Sonntagspredigten 2007

Die Sendung der Christen

14. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr C: Lukas 10,1-9

Die Sendung der Christen



 

„Geht, ich sende euch…“

Jesus sendet seine Jünger, sendet seine Kirche, sendet uns zu den Menschen. Christsein bedeutet, immer auch zu den anderen geschickt und unterwegs zu sein. Zeugnis abzulegen für das Reich Gottes, dass ist die Berufung und die Lebensaufgabe aller Christen zu allen Zeiten. Christen müssen in ihrem Glauben grundsätzlich immer für die anderen offen sein.

Alles kreisen um sich selbst, um den einzelnen oder um die Gemeinde, das spricht gegen den Auftrag Jesu.

Seine Sendung ist universell, allumfassend, bis an die Enden der Erde.

Zweiundsiebzig Jünger – eine Zahl voller Symbolik

72 Jünger werden gesandt – worauf kann diese Zahl hinweisen? Müssen wir da gut in Mathematik sein oder mit Zahlen jonglieren können?

Man muss rechnen können auf eine Art, wie man sie vorab im Alten Testament lernen kann. Dort gibt es zwei dieser altestamentlicher Grundrechenarten, wie wir sie für das Verständnis des heutigen Evangeliums brauchen.

Im 10. Kapitel der Genesis, unmittelbar nach der großen Flut, nach der Flut, die die Welt vernichtet hat, wird aufgezeigt, wie die Welt wieder geordnet und bewohnbar werden soll. Es werden Namen von Völkern aufgezählt, die man zur damaligen Zeit kannte. Es kommt nicht auf die Namen an, sondern auf die Zahl: Es sind genau 72 Völker.

Ein Ergebnis, das nicht besonders verwunderlich ist – nicht verwunderlich für den, der die dahinterstehende Rechenregeln kennt. Es müssen schließlich 72 Völker sein, keines mehr und keines weniger.

Der biblische Autor möchte zeigen, dass die ganze Welt nach der Flut wieder besiedelt wird.

72, das ist 6 mal 12. Und zwölf ist bekanntermaßen die Zahl des Volkes. Nicht umsonst hat das Volk Israel 12 Stämme.

Zwölf ist aber auch die Zahl der Vollkommenheit. Die zwölf Monate machen den Jahreskreis aus, die zwölf Stunden den Tag. Zwölf Stunden umfasst die Nacht. Das himmlische Jerusalem ist von zwölf Türmen umgeben. 12 als Zahl der kosmischen, der himmlischen Vollkommenheit.

Da aber die Welt nur von bedingter Vollkommenheit ist, da sie begrenzt und zeitlich ist, deshalb umfasst die irdische Vollkommenheit  auch nur die Hälfte der himmlischen, deshalb bedeutet irdische Vollkommenheit statt 12 eben nur die Zahl 6.

Selbst im Mittelalter war das noch zu spüren. Die großen Dome der Romanik, sollten ja Bilder des himmlischen Jerusalems sein, aber da sie schließlich irdische Bilder dieser himmlischen Stadt waren, hatten sie keine 12 sondern vielmehr nur 6 Türme.

6 als Zahl der bedingten, der irdischen Vollkommenheit; 6 mal das Volk, also 6 mal 12 dann als Zahl aller Völker dieser Erde. 72, die irdische Zahl der Völker dieser Welt.

Die himmlische Zahl aller Völker wird dann übrigens wieder 12 mal 12 sein. Nicht umsonst werden 144 mal Tausend am Ende gerettet werden, nämlich Tausend, unermesslich viele.

Die irdische Zahl aber umfasst zunächst mal die Hälfte, nämlich 72. Und nimmt es da noch Wunder, dass im heutigen Evangelium genau 72 Jünger ausgesandt werden.

Was Lukas da macht, ist eine ganz kunstvolle Komposition aus der Zahlensymbolik der alten Testamentes. Jesus sendet seine Jünger, und er sendet 72 und er sendet sie in alle Städte.

Lukas, der wohl zu den Heidenchristen gehörte, macht mit dieser Stelle ganz deutlich: Jesus gehört nicht nur den Juden. Er selbst hat den Anstoßt dazu gegeben, dass das Christentum über die Grenzen des Judentums hinauswuchs.

