Sonntagspredigten 2004

Neues Leben ist gefährdet

Predigt – 2. Weihnachten 2004

Da ist das neue Leben zur Welt gekommen und schon ist es gefährdet. Josef muss mit dem Kind und der Mutter auf die Flucht gehen. Im Traum erhält er die Anweisung.

Und ist es nicht immer so, wenn in unserem Leben Veränderungen und Erneuerungen anstehen, dann stellt sich die Frage, ob und warum nicht alles so bleiben kann, wie es ist.

Josef geht mit der Familie ins Exil und Herodes fühlt sich durch den neuen König in der Gestalt eines Kindes gefährdet und er beseitigt alle Knaben im Alter von zwei Jahren und darunter.

Kann so das Christentum beginnen? So blutrünstig? Hätte es nicht damals und heute einen Aufschrei gegeben, wenn dies in Wirklichkeit geschehen sei? Aber in der profanen Literatur finden wir dazu keinen einzigen Hinweis.

Deshalb ist es notwendig, noch einmal genauer hinzuschauen.

Im Traum wird dem Josef die Flucht geboten. Das ist wie ein Vorzeichen vor einer mathematischen Klammer. Ist  ein Plus vor der Klammer oder ein Minus, dann ändert sich alles.

So wird hier in einem traumnahen Text etwas geschildert, was bis ins Detail genau so stimmen muss.

Der Evangelist schreibt einen Text, der darauf hinweist, dass die aufkeimende Freiheit im menschlichen Leben zu Beginn immer gefährdet ist.

Das Alte, der König Herodes, unsere Vernunft, der Machtmensch in uns, kommt durch das Neue in höchste Bedrängnis. Er wird erschüttert und sieht den einzigen Ausweg darin, dass was sich spontan und schöpferisch in unserem Inneren anmeldet, umzubringen.

Mit den Knaben könnten alle kindlichen Regungen in uns gemeint sein, die in uns leben wollen, die wir aber versuchen umzubringen.

Deshalb bedarf es einer Latenzzeit, wo dies ungefährdet und in Geborgenheit wachsen kann.

Wir kennen so etwas Ähnliches. Als vor über vierzig Jahren in mir der Entschluss reifte, Priester zu werden, da war ich zuerst erschrocken und habe dieses Gedanken für mich behalten. Niemanden habe ich davon erzählt, bis ich mir selber sicher war.

Oder ein anderes Beispiel: Wenn ihre Tochter kommt und sagt, sie wolle ins Kloster gehen, dann werden wir alle Bedenken ins Feld führen, die es gibt. Allzu schnell werden wir dieses Begehren vom Tisch haben, diesen Wunsch umbringen.

Theologisch müssen wir erkennen, dass der Evangelist hier Jesus als den größeren Moses darstellen will. Denn auch Moses wurde von einem Engel befohlen, von Midian – wohin er geflohen war und dort geheiratet hatte – zum Pharao hin zu ziehen und sein Volk aus der Gefangenschaft zu befreien.

Hier in Ägypten soll auch der Weg Jesu beginnen, der sein Volk befreit aus aller Abhängigkeit,

Die Botschaft des Engels ist ein „Muß“, Josef muss dem Traum folgen, damit das göttliche Leben wachsen kann.

Gott, so sagt diese traumnahe Erzählung, wird aber bei uns sein, trotz aller Widrigkeiten. Er gebietet uns Schutz und Halt.

So sind wir an Weihnachten eingeladen, das Neue Leben zu behüten, damit nicht der „Herodes“ in uns Oberhand gewinnt. Herodes heißt übersetzt „der Zitternde“, ja die alte Macht kommt ins Zittern und wehrt sich mit Händen und Füßen, wenn das Göttliche – was so Zerbrechlich ist – in uns zur Welt kommen will.

Hier erahnen wir, wie der Text bis ins Detail stimmt. Er will nicht eine historische Schilderung sein, sondern beschreiben, wie der Weg der inneren Erleuchtung aktuell zu jeder Zeit begangen werden muss und zugleich auch immer gefährdet ist.

