt. Dennoch will er von einer gewaltsamen Säuberung nichts wissen: Lasst beides wachsen bis zur Ernte.

Weizen und Unkraut, Gutes und Böses haben nach Gottes Willen nebeneinander Platz in dieser Welt. Deshalb sollen wir nicht nur mit dem Guten, sondern auch mit dem Bösen behutsam umgehen.

Und wissen wir schon so deutlich und klar, was Unkraut und was Weizen ist? Führen uns nicht oft Umwege tiefer zum Ziel hin? Im Tagesgebet haben wir gebeten: Gott, lass uns der kommenden Woche das Gute abringen und hinter jeden negativen Erfahrung deine Güte entdecken.

Gewiss, manchmal möchten wir reinen Tisch machen. Wie ärgerlich ist es doch, wenn die Kommunionkinder oder die Firmlinge nach dem Sonntag der Sakramentenspendung dem Gottesdienst fernbleiben. Da wünschte ich mir manchmal schon eine harte Konsequenz.

Die Knechte sehen das Unkraut und binden daran ihre Kräfte. So ist es mit manch einer negativen Einrede, die uns immer wieder im Kopf herum saust. Darüber vergessen wir, uns über den Weizen zu freuen.

In der Kirche ist es ebenso: Was vor Jahren noch ketzerisch klang, hat die Kirche nach dem Konzil weiter gebracht.

Das Gleichnis lehrt uns, das wir Gott, dem Gutsherrn, überlassen sollen, wann etwas reif ist und in die Scheune eingefahren werden kann.

Die Langmut Gottes, geht mit uns barmherzig um. Eine Einladung an uns selber: Geh mit dir geduldig um. Konzentriere dich nicht auf das Ausreißen, sondern auf das Wachsen.

Stark ist nicht, wer dreinfährt, wer um sich schlägt, wer mit eisernem Besen das Haus kehrt. Stark ist, wer sein Herz weit macht; wer über sich selbst und seine Enge hinauswächst; wer mit menschlichem Irrtum nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst rechnet; wer Geduld hat zu warten, bis die Saat reif ist für die Ernte.

Pastor Georg Koch

„Heilt Kranke, weckt Tote auf, treibt Dämonen aus!“

Predigt am 11. Sonntag 2008

Was Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher vor dem Fernseher am Freitagabend essen, wohin sie in Urlaub fahren und welche Lieblingslektüre sie haben, das haben die Marktbeobachter alles statistisch erhoben.

Über uns Bürger wird genauestens Buch geführt – nicht von einem Aufpasser-Gott, der am Ende der Zeiten Rechenschaft für unser Verlangen verlangt, sondern von einem Heer von Durchleutern, die so gut wie jede Minute rund um die Uhr kontrollieren, was wir wo wie treiben.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die der Spiegel im April 2008 unter der Titelgeschichte „Wie ticken die Deutschen? Warum wir so sind, wie wir sind.“ veröffentlichte.

Hier ist man nicht an der Einzelperson interessiert. Gesucht wird: der Durchschnittsmensch.

Das zweite Ergebnis der „Spiegel“-Studien überrascht uns schon etwas mehr. Wir Menschen leben viel stromlinienförmiger dahin, als uns lieb und bewusst ist. Wir alle meinen Superindividualisten zu sein, innovativ, kreativ, expressiv. Ich bin ich.

Aber es ist anders. Die Realität allein schon der materiellen Dinge belegt die wahren Verhältnisse: Die persönlichen Abweichungen von Frau oder Herrn Mustermann bewegen sich in sehr engen Grenzen.

Es gibt eine schläfrige Uniformität, es gibt einen Bürger in Uniform. Fastfood, Instantkaffee, Cluburlaub, Schlagzeilenbildung. In den meisten Dingen des Lebens sind wir gleichgeschaltet. Zwei, drei große Ausrüster kleiden uns ein, ein, zwei Programme oder Zeitungen bilden uns.

Der Bürger ist bei aller zelebrierten Einmaligkeit der Bürger in „Uniform“ geworden, rundum uniformiert, normiert, reglementiert.

Aber: Gilt die Uniformierung des materiellen Lebens genauso fürs Geistige, oder ist da alles anders? Ist der Mensch noch Herr im eigenen Haus, zumindest in dem seines Gehirns.

Leider gibt es Anzeichen dafür, dass auch bei unseren geistigen Beschäftigungen der Durchschnitt, das Mittelmaß regiert.

Nur in einem Punkt – und das ist wohl das tatsächlich aufregende dritte Ergebnis dieser Studie – scheint es noch echte Individualisten zu geben, die sich in ihren existenziellen Lebens- und Geisteshaltungen vom Massenstrom unterscheiden. Vielleicht müsste man sie sogar schon als exotische Einzelgänger bezeichnen: im Bereich der Religion, des Glaubens, des Christseins.

Insgesamt verraten die Daten, dass jene Menschen, die religiös Glauben und Hoffen, die ihr Christsein ernstnehmen, zu einer vom Hauptmeinungsstrom deutlich abweichenden sehr „eigen-sinnigen“ Minderheit gehören.

Sie schließen sich dem Trend der Nivellierung nicht an. Wo „alle“ im Mainstream des Üblichen nicht mehr glauben, glaube ich. Freilich auch in einer vorgegebenen Gemeinschaft, in einem überlieferten Credo-Bekenntnis. Beim persönlichen religiösen Glauben und Hoffen handelt es sich jedoch noch am ehesten um einen Bereich, der entgegen der landläufigen Meinung am wenigsten normiert, am wenigsten uniformiert, am wenigsten nivelliert ist – auch weil Gott heute so wenig selbstverständlich ist.