„Esst, was man euch vorsetzt!“ (Lk 10,8)

In einer wunderbaren Nebenbemerkung wird dieser universale Anspruch des Christentums deutlich. Zuerst ist es für unsere Ohren fremd, zu hören, dass man essen soll, was einem vorgesetzt wird.

Die Jünger sollen von dem leben, was sie tun. Dann aber verbirgt sich hinter dieser Anweisung, dass die Jünger bei ihrer Sendung nicht an die jüdischen Reinheits- und Speisegesetze gebunden sind.

Und allgemein heißt das für uns: Verkündet die Botschaft Jesu so, dass sie von den Mensche der verschiedenen kulturellen und gesellschaftlichen Prägungen verstanden werden.

Sich ganz auf Gott verlassen

Die Jünger sollen bei ihrem Auftrag nichts mitnehmen: keinen Geldbeutel, keine Vorratstasche, keine Schuhe. Welch ein grasser Gegensatz zur Ausrüstung der heutigen Kirche. Gewiss, die Zeiten haben sich geändert. Aber was dahinter steht ist geblieben: Verlass dich allein auf die Kraft Gottes, auf das Wirken seines Geistes.

Und noch einmal Symbolik der Zahlen

Sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist nahe! Oder: Der Geist Gottes will in euch wirken. Dies ist dann möglich, wenn sich Himmel und Erde miteinander vereinen.

Für die Erde steht die Zahl vier: Vier Elemente, Himmelsrichtungen, Temperamente, Jahreszeiten… Die Drei steht für das Göttliche: Vater, Sohn und Geist…Dreimal vier ist zwölf und vier und drei sind sieben. Der Rhythmus der Schöpfung ist die Sieben, wo Gott und Mensch miteinander feiern und verbunden sind. Am siebten Tag ruhte Gott und wenn der Mensch am siebten Tag arbeitet, dann ist er aus dem göttlichen gefallen, gehört nur noch der Erde, dem Dreck an. Man darf aus der Zahl sieben keine Zahl herausbrechen, sonst bricht alles zusammen.

Das Reich Gottes wird also in der Zahl sieben symbolisiert und wenn man sieben Berge überstiegen hat, ist man auf der Höhe angekommen und darf ausruhen.

Fünf Brot und zwei Fische = sieben werden ausgeteilt und 12 Körben werden eingesammelt. Und alle waren satt, wo geteilt wurde, Reich Gottes, Tisch Gottes gedeckt mitten in der Welt.

Wenn wir uns einlassen auf diese Symbolik, wenn sie uns erfasst, dann spüren wir, dass hinter unserer Welt eine große Harmonie steht, die alles zusammenhält. Und dies sollen wir nicht verschweigen, sondern künden bis an die Enden der Erde.

Pastor Georg Koch

Kirche: eine Neuschöpfung

Festpredigt 125 Jahre Pfarrkirche St. Ignatius in Betzdorf

„Du bist Petrus der Fels und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ Die Alten hatten die Vorstellung, dass in den Urfluten ein Fels emporragt bis zum Himmel hin. Und dies war der erste Ort, wo Menschen Geborgenheit erfahren. Da haben sie festen Boden unter ihren Füßen. Und ausgehend von diesem Fels, so dachten sie, entsteht die Schöpfung.

Als Jesus Petrus diesen Auftrag gibt, da meint er, dass mit der Kirche eine neue Schöpfung entstehen soll. Der Mensch immer wieder neu beginnen darf. Der Mensch Boden unter den Füßen hat. Die Angst besänftigt werden kann: O lass im Hause dein uns all geborgen sein.

Und die Menschen haben gespürt, dass dieser Auftrag, diese mystische Erfahrung symbolhaft und sinnenhaft greifbar werden müsse. Und so haben sie oft auf Felsen Kirchen gebaut, die symbolisieren eine neue Schöpfung.

Sie sollen ein Raum sein, wo der Mensch neu beginnen darf. Und viele von uns erinnern sich heute, vielleicht eher unbewusst, dass sie in diese Kirche hineingetragen worden sind. Die Taufe empfangen haben, neues Leben unter der Gnade Gottes.