Diese Weihnachtsbotschaft ist keine Idylle, sondern eingewebt in unser menschliches Dasein.

Jesus wird uns als der neue König, als der neue Moses vor Augen gestellt und wir sollen ihn verstehen als den Befreier und als den, der unserem Leben Sinn und Ordnung gibt, wie Moses dem Volk die Gebote gab.

Weihnachten wird somit zutiefst eine Befreiungsgeschichte.

Wahrlich ein Text, der uns herausfordert und uns zugleich große Kraft schenken kann.

Georg Koch

Die Kirche und die Frauen

11. Sonntag im Jahreskreis C; Lukas 8,1-3

Ein aufregendes Evangelium ist das heute nicht, dieser kurze Abschnitt aus dem achten Kapitel des Lukasevangelium. Da geht es darum, dass Jesus durch die Dörfer zog und predigte und dass die Zwölft ihn begleiteten und einige Frauen. Das war es auch schon.

Ein aufregendes Evangelium ist das wahrlich nicht.

Und doch, wenn man es aus der damaligen Zeit heraus liest, dann spürt man, dass dieser kurze Abschnitt eine Menge Zündstoff in sich birgt, und das noch bis auf den heutigen Tag.

Jesus zog mit seinen Jünger durchs Land wie jeder Wanderrabbi. Aber das im Gefolge dieses Jesus von Nazareth auch eine ganze Reihe von Frauen als Jüngerinnen mitzogen, das war total ungewöhnlich, das war damals gegen jeden Stil. Man muss bedenken: das Judentum ist ja noch bis auf den heutigen Tag fast ausschließlich eine Männerreligion. Frauen zählen da nichts.

Wenn man nun einmal die Evangelien durchforstet, dann fällt auf, dass Jesus gegen die Gewohnheit seiner Zeit überhaupt ein unkompliziertes Verhältnis als Rabbi den Frauen gegenüber hatte. Er spricht lange mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, er lässt sich von einer Frau salben, bei Maria und Marta kehrt er ein, mit den Schwestern des Lazarus ist er befreundet und sie werden die ersten Botinnen der Auferstehung Jesu.

Die Frauen, die immer einfach nur dabei waren, die keinerlei führende Rolle gespielt haben, die werden von Gott gewürdigt, die ersten Zeugen der Auferstehung zu sein. Sie sind die ersten, die am Grab vom Engel die Botschaft empfangen: Er ist auferstanden; er lebt; er ist nicht hier, so wie er es euch gesagt hat. Und diese Frauen werden von Gott gewürdigt, die ersten Prediger zu sein, die eine Osterpredigt halten. Diese Frauen bekommen den Auftrag: Geht zu den Jüngern und verkündet ihnen. Da steht das Wort `verkünden`. Das gleiche, was Jesus getan hatte; sie stehen in der gleichen Tradition, in der Jesus steht. „Verkündet den Jüngern, dass er lebt, dass er auferstanden ist.“ Nicht die Apostel, nicht die Jünger sind die ersten Prediger der Osterbotschaft, sondern diese schlichten und einfachen Frauen. Sie sind von Gott gewürdigt worden.

Hiervon hat sich die Kirche weit entfernt. Sie hat der Frau keine wichtige Rolle zugeteilt. Sowohl oben in der Kirche wie auch unten in unseren Gemeinden trauen wir den Frauen nicht zu, zu predigen.

Da müssen wir, so meine ich, ernsthaft umdenken, wenn unserer Glaube überleben soll. Sie müssen eine Aufgabe erhalten im Dienst der Verkündigung.  Sonst verraten wir den Auftrag Jesu.

Ja, erst heute setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass wir hier den Geist Jesu verraten haben und dass zur Erneuerung der Kirche dringend eine Besinnung auf die Stellung der Frau in der Kirche gehört. Gewiß es gibt keine Patentlösungen. Aber jedenfalls obliegt uns die ernste Pflicht, Überlegungen anzustellen, welche Rolle der Frau in der Kirche zukommt und welche Dienste und Ämter ihr übertragen werden können.