Und solche Menschen, so zeigt die Untersuchung, essen anders, kaufen anders ein und buchen ihren Urlaub wo anders.

Den Raum mit dem größten Freiheits- und dem stärksten Widerstandspotential gegen die durchschnittliche, uniformierte Einheits-Kultur der Massengesellschaft hält momentan allein die Religion bereit.

Wir wehren uns gegen die unfehlbaren Hohenpriester von heute.

Da sind wir bei Auftrag des heutigen Evangeliums: Heilt Kranke, weckt Tote auf, treibt Dämonen aus! Dazu sendet Jesus seine Jünger und uns aus.

Haben wir die Überzeugungskraft dies alles zu verwirklichen? Wie viele sind heute krank, weil sie gleich geschaltet sind, Rädchen in einem System? Manche einer dümpelt nur noch dahin, ist mehr tot als lebendig, weil er mitschwimmt in dem Hauptstrom, den die Werbe-Psychologen suggerieren.

Dämonen, Aber-Geister, sollen gebannt werden. Wie viele werden gequält und bestimmt von alten Botschaften der Minderwertigkeit, des Selbstzweifels? Wie schwer erscheint es, diese bohrenden Vorwürfe auszutreiben?

Sie alle, die sie Sonntag für Sonntag sich beim Gottesdienst daran erinnern lassen, dass wir zur Freiheit berufen sind, bilden ein großes Widerstandspotential gegenüber einer gleichgeschalteten Massengesellschaft. Hier vollziehen und feiern wir etwas, was für viele als verrückt gilt. Hier kann ich wachsen und atmen – als Einzelner, als Individuum, als Kind Gottes: unaustauschbar, unverwechselbar, unangepasst, einzigartig, einmalig, frei.

Lassen sie uns in diesem Sinne froh Eucharistie feiern, lassen sie uns in diesem Sinne ausgiebig bei unserem Pfarrfest miteinander ins Gespräch kommen.

Pastor Georg Koch

Ungereimtheiten des Lebens

3. Ostersonntag A 2008

Wie wird man lebendig? Aus welchem Stoff sind die Ereignisse, die einen auf das Leben hinweisen? Gibt es ein Dasein ohne Brüche? Wann begegne ich dem auferstandenen Jesus Christus?

Im heutigen Evangelium, wo Jesus den Jüngern zum dritten Mal erscheint, finden sich soviel Widersprüchlichkeiten, so dass ich sie als Schlüssel zum Verständnis dieser Erzählung deute.

Sieben Jünger werden am Anfang der Schilderung genannt, einige mit Namen, bei den anderen sollen wir unsere Namen einfügen. Sieben ist die Zahl der Veränderung, der Verwandlung, der Neuschöpfung. Es ist die Zahl wo Gott und die Welt zusammenkommen und damit etwas Neues und Wunderbares geschieht.

Vier meint die Welt, drei meint Gott und beides zusammen spricht von den sieben Schöpfungstagen. Es geht also um eine Neuschöpfung.

Simon Petrus geht fischen, aber er fängt die ganze Nacht nichts. Die anderen sagen: Wir kommen mit. Es ist wie einmal ein Kabarettist sagt: Bei vielen Menschen ist ihr Sein das Dabeisein. Und wenn man nur dabei ist, dann bleiben die Lebensnetze leer. Da ereignet sich nichts Schöpferisches oder Verrücktes. Eingefahrene Bahnen.

Am Morgen – wie beim Schöpfungsmorgen – steht Jesus am Ufer und sagt: Kindlein, bringt mir etwas zu essen. Diese Anrede ist die Antwort auf die Leere und zugleich die Einladung, das Leben noch einmal zu wagen. Kindlein erinnert einmal an Vertrauen und zum anderen an Autorität. Es meint nicht Unmündigkeit. Die sieben Jünger antworten: Wie am Anfang des Schöpfungsmorgens, es ist Chaos, wir haben nichts.

Nun fordert der Meister sie auf: Werft Eure Netze auf der rechten Seite aus. Beginnt Euer Leben und Tun mit einer neuen Einsicht. Rechts ist die königliche Seite des Menschen und rechts ist die Seite Gottes. Jesus wird sich zur rechten Seite Gottes setzen. Dem Zacharias wird die Geburt eines Sohnes verkündet von dem Engel, der auf der rechten Seite des Altares erscheint. So können wir schlussfolgern: Aus der Perspektive Gottes heraus, von seiner Sicht her, vom Ufer der anderen Seite her, kann sich das Leben immer wieder füllen. – Jesus stand am Ufer, er ist hier Grenzgänger zwischen Tag und Nacht, zwischen Meer und Land, zwischen festem Boden und schwebendem Dasein. –

Als sie die Netze übervoll haben, sagt der Jünger, der Jesus liebt: Es ist der Herr! Petrus hingegen zählt die Fische. Das Intuitive und Spontane und Überraschende und das Praktische gehen eine Einheit ein und finden zu einer neuen Erkenntnis.