Und am Schluss des Lebens, wenn der Sarg hier vor dem Altar aufgebahrt ist, dann sagen wir noch einmal: Wir sind der Fels und die Macht des Todes wird diesen Felsen nicht überwinden. Und Du Verstorbener, der du hier getauft worden bist, du bist jetzt auch wieder eine Neuschöpfung, Du kommst jetzt in das ewige Leben hinein.

Wir brauchen also solche heiligen Räume, wir brauchen die Kirche auf dem Felsen. Wir benötigen den Turm, der die Verbindung herstellt zum Himmel. Damit der Mensch nicht mehr alleine im liftleeren Raum schwebt, sondern das sein Gott bei ihm wohnt.

Oh wie begnadet sind wir, dass wir Vorfahren hatten, die Stein für Stein aufeinander gesetzt haben, die diese Kirche ihrem Mund abgesparten, weil sie zutiefst ahnten: Wir brauchen eine neue Schöpfung, wir brauchen eine Wohnung Gottes bei uns. Und deshalb sind wir nicht sparsam. Sie hätten ja auch einfach eine Lagerhalle errichten können.

Sie haben gespürt: wir brauchen das Gewölbe als Abbild des Himmels, die Chorapsis als heilige Höhle, wo man Schutz erfährt und dem Heiligen begegnet. Wir benötigen eine Orgel um Gott zu jubilieren.

Diese Kirche ist der Grundstein für eine neue Welt. Du bist Petrus, der Grundstein, der Eckstein, für eine neue Welt.

Als Friedrich Schiller den Petersdom besucht hatte, da lässt er ihn unter dem gewaltigen Eindruck dieses großen Raumes sprechen:

„Suchst das Unermessliche hier? Du hast dich geirrt. Meine Größe ist die, Größer zu machen dich selbst.“

Meine Größe ist die, Größer zu machen dich selbst! Dafür ist dieses unser Gotteshaus St. Ignatius in Betzdorf gebaut worden. Dass wir Größe und Würde erfahren. Das wir nicht einfach Menschen sind, die funktionieren müssen, die etwas vorzeigen sollen, dass wir groß sein dürfen, weil Gott zu uns gesagt hat: Tu es Petrus aedificabo ecclesiam meam! Du, jeder einzelne Christ, Du bist dazu berufen, im Namen Gottes ein neues Haus zu bauen.

Da sind wir wieder bei der mystischen Dimension unserer Kirche, von der der Apostel Paulus sagt: Aus lebendigen Steinen ist diese Kirche gebaut. Ihr Grundstein und Eckstein ist Jesus Christus.

Das ist die Gretchenfrage an uns: Bevor Jesus diesen Auftrag gibt, bekennt nämlich Petrus: Du bist der Sohn des lebendigen Gottes. Das ist heute die Frage an uns, ob wir daran glauben und von daher die Kraft und die Erinnerung schöpfen, Gottes Häuser zu bauen und zu beleben.

So möchte ich allen Dank sagen, die in den Jahren seit dem Bau dieser Kirche weiter mit gebaut haben: In allen Gremien, in allen Ausschüssen, bei den Katecheten. So viele Gebete wurden gegen Himmel gesandt, so viele Kerzen wurden angezündet, um Licht ins Dunkle zu bringen und Wärme spenden und davon sprechen, dass wir im Hause Gottes geborgen sein dürfen.

Wir brauchen dieses Haus.

Vor dreißig Jahren wurde das AKA-City in Betzdorf errichtet, heute eine Ruine. Vor zwanzig Jahren wurde die Siegpassage eröffnet, heute leerstehende Räume. Da spüren wir, wenn wir nur in der Horizontale bleiben, wenn wir nur den Menschen messen nach dem, was er konsumiert und kaufen kann, dass wir dann ins Leere fallen, dass wir dann keinen Boden mehr unter den Füßen haben und keine Dach über dem Kopf.

Wir brauchen neben der Horizontalen die Vertikale, den Turm unserer Kirche. Und wenn wir nach Betzdorf hinein fahren und der Turm ist zu sehen, dann fährt es immer wieder wie ein Glück durch mich: Gott sei Dank haben wir die Kreuzkirche auf der anderen Seite und die St. Ignatius Kirche hier. Das sind die Eckpunkte unserer schönen Stadt Betzdorf.