Wenn Jesus ein Herz hatte für die Frau, dann muss auch die Kirche ein Herzen haben für die Frau, dann muss jeder, der sich auf Jesus beruft, ein Herz haben für die Frau.

Georg Koch

Die Zukunft der Kirche...

Gründonnerstag 2004

Die Kraft des Heiligen ist weggebrochen, die Gottesdienste werden immer weniger von den Gläubigen besucht, die Kinder werden noch fast alle getauft, aber die Zahl derer, die sich unter dem Segen Gottes trauen lassen, gehen gegen Null.

Bestandsaufnahme unseres Glaubens am Gründonnerstag. Ist die Erinnerung an das Stiftungsmahl unserer Kirche noch eine Kraft, die uns in das dritte Jahrtausend trägt?

Lassen sie mich auf diese Fragen antworten mit einem Drehbuch für unsere Kirche im Jahre 2328, mit einem Drehbuch für einen Zukunftsfilm:

„Touristen auf einer Bildungsreise wollen die Kultur und die Bräuche der Menschen im Westerwald und an der Sieg kennen lernen. Wir schreiben das Jahr 2328. Sie betreten ein altehrwürdiges Gebäude. Die Fremdenführerin erklärt: „Sie stehen hier in der ehemaligen Kirche von Scheuerfeld. Vor ein paar Jahrhunderten  war dieser Bau einmal der Stolz der Gemeinde. Einer über tausendjährigen Tradition folgend, trafen sie hier Sonntag für Sonntag fast alle Einwohner des Ortes, um ihren Gott zu verehren.

Aber kurz vor der letzten Jahrtausendwende, in den Jahrzehnten nach dem sogenannten zweiten Weltkrieg, ließ das Interessen an den Gottesdiensten stark nach. Und bald wurde  wegen mangelnder Benutzung die Kirche geschlossen. Um die Kirche vor dem drohenden Verfall zu retten, schritt der Staat ein und nutzte diese Kirche als kunsthistorisches Museum für Landeskunde und Volksglauben im Westerwald und an der Sieg.

Die Gruppe geht in einen kleinen Raum an der Stirnseite des Gebäudes, den man früher Sakristei nannte. Die Reiseführerin öffnete einen Tresor und zog eine schwarzen Schatulle heraus. Sie öffnete sie vor den neugierigen Gesichtern. Ein Raunen ging durch die Reihe der Touristen, als sie eine Schale aus purem Gold und eine Kelch, reichlich mit Edelsteinen verziert, zeigte. „Das meine Damen und Herren waren die wichtigsten Geräte bei der gottesdienstlichen Feier  der Christen. Es war einem eigenen Berufsstand vorbehalten, bei dieser Feier aus der goldenen Schale an die Gläubigen kleine weiße Hostien aus Brot auszuteilen und Wein aus dem Kelch zu trinken.

Die Touristen bestaunten die wertvollen Stücke  und gingen langsam aus der Sakristei. Ein junger Mann blieb stehen und bat die Fremdenführerin: „Könnten Sie mir noch mehr über diese Geräte und über die Art sagen, wie die Christen damit gefeiert haben?“ „Vielmehr kann ich leider nicht sagen,“ gab sie zu, „aber es soll in der Eifel ein altes Kloster geben, wo noch ein paar Mönche nach dem damaligen Ritus Gottesdienst feiern.“

Der junge Mann machte sich auf und suchte nach dem entlegenen Kloster. Als er die Klosterkirche betrat, hörte er Klänge, wie er sie noch nie gehörte hatte. Um einen großen Steintisch oder Steinaltar standen Männer in weißen Gewändern, Und auf dem Tisch erblickte er sie wieder: die goldene Schal und den reich geschmückten Kelch.

Der greise Priester hob die Schale, zeigte eine weiße Scheibe Brot und sprach: Nehmet und esset, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, Danach nahm er den Kelch und sprach: Nehmet  hin und trinket alle daraus. Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes. Mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Und alle verneigten sich. Aus dieser Geste sprach eine tiefe Ehrfurcht.