Hundertdreiundfünfzig Fische werden gezählt. Zu der Zeit , wo dieser Stoff des Lebens entstand, kannte man 153 Fischsorten, was darauf hinweisen könnte, dass alle Völker, die gesamte Schöpfung, gemeint ist, wenn es um die Verkündigung des neuen Lebens geht. Dann sehen sie Kohlenfeuer am Boden und Jesus lädt sie ein, das Ihrige hinzuzubringen, Es ereignet sich eine neue Einheit, Göttliches und Menschliches kommt zusammen und man wird satt.

Keiner fragte, wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Und Jesus gab ihnen zu essen.

Ein Text voller Ungereimtheiten, der Sinn macht.

Bei unserem Arbeiten und beim Mahl feiern, begegnen wir dem neuen Leben, können wir selber eine Neuschöpfung werden.

Gerade die Ungereimtheiten sind der Stoffe, aus dem diese Geschichte entstanden ist. Wenn wir solche Ungereimtheiten in unserem Leben entdecken, dann können wir dem Leben näher sein, lebendiger sein, als wenn alles in eingespurten Pfaden verläuft. Also: ein Buchalterdasein, ein genaues Auflisten aller Erfahrungen, lässt uns eher abstumpfen und wir wirken wie tot.

Wenn uns jemand sagt: Du bist ver-rückt, dann mag es sein, dass wir gerade aus dem Grab auferstanden sind. Die Brüche und Ungereimtheiten und Überraschungen des Lebens entbergen das wirkliche Leben. Das ist der Stoff, aus dem die Geschichten für das Leben gestrickt werden.

Seien sie also öfters und immer wieder verrückt!

Pastor Georg Koch

Wen suchst du? Drei Perspektiven über die Liebe!

Ostersonntag 2008

Maria von Magdala – eine Gestalt in den Ostergeschichten, die uns etwas über die Liebe lehren will.

1. Liebe macht blind: Sie hat ein Bild von Jesus im Kopf. Diesen Jesus sucht sie. Und deshalb sieht sie ihn nicht, obwohl er neben ihr steht. Denn er ist ein anderer geworden. Für diesen Jesus, der sich verändert hat, ist sie blind.

Liebe macht blind, dass sagen wir öfters im Sinne: Wer verliebt ist, ist blind für die Schwächen und Fehler des anderen. Wer verliebt ist, der entschuldigt alles und sieht den anderen in einem verklärten Licht. Dies ist bei Maria von Magdala nicht gemeint. Sie ist einfach der Vergangenheit verhaftet.

2. Liebe macht sehend: Maria von Magdala gehen plötzlich die Augen auf. Als sie angesprochen wird von dem vermeintlichen Gärtner und merkt: Es ist die gleiche Stimme, die gleiche zärtliche Anrede, da macht Maria von Magdala eine innere Umkehr. Das Evangelium bringt es ins Bild: Obwohl sie die ganze Zeit mit Jesus spricht, heißt es: Da kehrte Maria um. Sie kehrt ihre Sicht von Jesus um. Sie kapiert: Echte Liebe verbietet, dass ich den Geliebten in ein Bild einsperre. Echte Liebe gibt dem anderen die Möglichkeit, dass er anders werden darf. Dass er anders denken und sich anders entwickeln darf als ich möchte.

3. Liebe heißt: nicht festhalten: Sie möchte Jesus einpacken. Aber der Weg geht weiter. Je mehr Vertrauen ich zum anderen habe, desto mehr kann ich ihn loslassen, ohne Angst, dass ich ihn verliere. Desto mehr lasse ich ihn frei für das Ziel, zu dem er sich im Innersten hingezogen fühlt. Und vielleicht kann das auch meinen Lebensweg bereichern.

Wen suchst du? Mit dieser Frage beginnt das Osterevangelium. Und am Schluss heißt es: Ich habe den Herrn gesehen. Echte Liebe ist ein langer Prozess. Liebende suchen sich ein Leben lang, bis sie sagen können: Ich habe ihn gesehen, wie er wirklich ist.

Wen suchst du? Diese kurze Frage kann uns den Horizont der Osterbotschaft eröffnen und uns selber in Frage stellen. Vielleicht suche ich meist den Mann oder die Frau meiner Wunschträume. Vielleicht suche ich die Liebe ohne Leid und Streit. Aber ein leidfreies Leben und streitfreie Beziehungen gibt es nicht. Enttäuschungen und Spannungen sind nicht zu vermeiden, sondern müssen ausgehalten werden. Und jede durchlittene Enttäuschung und jede ausgehaltene Spannung machen uns reifer und fester. Sie helfen uns, umzukehren und so ins Leben und in die Liebe zu kommen.

Pastor Georg Koch

Diamantene und Goldene Kommunion

in St. Ignatius in Betzdorf 2008

Noch einmal ausfahren, noch einmal sich verändern!

Wenn ihr zurück schaut auf 60 oder 50 Jahre seit eurer ersten hl. Kommunion, dann gibt es ein paar Entwicklungen und Ereignisse, die besonders markant sind.

Für die meisten ist Wohlstand selbstverständlich geworden. Viele sind in diesen Jahren auf Reisen gegangen. Manch einer hat fremde Länder besucht, die für unsere Vorfahren als unerreichbar galten. Insgesamt  kann man feststellen: Wir sind beweglicher geworden, wir sind mehr unterwegs. Wir sind noch einmal aufgebrochen, vielleicht mehr äußerlich, die eine oder der andere aber auch innerlich. Menschen gehen auf Reisen um etwas anderes kennen zu lernen, viele möchten bei dieser Reise sich selbst auf die Spur kommen.