Ein Künstler hat sie einmal mit einer Brücke miteinander verbunden und gesagt: Das macht eigentlich Betzdorf aus, das da zwei Kirchen sind, die erinnern an den lebendigen Gott und die deshalb den Menschen ein zu Hause geben und Würde.

So können wir am Schluss ein Wort von Gertrud von le Fort in die „Hymnen an die Kirche“ zu unserem Jubiläum sagen: Sie preist die Kirche, sie ist in die Kirche verliebt, sie schimpft nicht über die Kirche, sie leidet an der Kirche und dann sagt sie:

„Du bist wie eine blühende Säule unter lauter totem Schutt.

Du bist wie ein edler Pokal unter eitlen Scherben!

Du bist das einzige Zeichen des Ew`gen über dieser Erde:

Alles, was du nicht verwandelst,

überwandelt der Tod!“

Schutt und Scherben gab es vor sechzig Jahren in unserem Land, Schutt und Scherben gibt es auch heute. Und deshalb brauchen wir ein Zeichen des Ew`gen über dieser Erde.

Alles, was du nicht verwandelst, überwandelt der Tod.

Wir haben hier einen Raum, wo neues Leben entstehen darf, wo Gott selber uns nahe ist. Wo er zu uns sagt: Du, jeder Christ, Du bist Petrus und ich möchte mit dir und auf dir eine lebendige Kirche bauen, die der Tod nicht überwinden kann.

Gott sei Dank haben wir unsere Pfarrkirche St. Ignatius, eine Stätte des Lebens.

Georg Koch

Das ist mein Leib – Brot gegen den Tod

Fronleichnam 2007

Herr Pastor, warum sagen sie „Der Leib Christi“, wenn sie uns das Brot in die Hände legen? So ein Kommunionkind bei der Vorbereitung auf den Weißen Sonntag.

Im ersten Moment habe gestockt, suchte nach Worten. Was mit so selbstverständlich über den Mund geht, das sollte nun den Kommunionkindern erklärt werden.

Fronleichnam, ein Wort aus dem Althochdeutschen, meint: der lebendige Leib. Da haben wir an diesem Festtag wieder die Begegnung mit dem Leib Christi. Diesmal nicht in der geschützten Kirche, sondern mitten in der Welt.

Was aus Kindesmund gefragt, will also auch heute beantwortet sein. Vielleicht trifft diese Frage einen Kern- und Angelpunkt unseres christlichen Lebens. Zumal der hl. Ignatius von Antiochien darlegt, dass das eucharistische Brot Medizin gegen den Tod sei.

Unser Nachdenken über Jesus und sein Wirken in der Welt und in den Sakramenten stößt auf unnötige Schwierigkeiten, weil wir „Leib“ und „Körper“ nicht unterscheiden. Ich bin Leib, und ich habe einen Körper.

Die Kommunionkindern fragte ich: Wenn ihr euch freut, wenn ihr jemanden liebt, wie erfährt dies der andere? Wir nehmen ihn in den Arm, wir geben ihm einen Kuss. Ja, was wir innerlich spüren, das drücken wir körperlich aus. Leib – das ist das innere Erleben, Körper ist das äußere erfahren.

Alles Leibhaft verkörpert sich in vielfältiger Weise. Die leibhaftige Liebe findet unzählige Möglichkeiten und Weisen, um sich zeichenhaft-körperlich zu zeigen, auszudrücken und mitzuteilen.

Zum Beispiel bei einem Händedruck ist Haut, Wärme, Druck das Körperliche, in dem das Leibhaftige, die Herzlichkeit zum Ausdruck kommt.

Von einem Menschen, den wir gut gekannt haben, sagen wir obwohl er zeitlich und räumlich nicht bei uns ist, bei irgendeiner Erfahrung die uns an ihn erinnert: Es war, als ob er leibhaft vor mir stand.

Ein andermal formulieren wir: das ist uns in Fleisch und Blut eingegangen. Gewisse Dinge oder Erfahrungen verleiblichen wir, vereinnahmen wir.