Staunend verfolgte der junge Mann das Geschehen. Er verstand zwar nicht, was die kleine Scheibe Brot mit dem Leib und Fleisch eines Menschen zu tun haben sollte. Aber das spürte er: dass dieses Brot  mit keiner anderen Speise zu vergleichen war und dass an diesem Brot das Leben dieser Männer hing.

Er verstand zwar nicht, was dieser Wein in dem Kelch mit einem neuen Bund zu tun haben sollte, aber das spürte er: dass das Trinken aus dem einen Kelch diese Männer zusammen hielt und dass in dieser Runde eine geheimnisvolle Beziehung zu Jesus bestand, den sie in ihren Gebeten ansprachen.

Und er verstand nicht, wie das gehen sollte: „Mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird“; aber das berührte ihn, dass diese Männer in ihren Gebeten nicht nur an sich selbst dachten, sonder an alle, auch an die , die von dieser Feier überhaupt keinen Notiz mehr nahmen und denen dieser Jesus gleichgültig war.

Er verstand auch nicht, was diese Schale und dieser Kelch mit der Vergebung der Sünden zu tun haben sollte, aber das beeindruckte ihn: dass in dieser feierlichen Atmosphäre so unbequeme Themen wie Sünde und Schuld nicht totgeschwiegen, sonder ehrlich ausgesprochen wurden, ohne dass sich eine bedrückende Resignation über diese Feier legte. Und er hörte die Wort: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, und er fragte sich: Warum nur haben die Menschen solche Worte und Zeichen vergessen? Warum nur haben sie mir so etwas vorenthalten?

Und er beschloss, sich auf die Suche zu machen nach dem Geheimnis von Brot und Wein.

Georg Koch

Auf einen grünen Zweig kommen...

Palmsonntag 2004

Palmsonntag ist das Tor zum Leben, ist das Tor zu Ostern. Die grünen Zweige, die wir bei der Prozession getragen und gesegnete haben, wollen uns daran erinnern, dass die Grünkraft des Lebens uns die Kraft gibt, an Ostern das neue aufgrünende Leben zu erhoffen.

Wir werden in diesen Kartagen, Raum um Raum durchschreiten, um nach Ostern zu gelangen.

Am Gründonnerstag gedenken wir des Abschiedes, am Karfreitag stellen wir uns dem Sterben und dem Tod, am Karsamstag meistern wir das Alleinsein und die Einsamkeit und in der Osternacht tragen wir das Licht in das Dunkle und feiern den Sieg des Lichtes über den Tod.

Das sind nicht einfach Eckpunkte der Leidensgeschichte Jesu, sondern es sind auch Anknüpfungspunkte in unserer eigenen Lebensgeschichte.

Die grünen Zweige wollen uns daran erinnern. Wir sollen auf einen grünen Zweig kommen. Wir sollen, so wollen sie sagen, Boden unter die Füße bekommen.

Im Mittelalter war es üblich, dass jemand bei Kauf eines Grundstückes ein Stück Erde bekam mit einem eingepflanzten grünen Zweig als Symbol für sein neues Stück Land.

Und wir könnten uns heute fragen, wie wir Boden unter die Füße bekommen können.

Zuerst werden wir durch die grünen Zweige erinnert an Noah, der bei der Sintflut eine Taube aussandte, die mit einem grünen Zweig zurück kam. Dieser grüne Zweig war ein Hoffnungszeichen für neues Land, für Boden unter den Füßen.

So können die grünen Zweigen in unseren Händen ein Symbol sein für Boden unter den Füßen.

Wie oft steht uns das Wasser bis zum Hals, drohen die Ängste in unserem Leben uns zu überschwemmen, haben wir keinen Boden mehr unter den Füßen.