Diese Sehnsucht wird auf wunderbare Art in dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ beschrieben. Dieses Buch kann für uns ein Spiegel sein, wo wir entdecken wer wir sind.

Eines Morgens begegnet dem Lateinlehrer Raimund Gregorius auf seinem Weg zur Schule eine lebensmüde Frau. Im strömenden Regen steht sie mitten auf der Berner Kirchenfeldbrücke und zerknüllt einen Brief. Als sie über das Geländer klettern will, hält Gregorius sie vom Sprung ab. „Was ist ihre Muttersprache?“, fragt er. „Portugues“.

Die Melodie dieses einen Wortes weckt eine seltsame Sehnsucht in Gregorius. Er, der korrekte Altphilologe, wegen seines immensen Wissens und Pflichtbewusstseins „Mundus“ genannt, verlässt kurz darauf seine Schüler mitten im Unterricht.

In einem Antiquariat entdeckt er das Buch eines portugiesischen Autors namens Prado. Ein schmaler Band voller Gedanken und Fragen: „Wenn es so ist“, steht dort, „dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?“

Noch in der Nacht übersetzt er das erste Kapitel mit Hilfe eines Lexikons. Um 4 Uhr Morgens sitzt er reisefertig in seinem Sessel, und als es hell wird, bricht er auf und steigt in den Nachtzug nach Lissabon. Kaum dort angekommen, macht er sich auf die Suche nach den Spuren des inzwischen verstorbenen Schriftstellers. In zahlreichen Gesprächen mit Freunden und Verwandten des Toten, die er ausfindig macht, versucht Gregorius dessen bewegtes Leben nachzuempfinden. Je mehr er dem gesuchten Schriftsteller auf die Spur kommt, desto mehr entdeckt der scheue Lateinlehrer an sich selbst neue Seiten. Und er geht regelrecht auf einen Erkundigungstrip nach sich selbst. Er legt sich ein neues Outfit zu: eine knallrote Brille. Er streicht sich Gel in die Haare. Und er, der immer wegen seines alten Anzugs gehänselt wurde, geht plötzlich in eine Boutique und kauft sich den letzten Schrei der Mode. Eine ihm bis dahin unbekannte Neugier auf Menschen und eine starke Sehnsucht nach Lebensintensität treibt ihn förmlich durch fünf aufregende Wochen in Lissabon.

Nach fünf Wochen kehrt Gregorius zurück nach Bern. Allerdings kennt er sich mit sich selbst nicht mehr aus. Er fühlt sich krank. Aber weder er selbst noch der Leser wissen, ob das besorgniserregend ist oder ob das eine neue Geburtsstunde bedeutet.

Liebe Kommunionkinder, die ihr schon älter geworden seid: Im Evangelium wurde uns eine ähnliche Situation geschildert. Petrus hatte das Empfinden, das sein Leben, seine Lebensnetze leer sind. Jesus fordert ihn auf: Fahr noch einmal aus und werfe deine Netze in der Tiefe aus.

Könnte dies nicht eine Einladung an uns, an euch sein an diesem Jubiläumstag? Noch einmal auf die Suche nach sich selbst zu gehen, noch einmal sich im Alter zu verändern?

Im Bereich des Glaubens wäre das eine Chance. Der Glaube, der euch damals vermittelt wurde von Pastor Fuhrmann oder von Pastor Neunzehn, das war ein Glaube, der auf Geboten und Vorschriften beruhte. Und manche bittere Erfahrung verbindet ihr damit. Manch einer hat sogar Abschied von solchem Glauben im Laufe der Jahre genommen. Jetzt könnt es heißen, noch einmal auf Reisen zu gehen, aufzubrechen. Werfe Deine Netze in die Tiefe aus, so mahnt der Evangelientext. Glaube, der in vielen Dingen äußerlich geblieben war, soll innerlich neu entdeckt werden. Und es könnte sich lohnen, da viele von euch ja noch zehn, zwanzig Jahre vor sich haben.

Gewiss mit 60 oder 70 Jahren wird man keine großen Sprünge machen, keine waghalsigen Unternehmungen mehr angehen. Und vielleicht wird der eine oder andere in diesem Alter auch nur noch umgebettet.

Werfe Deine Netze in der Tiefe aus: Wäre da nicht die Gelegenheit, Dankbarkeit zu lernen? Sich zu erfreuen an einem Sonnenaufgang, eine alte Beziehung zu versöhnen, dankbar zu sein für die körperlichen Kräfte, die man noch besitzt? Sich von der Melodie eines Worte oder eines Gebetes anrühren zu lassen?

Hand aufs Herz: Wer von uns hat nicht schon einmal davon geträumt, einfach auszubrechen aus seinem Alltag, wegzulaufen, alles hinter sich zu lassen – und sich selbst und das Leben neu zu entdecken?

Wer es wagt, dem sagt unsere Bibelstelle, dessen Lebensnetze füllen sich von der anderen Seite unseres Daseins bis zum Zerreißen. Jesus sagt dem Petrus, Du wirst von jetzt an Menschen gewinnen, Menschen fangen. Er ruft diesen Fischer nicht aus seinem Beruf, sondern hält ihn an, sein Tun zu vermenschlichen. Jeder und jede von uns hat diese Chance: als Hausfrau, als Opa, als Lehrer oder was für eine Tätigkeit er ausübt, diese menschenfreundlich auszufüllen. Wie viel wäre dann für unsere Gesellschaft gewonnen? Hier geht es nicht um eine bezahlte Leistung. Was wir ermöglichen können mit einfachen Mitteln, das sollten wir einsetzen für ein gutes Miteinander. Sonst liegt das Potential was in eurer Generation verborgen vorhanden ist, brach. Es ist vergraben wie das Gleichnis von den Talenten berichtet. Und wenn wir im Grab liegen, dann sind wir tot, mitten im Leben.