Als Jesus beim letzten Abendmahle das Brot nahm und es den Jüngern reichte, da sagte er: Das ist mein Leib.

Die leibliche Gegenwart Jesu ist damit nicht mehr gebunden an seinen sterblichen Körper.

Durch die Bindung an Brot und Wein hat sie Unsterblichkeit erlangt.

So lange wir dieses Brot essen nehmen wir teil an dieser Unsterblichkeit. Jesus sagt: Meine Verkörperung in Brot und Wein ist wahrhaft eine Speise und ein Trank.

Sein Leben war Hingabe, sein Leib war Hingabe und dies verkörpert sich nicht mehr in einem sterblichen Körper, sondern in diesem Brot, was wir brechen und weiter geben.

Jesus Christus ist Mensch geworden, Körper, Fleisch. Er ist nicht irgendeine Idee oder ein philosophischer Lehrsatz, sondern spürbar und sinnenhaft unter uns.

Zur Zeit seines Lebens wohnte er in diesem hinfälligen Körper und hat alle menschlichen Erfahrungen geteilt.

Nun ist er uns gegenwärtig in diesem heiligen Brot. Sein Leib, seine Hingabe, ist in diesem Brot für uns schmackhaft. Davon können wir uns nähren, das kann Medizin gegen den Tod sein.

Das ist mein Leib für Euch – Geheimnis bleibt dies für uns allemal.

„Leib“ Jesu, „leibhaftige“ Auferstehung und Himmelfahrt besagen nicht „Körper“ Jesu, „körperliche“ Auferstehung und Himmelfahrt.

„Leib“ meint das innere Erleben, das Jesus bindet an Brot und Wein.

Er sagt, meine Verkörperung in Brot und Wein, ist wahrhaft eine Speise und ein Trank.

Durch diese Möglichkeit des Sich-Einspeisens und Sich-Einverleibens der Jesuswirklichkeit wird die Fier der Eucharistie zur innigsten Vereinigung des Menschen mit Gott, in der der Tod existentiell bereits überwunden ist.

Das Einswerden ist die Vollendung der Liebe, und in Jesus Christus ist die Liebe Gottes vollendet.

Da die Kirche Leib Christi ist, sich die Hingabe Christi sich in der Kirche verkörpert, können wir den Leib Christi in die Welt hinaustragen.

Durch uns wird seine Ausstrahlung in der Welt sichtbar und verwandelt hoffentlich die Welt.

Im Brot ist für uns Christus gegenwärtig über alle Zeiten und in allen Orten. Dieses Fest feiern wir an diesem Tag Fronleichnam mit all unseren Sinnen.

Georg Koch

Trau dich zu leben!

4. Fastensonntag 2007, Predigt zu Lukas 15, 1- 3. 11-32

Viele von uns versuchen, richtig zu leben. Sie suchen ihre eigenen Wege. Sie wollen in die Freiheit des Lebens kommen. Oft gibt es keinen klaren Entwurf. Das Leben ist halt Versuch und Irrtum.

Aber ich muss mein Leben wagen, das Risiko auf mich nehmen. Vieles werde ich dabei leidvoll lernen, vieles falsch machen. Aber durch Fehler lernt man. Wer keine Fahler macht oder keine Fehler zugeben kann, lernt nichts dazu. Er lernt das Leben nicht. Er traut sich nicht zu leben.

Es gibt dabei die „Richtigmacher“. Alle machen sie richtig, aber sie gehen an dem Leben vorbei. Lebendig sind sie tot.

Vielleicht sind sie längst schon tot, obwohl sie noch spazieren gehen, eigentlich schon unter dem Rasen, obwohl man den Rasen noch mäht.

Manchmal kann das ganz schnell gehen, wenn nur der Aufstieg zählt. Manchmal stirbt man daran, dass man immer seine Pflicht erfüllt.

So wie der ältere Sohn in dem gehörten Gleichnis: Vater, ich habe nie gegen deinen Willen gehandelt. Ich habe immer meine Pflicht getan. Ist das nicht das Schlimmste, lebendig tot zu sein.