Wenn unsere Beziehungen ins Wanken kommen, wenn uns Tod oder Leid begegnen, dann könnte dieser grüne Zweig sein wie ein gutes Wort, eine trostvolle Umarmung, ein in den Arm nehmen. Solche Zeichen sind dann ein Zweig der Hoffnung von Gott her, dass neues Leben im Entstehen ist, dass wir von irgendwoher Boden unter die Füße bekommen.

Befestigen sie diese grünen Zweig sichtbar in ihren Archen, in ihren Wohnungen, damit sie sie daran erinnern, dass unsere Behausungen Orte der Hoffnung sein wollen und nicht Wohnräume der Depression.

Zum zweiten erinnern diese grünen Zweige an Botschaften der Propheten Isaias und Ezechiel. Sie sprechen davon, dass das Volk Israel Gott untreu war und wie ein Stamm gefällt wurde, Aber so künden sie; Gott hat diesem gefällten Baum einen grünen Zweig eingepfropft. Ein Reis, ein grüner Zweig wurde dem toten Baum eingepflanzt und neues, grünes Leben sprießt unmerklich hervor.

Ist es in unserem Leben nicht oft auch so: Ein Sturm reißt nieder, was uns bisher Halt gab, ein Holzwurm frisst unmerklich den Kern unsers Lebens an. Was stolz emporwuchs, wird von der Hinfälligkeit angefressen.

Wie dankbar sind wir dann, wenn von Gott oder von einem Menschen, uns neues Leben, neue Liebe, eingepfropft wird. Wir selber sind in solchen Situationen oft nicht mehr dazu fähig.

Nehmen sie diese grünen Zweige mit nach Hause und bringen sie sie sichtbar an, damit die Zweige sie daran erinnern, das auch aus dem toten Baum neues Leben sprießen kann.

Das alte Israel, das Gesetzesdenken und Leistungsdenken wurde gefällt und ein neue Zweig aufgepfropft. Der Zweig der Güte und der Barmherzigkeit Gottes. Daran wollen diese Zweige erinnern.

Ein drittes: Wir haben in unseren Pfarrkirchen einen Lebensbaum aufgestellt, der mit den Bildern der Kommunionkinder geschmückt ist.

Dieser blühende Baum hier, hatte vor ein paart Wochen noch grüne Zweige. Jetzt blühen sie schon und wollen Früchte bringen.

Das neue Leben was hier sichtbar ist, beginnt im Dunklen, im Stillen, im Verborgenen. Das Korn musste erst sterben, aufgebrochen werden, um dann ins Wachsen zu kommen.

Es wächst dann dem Licht entgegen. Ein Stamm bildet sich, der Halt und Beweglichkeit gibt und die Äste wachsen in die Horizontale. Der Baum wird zu einem Kreuzesbaum und zu einem Lebensbaum, der Früchte bringt.

So ist der Kreuzesbaum von Karfreitag kein Marterwerkzeug, der Kreuzesbaum des Karfreitag ist nur eine Etappe. Das Ziel ist Ostern, wo der Kreuzesbaum zu einem Lebensbaum heranreift und die Frucht des neuen Lebens bringt.

Der Lebensbaum ist ein Symbol für den Sieg über den Tod.

Die grünen Zweige in unseren Händen wollen davon künden, von einem immergrünenden Leben, das Früchte bringt.

Dieses Leben geht aber zuerst in den Tod, in das Dunkle, um dann umso grüner aufzuleben. Die grünen Zweige an diesem Baum werden verwandelt in Blüten und dann in Früchte, in Früchte von denen wir leben können.

Das ist das Geheimnis der Karwoche auf Ostern hin. Wir müssen all diese Räume durchschreiten, Abschied – Gründonnerstag, Sterben und Tod – Karfreitag, Einsamkeit und Alleinsein – Karsamstag, Licht und Leben – Osternacht und Ostermorgen, das ist das Geheimnis der Auferstehung.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, so sagt Jesus. Nur mit ihm verbunden, bringt unser Leben die Frucht der Freude. Denn der Weinstock bringt als Frucht nicht Essig, sondern Wein. Geheimnis der  Verwandlung.