Geh noch einmal auf Reisen, fahr noch einmal aus, ändere dich noch einmal – das ist die Botschaft der Auferstehung. Aussitzen oder aufbrechen – jeder von uns kann das seine wählen. Ostern ruft uns auf jeden Fall zu: Werde ein lebendiger Mensch!

Das ist mein Wunsch an euch an diesem Tag, an eurem Jubiläum.

Pastor Georg Koch

Sich der Not und dem Leiden stellen

Palmsonntag 2008

Enttäuschungen und Niederlagen schmecken uns nicht. Dem Ängstigenden stellen wir uns nicht, Not und Tod verdrängen wir. Nur wenn wir dies alles in unserer Leben hineinnehmen, kann unser Leben heil werden. Nur was wir annehmen, können wir verwandeln.

Diesen heilenden Prozess müssen wir einüben. Deshalb stellt uns die Kirche zu Beginn der Karwoche die Passion Jesu vor. Am Palmsonntag lassen wir uns noch rühren und jubeln oder stimmen ein in das Hosanna. Aber dann kommen die Tage, wo wir nach innen gehen müssen. Den Weg Jesu erspüren am Gründonnerstag, wo der Verrat geschieht, am Karfreitag, wo die Kreuzigung ansteht, am Karsamstag, wo das Dunkel und das Schweigen sprechen.

Der amerikanische Psychoanalytiker Irvin Yalom hat über Jahre Krebspatienten therapeutisch begleitet und machte dabei die erstaunliche Erfahrung, dass viele von ihnen ihre Krise und ihre Gefahr als eine Gelegenheit für einen grundlegenden Wandel nutzten.

Mit einem Mal wurden sie fähig, in ihrem Leben Prioritäten zu setzen, tiefergehende Beziehungen zu leben und das Leben in der unmittelbaren Gegenwart intensiver wahrzunehmen. Es zählten nicht mehr nur Leistung und äußerer Erfolg, sondern das Leben im Hier und Jetzt. Diese Erfahrungen führten Yalom zu der Erkenntnis, dass unser Leben verarmt, wenn wir grundlegende Dinge unseres Daseins wie unsere Endlichkeit und Begrenztheit ausblenden.

Die Karwoche will uns helfen, dass wir diesen inneren Weg gehen lernen. Sie will uns Zeit und Raum geben, in denen wir sein können, wie wir wirklich sind.

Die Palmzweige am Beginn der Karwoche wollen uns daran erinnern, dass durch das Dunkle hindurch neues Leben frühlingshaft aufblühen kann.

In ihrem Gedicht mit dem Titel „Jesus“ umschreibt die Schweizer Benediktinerin Silja Walter die Erfahrungen, die Menschen auf dem Weg mit diesem Jesus von Nazareth machen können:

„Von frühmorgens an
lief ich
durch alle Türen
auf einen armen Juden
zu
und fiel
als die Nacht kam
in die Sonne hinein.“

Eine große Dynamik der Bewegung prägt diese Zeilen. Von morgens bis abends ist sie unterwegs. Sie läuft durch alle Türen und lässt sich nicht aufhalten durch das, was sich ihr entgegenstellt. Als die Nacht kam, „fiel ich in die Sonne hinein.“ Das ist ein wunderbares Bild dafür, was Menschen durch die Zeiten erlebt haben, wenn sie sich auf Jesu einließen: Sie erlebten ihn als die Quelle des Lichtes. Und so heißt es in den Osterberichten: Eben als die Sonne aufging, waren sie unterwegs zu dem Auferstandenen…

Die Karwoche und die Passionsgeschichte ist also eine Etappe für unser inneres Leben. Das Ziel ist das Licht, die Sonne, dazu sind wir unterwegs. Die Palmzweige sind ebenso ein Symbol für das neue Leben. Karwoche – ein frühlingshafter Anfang, im Dunkel beginnt das neue Leben.

Stellen wir uns also den Schattenseiten des Lebens und lassen sie verwandeln von unserem Erlöser, fallen wir in die Sonne hinein.

Pastor Georg Koch

Lazarus, komm heraus! Werde lebendig!

Fünfter Fastensonntag Lesejahr A 2008

Es ist eine Geschichte voller Widersprüche, diese Legende über die Auferweckung des Lazarus. Als er krank ist und noch lebt, geht Jesus nicht zu ihnen hin, obwohl es nur ein paar Meilen entfernt liegt. Er riecht schon und Marta will nicht, dass der Stein von dem Grab genommen wird. Er kommt aus dem Grab, obwohl er mit Binden umwickelt ist.

Vielleicht ist gerade der Vers 44 ein Angelpunkt, um diese Geschichte für uns zu deuten und in unser Leben hineinzuholen: „ Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umhüllt.

Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!“

Eher befremdlich: Die Schwestern hatten sich um ihn gesorgt, sie waren untröstlich und nun soll er seine eigenen Wege gehen. Nicht zu ihnen nach Hause, in das behütete Heim der Schwestern, sondern auf eigenen Füßen soll er stehen.