In dem Roman Narziß und Goldmund schildert Hermann Hesse eine ähnliche Situation. Der junge Schüler Goldmund kommt in das Kloster Mariabronn und wir dort  von dem jungen Lehrer und späteren Mönch Narziß unterrichtet und sie schließen Freundschaft miteinander.

Goldmund schleicht sich eines Abends mit Kameraden ins Dorf und lässt sich mit einem jungen Mädchen ein. Das wühlt ihn auf, bringt seine hehren Ideale ins Schleudern. Mit Schuldgefühlen belastet sucht er Rat bei seinem Freund und Lehrer Narziß.

Auf großartige Weise versteht dieser seine Situation und gibt ihm Rat: Goldmund, manchmal ist das Leben eines Wüstlings der kürzeste Weg zur Heiligkeit. Was gut ist, wissen wir, es steht in den Geboten. Die Gebote aber sind nur der kleinste Teil von Gott. Du kannst bei den Geboten stehen und kannst weit von Gott weg sein.

Du kannst bei den Geboten stehen, aber weit weg von Gott sein. Ist das nicht die Haltung des älteren Sohnes in diesem Gleichnis? Ist das nicht oft in unserem Leben auch so? Wir tun unsere Pflicht, wir halten uns an die Vorschriften, aber wir können weit weg vom Leben sein.

Ist es nicht manchmal in Beziehungen auch so?: Wir leben jahrelang neben einander, rühren in den Tassen beim Frühstück, aber haben keinen liebevollen Blick mehr füreinander.

Wir sind der Kirche treu, besuchen den Gottesdienst, halten uns an die Gebote, aber wir sind weit weg von Gott.

Oder in diesen Tagen, wo wir über das Asylrecht in unserem Kreis diskutieren: Rechtlich ist alles in der Reihe, wir erfüllen und halten die Gesetze, aber können meilenweit von der Menschlichkeit entfernt sein.

Die Sinnspitze unseres Gleichnisses will uns woanders hin führen. Sie will uns die Freiheit der Kinder Gottes aufzeigen, wenn wir ganz aus der Barmherzigkeit Gottes leben.

Der Sohn der in der Fremde ist, lebt auch nicht selbstbestimmt. Ihn verführen oder leiten seine Triebe, seine Ausschweifungen. Der Sohn zu Hause wird fremdbestimmt und ist abhängig von äußeren Vorschriften, die er verinnerlicht hat.

Der „Richtigmacher“ bleibt immer abhängig von anderen, von dem, was die Leute sagen, von einem Guru, von irgendwelchen Ideologien oder von allgemeinen Vorschriften oder von der Gesetzeslage.

Es gibt, so legt das Gleichnis nahe, eine „Abhängigkeit“, die selbständig macht: das persönliche und direkte Vertrauen auf Gott, auf das Leben selbst.

Der jüngere wagt sein Leben und scheitert, aber er erfährt die Barmherzigkeit Gottes. Der ältere bleibt daheim. Er macht von vorneherein alles „richtig“ und scheitert genau an dem einzig entscheidenden Punkt unseres Menschseins: an der Barmherzigkeit. Er kann sie nicht zulassen, weil er sie nicht hat; und weil er sie nicht zulassen kann, hat er sie nicht.

Wir sind nur Kinder der Freiheit, wenn wir nicht mehr abhängig sind vom Geld, von Börsenkursen, von beruflicher Karriere oder von Gesetzen, wenn wir uns ganz bei Gott fest machen und verankern.

Diese Freiheit der Kinder Gottes will uns dieses Gleichnis lehren: Gottes Barmherzigkeit ist weit größer als wir sie uns vorstellen können.

Gewiss, wir benötigen Gebote, Vorschriften erleichtern das Leben, aber es gibt Situationen, da überschreitet Jesus immer wieder die Gebote, wenn sie dem Glück des Menschen im Wege stehen.

Auch die Kirche hat hier allzu oft nur rechtlich gehandelt. Hat die Türen verschlossen bei Geschiedenen und Wiederverheirateten. Ja, wir können zur Kirche stehen und weit weg von Gott sein.

Die Barmherzigkeit Gottes wird uns eine Freiheit eröffnen, die alles Gesetzesdenken über-schreitet. So ruft uns diese Erzählung zu: Trau dich zu leben – trau dem Leben!

Georg Koch

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