Wo sind wir in unserem Leben, in unseren Beziehungen, umgarnt, eingewickelt, wird von uns erwartet, dass wir die Wünsche unserer Umgebung erfüllen?

Manchmal nimmt es uns die Luft zum Atmen, wenn Eltern uns von morgens bis abends umsorgen, uns Vorschriften machen.

Dieser Tage klagte mir noch eine Frau um die fünfzig, dass ihre Mutter sich in alles in ihrer Familie einmische. Sie fühle sich wie erdrückt und sie habe keinen eigenen Spielraum.

Wenn die Hände und Füße uns gebunden sind, dann vermögen wir unser Leben nicht in die Hände zu nehmen und keine eigenen Schritte setzen.

Unsere Sicht ist versperrt, wenn ein Schweißtuch unsere Augen bedeckt. Ein aussichtsloser Zustand.

Es ist die Beschreibung eines unfreien Daseins. Selbst ein Stein oder Steine liegen lastend auf unserem Leben.

Jesus, so schildert es diese Legende, ist erschüttert ob solcher Einengungen, ob solchem Unlebendigsein. Lazarus komm heraus! – das ist sein Befehl.

Wo vernehmen wir solchen Ruf? Wo sind wir eingebunden in einengende Beziehungen, in Vorschriften und Gesetze, in Wünsche unserer Partner?

Wie kommen wir heraus aus solchen Gräbern?

Bevor Jesus Lazarus ruft, erhob er seine Augen zum Himmel und dankt seinem Vater. Es ist die Perspektive des Himmels, die Befreiung ermöglicht.

Jesus schaut nicht auf die Widrigkeiten, die vor den Füßen liegen, sondern er weitet seine Sicht zum Himmel hin.

Wenn Jesus unserer inneres Selbst symbolisiert, dann ist diese Kraft der Befreiung auch in uns angelegt. Mit dieser Kraft in uns müssen wir in Kontakt treten.

Dann werden wir Aufstehen mitten im Leben längst vor dem Tod. Dann werden wir erst verstehen lernen, was ewiges Leben heißt.

Eramus von Rotterdam formuliert einmal: Ähnliches wird von Ähnlichem ergriffen. Salopp gesagt: Wenn ich noch nie gelogen habe, werde ich die Lüge nicht erkennen. Wenn ich noch nie erfahren habe, was lebendig sein heißt, dann wird die Auferstehung und das Auferstehen nicht in meinem Horizont zu finden sein.

Lazarus komm heraus! Werde lebendig! Das ist die Botschaft dieser Erzählung.

In einem Lied von Gerhard Schöne heißt es:

Nur noch leere Muschel, nur noch schöner Schein. Ist das nicht das Schlimmste, lebendig tot zu sein? Manchmal stirbt man, wenn man völlig arglos eine Fliege quält. Manchmal stirbt man, weil die Watte einem aus den Ohren quillt. Manchmal stirbt man daran, dass man immer seine Pflicht erfüllt.

Oh, das ist das größte Wunder, wenn ein Toter aufersteht, wenn die Leichenstarre endet und in Leben übergeht, wenn die Brust vor Schmerz und Freude, Glück und Trauer wieder bebt, wenn die Augen wieder schauen und das Antlitz wieder lebt.

Sanfte, weiche Muschel, heller Lichterschein. Ist das nicht das Größte vom Tod erwacht zu sein?

Erfreuen wir uns noch am Lachen eines Kindes, hören wir noch das Trällern eines Vogels, sind wir noch ergriffen von einem tiefen Gebet?

All diesen Erfahrungen versperren wir oft den Weg, weil wir die Schutzbehauptung haben: Er riecht schon!

Wo ist der Lazarus in unserem Leben zu finden? Wen haben wir endgültig abgeschrieben? Der ist für uns tot. Tot ist tot, da kannst Du nichts machen! Mit dem ist kein Gespräch mehr möglich! Oft haben wir tausend Gründe jemand für tot zu erklären, über ihn zu sagen: Er riecht schon.

Loten wir diese Lazarus-Geschichte für unsere Situation aus! Seien wir einmal Lazarus, seine Schwestern Maria und Marta, einmal Jesus, und spüren wir einmal nach, wo über uns gesagt wird: Der riecht schon.

Auf jeden Fall sollten wir den Ruf und die Kraft Jesus in uns spüren: Lazarus komm heraus! Werde lebendig!

Dann sind wir auf einem guten Weg, Ostern, Auferstehung, Aufstehen, eigene Wege zu gehen – verstehen zu lernen.

Denn Ähnliches wird von Ähnlichem ergriffen.

Pastor Georg Koch

Mit der Sicherheit stirbt die Freiheit

3. Fastensonntag Lesejahr A, Exodus 17,1-7

„Mit der Sicherheit stirbt die Freiheit“ – dieser Spruch steht am Tübinger Jugendhaus. Provozierend werden wir diese Aussage beim ersten Lesen empfinden. Wir benötigen doch einen festen Halt, eingefahrene Strukturen, feste Riten, eben Sicherheit.

Mit der Sicherheit stirbt die Freiheit – haben die jungen Leute damit nicht doch recht? Wenn ich mich immer wieder absichere, alles voraus bedenke, berechne, plane, dann beschränke ich mich auch. Da nehme ich mir die Freiheit, mich auf unvorhergesehenes einzulassen.

Oder wenn alles stimmt in meinem Leben, dann kann es sein, dass ich unfrei werde durch Bequemlichkeit. Dann werde ich gebunden, unfrei durch die Stricke, die mich an meine Sicherheit binden.

Wenn ich nur Sicherheit will, dann kann ich auch nicht mehr offen sein für die Überraschungen Gottes in meinem Leben.

Dann sind wir schon mitten in der heutigen Lesung vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten: Wozu hast du uns aus Ägypten herausgeführt? Dort hatten wir Sicherheit: Arbeit, Essen und Trinken.

Das Volk will Sicherheit. Die Freiheit, der Auszug ist ihnen zu gefährlich. Dennoch ahnen sie, dass die Freiheit nur müh-selig zu gewinnen ist.

Erst waren sie begeistert von der neuen Freiheit und nun murren sie gegen Moses.

Es ist schon erschreckend mitanzusehen, wie sehr etwas, das eben noch gelernt und verstanden schien, im nächsten Moment bei der geringsten Spannung schon wieder „vergessen“ ist.

Gott hatte sie durchs Meer geführt, er hatte sie Brot in der Wüste finden lassen. Seine Fürsorge begleitete sie.

All das hatten sie vergessen.

Vielleicht will uns diese Erzählung gerade lehren, wie man mit Spannungen und mit Streit und Problemen umgehen kann. Und dies ist ein tröstlicher Zug in dieser Geschichte: Sie erhellt, dass es immer und ewig ein langwieriger Prozess ist, in die Freiheit zu kommen, ein selbständiger Mensch zu werden.

Wir müssen zu allererst Geduld mit uns selber haben. Und die nächste Lernerfahrung in der Wüste ist es: dass Enttäuschungen und Spannungen nicht zu vermeiden sind, sondern ausgehalten werden müssen.

Ein leidfreies Leben und streitfreie Beziehungen sind zwar unsere Sehnsüchte, die wir in uns tragen, aber wenn sie zu einer fixen Idee werden, verhindern sie den angemessenen Umgang mit der Realität.

In diesen Tagen wird in unserer Stadt darum gestritten, was das Beste für Betzdorf oder für Scheuerfeld sei. Es ist gut, dass darum gerungen wird und hoffentlich fair.

Der Streit kann dann zu neuen Erkenntnissen führen. Einfach abhauen und Posten aufgeben, das bringt uns kaum einen Schritt weiter.

Wer aus der Kirche auszieht, austritt, sich abmeldet, der kann nichts verändern. Nur wer die Spannungen aushält, der wird ein Stück Reife und Festigkeit gewinnen.

Es gibt keinen Weg zurück in die vorgeburtliche Urharmonie und totale Versorgung. Wer sich von dieser Sehnsucht zurück nicht lösen kann, bleibt gefesselt, sucht seine Sicherheit und dabei stirbt die Freiheit.

„Das Wasser des Lebens“ sprudelt nicht jederzeit und muss jeden Tag neu gesucht werden. Selber zu leben, ist anstrengend.

Das ist ein mühseliger Prozess. Und ist es nicht mühselig, dass wir unseren Kommunionkinder und gestern Abend den Firmlingen unseren Glauben als etwas befreiendes vermitteln wollen. Aber in dem Wort müh-selig steckt auch selig drin.

Kann es uns nicht am Ende eines Prozess des Streitens selig stimmen? Kann es nicht froh und befreiend sein, dass wir Enttäuschungen und Rückschläge überwunden haben?

In der Psychologie heißt es: Wenn der Bogen zwischen Wunsch und Erfüllung größer wird, dann gewinnen wir an Reife. Viele wollen, was sie wünschen, heute erfüllt haben. Haben wir einen Wunsch zurückgestellt oder ihn sogar vergessen, dann sind uns nächste Woche die Schuhe ziemlich egal, in denen wir heute gern herum stolziert wären.

Spannungen aushalten und daran wachsen, das kann ein Anliegen von Fastenübungen sein, die als Persönlichkeitsbildung und Lernaufenthalt in der „Wüste“ verstanden werden können.

Moses schlägt an den Felsen und Wasser strömt. Das können wir historisch verstehen, aber auch als zeichenhaft begreifen.

Fels und gewaltige Steine können stark beeindrucken. In ihrem positiven Aspekt vermitteln sie den Eindruck von Festigkeit, Sicherheit und Beständigkeit. So erinnern sie an das Ewige und Kraftvolle göttlicher Mächte.

In ihrem negativen Aspekt dagegen vermitteln sie den Eindruck von Verhärtung und Unbeweglichkeit.

Mit beiden Aspekten eignet sich der Fels hervorragend zur Symbolisierung des Selbst.

Eine gefestigte und kraftvolle Persönlichkeit, die Sicherheit vermittelt, soll ja aus dem Selbst entwickelt werden. Dazu muss die Verhärtung aufgebrochen und alles Unbewegliche in Fluss gebracht werden.

So kann das Selbst zur Quelle der Lebendigkeit und der Lebensfülle werden. Aber eh dies geschieht, so sagt uns diese Erzählung, sind viel Geduld und viel ertragene Enttäuschungen und Spannungen notwendig.

Mit der Sicherheit stirbt die Freiheit – das ist die eine Erkenntnis. Die Freiheit benötigt Halt und Sicherheit, damit sie verwirklicht werden kann – das ist ein anderer Aspekt. Um beides müssen wir ringen in unserer Stadt und in unserer Kirche.

Pastor Georg Koch

Wie man berufen wird!

3. Sonntag Lesejahr A, Matthäus 4, 18 – 23

Das geht überraschend schnell. Da ruft einer und die anderen folgen ihm sofort auf der Stelle. Welch eine wunderbare Kraft muss in seinen Worten liegen, so vermuten wir. Als außergewöhnlich heften wir diese Berufung ab uns sind aus dem Schneider. Aber war dies einfach so?

Der Evangelist schildert hier auf eine idealtypische Weise diese Jüngerberufung. Sofort folgten sie ihm, das ist im Zeitraffersystem formuliert. Oft vergehen in diesem „Sofort“ Monate oder Jahre bis eine Entscheidung realisiert ist. Aber in diesem Augenblick hat es „geklickt“.

Die Jünger hatten einmal in sich eine Sehnsucht, nach einer neuen Welt. Sie wussten um einen Gott, der Neues schaffen konnte. Sie wohnten im Wort Gottes und kannten die biblischen Schriften. Meist könnten sie diese sogar auswendig. Sie hatten ein waches Organ für den Ruf Gottes.

Etwas Ähnliches wird in einer Geschichte erzählt: Ein Indianer geht mit einem Freund in einer amerikanischen Großstadt spazieren. Mitten im Lärm der Stadt fragt er: „Hörst du die Grille zirpen?“ Sein Freund bemüht sich sehr, hinzuhören, und stellt dann fest: „Ich kann sie nicht hören“. Einige Zeit später lässt der Indianer eine Münze fallen, der Amerikaner reagiert sofort: „Du hast ein Geldstück verloren.“ Der Indianer antwortet darauf: „Eine Geldmünze hörst du fallen, aber das Zirpen einer Grille vernimmst du nicht.“

Der moderne Mensch von heute ist darauf trainiert, ganz bestimmte Anfragen zu hören. Das Organ für die Botschaft des Evangeliums, für den Anruf Jesu scheint dagegen verkümmert.

So kann uns die Berufungsgeschichte anhalten, zu lernen, wie wir wach werden für die Anrufe unseres Glaubens. Wie können wir wohnen im Wort Gottes?

Unsere menschliche Erfahrung sagt uns: Alles, was mit Leichtigkeit und ohne Mühe erreicht werden soll, birgt in sich die Gefahr, dass es nicht bleibt oder keine Tiefe erreicht. Ich kann eben nicht einfach tändeln und so etwas Bedeutendes schaffen. Lernen geschieht unter Mühen. Erst nach Suchen und Forschen fallen uns die Erkenntnisse zu. Tiefes Erkennen erreiche ich im Normalfall nur unter Mühen.

Wenn ich mit diese Geschichte anhöre, die so passabel formuliert ist, dann werde ich sie mir nur merken, wenn ich sie noch einmal nachgehe, sie für mich umspreche., wenn ich mir die Mühe mache, sie in meinen Wortschatz und in meine Denkwelt einzubauen.

Jesus beruft die Jünger nicht in eine andere Welt, sondern er nutzt ihre Lebenserfahrung und deute sie für eine neue Aufgabe. Wie sieht das in meiner Biografie aus, Menschenfischer zu werden, Menschen zu gewinnen? Kann ich das als Lehrer, Hausfrau oder Maurer? Wie viel muss ich daran basteln, bist es da klickt?

Ich muss für das Organ des Glaubens, damit ich eine Grille zirpen höre, erst einen Hintergrund oder eine Grundierung schaffen. Deshalb bin ich auch froh, dass die Eltern an diesen Sonntagen mit ihren Kommunionkindern den Gottesdienst besuchen. Hier wir durch Mühe ein Raum geschaffen und ein Ort im Herzen, wo man dem Heiligen und dem Großen begegnen auf es Hören kann.

Oft habe ich den Eindruck, dass Erziehung mit Verwöhnung verwechselt wird. Andererseits sagen wir einem Kind ja nicht: Rechnen kann du später lernen, wenn du weißt, wofür dies nötig ist. Schreiben und Lesen  - dafür brauchst du dich nicht zu mühen. Ein bekannter Pädagoge hat einmal formuliert: Verwöhnung ist eine Form  langfristiger Misshandlung. Wenn wir unseren Kindern die Geheimnisse des Glaubens vorenthalten, vergehen wir uns dann nicht an ihnen.

Und wie ist es bei uns selber? Auch das religiöse Leben kann nur in den Mühen des Lebens wachsen. Leicht rutscht es ja einfach ins Leere. Und dann meint einer: zum Beten habe ich jetzt keine Zeit. Irgendwann einmal vielleicht wieder. Zum Nachdenken über die Geheimnisse des Glaubens komme ich jetzt nicht, Besuch des Gottesdienstes, dass passt mir im Augenblick nicht.

Aber Mühe ist nötig, ein Stück Training braucht es. Auch hier gilt: Wer rastet, der rostet. Wer sich freilich müht, dem wird die Chance gegeben, das Reich Gottes zu erfahren.

Natürlich gilt, dass der Glaube letztendlich Geschenk ist. Wie soll ich das Geschenk empfangen und den Ruf Gottes in meinem Leben hören, wenn ich dafür nicht unter Mühen ein waches Organ schaffe. Wenn dies so ist, dann wird im Evangelium uns gesagt: Unser krankes, überdrehtes Leben wird geheilt.

So kann diese Berufungsgeschichte für uns eine therapeutische Begegnung werden.

Pastor Georg Koch

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