Wenn wir in einer seelenlosen Zeit unseren Kommunionkindern diese Bilder einpflanzen, dann wir ihr Leben zu einem Lebensbaum heranreifen können. Dann werden sie zu Menschen, die geöffnet sind. Denn der geöffnete Mensch ist in den Kreuzes- und Lebensbaum hineingewachsen, damit er ihm geben den Reichtum des Lebens erfährt.

Neben sie diese grünen Zweige mit nach Hause und bringen sie sie sichtbar an, damit sie erinnert werden in dunklen und verzweifelten Stunden an ein Leben, von dem man nie sagen wird: Es ist zu spät.

Nein, es ist nie zu spät, lebendig zu werden und aufzustehen, weil Gott selber in unser oft so totes Leben eine Reis, einen Zweig der Hoffnung in uns einpfropft, damit wir Boden unter die Füße bekommen, damit der gefällte Stamm neues Leben hervorbringt.

Grüne Zweige, die Grünkraft des Lebens – wie Hildegard von Bingen sagt – sie geben uns durch die Karwoche hin zu Ostern ein neues und lebendiges Leben, göttliches Leben.

Georg Koch

Wir sind mitten im Leben zum Sterben bestimmt

Lied-Predigt (4. Fastensonntag 2004)

Wir sind mitten im Leben zum Sterben bestimmt;

was das steht, das wird fallen. Der Herr gibt und nimmt.

Wir gehören für immer dem Herrn, der uns liebt;

was auch soll uns geschehen, er nimmt und er gibt.

Wir sind mitten im Sterben zum Leben bestimmt;

was da fällt, soll erstehen. Er gibt, wenn er nimmt.


(Lothar Zenetti - Gotteslob 655)


Die ersten Verse des Liedes hallen wie das Echo einer tausendjährigen Klage über die Hinfälligkeit der menschlichen Existenz.

Und es ist auch unsere Erfahrung, irgendwann. Wir lesen sie morgens in der Zeitung, wenn wir auf die Geburtsdaten der Verstorbenen schauen. Wie viele sind da jünger als wir.

Manchmal kommt uns diese Erfahrung sehr nahe durch das Geschick von Freunden und Bekannten oder in der eigenen Familie.

Manchmal trifft es uns unmittelbar durch eigene Krankheit, Unfälle oder drohende Gefahren.

Was sollen wir angesichts solcher Widerfahrnisse sagen? Uns stockt die Sprache, uns gehen die Worte aus.

Da wir sind wir auch schon bei diesem Lied, was wir singen und betrachten wollen. Sparsam und holzschnittartig, karg und stockend trägt der Priesterdichter Zenetti seine Gedanken vor.

Und die Melodie ist mehr ein Sprechgesang als wirkliche Melodie. Ein Ton wiederholt sich immer wieder, an einigen Stellen stockt die Melodie, sinkt dann ganz hinunter: „zum Sterben bestimmt.“ Der Tonraum ist knapp: Eng wird er Lebensraum, wenn

es uns aufgeht, dass wir mitten im Leben zum Sterben bestimmt sind.

Der Text besticht durch seine Kargheit und Geschlossenheit. Die Satzstruktur ist knapp und klar gehalten. Auffällig sind der völlige Verzicht auf Adjektive und Adverbien und die geringe Zahl der Substantive.

Nur drei Wortfelder tragen den Text: Leben – Sterben, stehen – fallen, geben – nehmen.

Die lapidare Vertonung von Hubert Beuerle, im natürlichen a-Moll im 4/4 Takt, imitiert die klare Struktur des Textes. Das a ist nicht nur der Anfangs- und Endton, sondern gleichzeitig eine Art Tenor, auf dem oder um den sich die Melodie meist bewegt.

Sie verlässt den eintönigen Sprechgesang, der ihr Fundament bildet, nur dann, wenn es gilt, Akzente zu setzen, so um vorletzten Takt, auf dessen höchsten Ton jeweils die Worte Herr, nimmt und gibt fallen.

Eindrücklich für jeden, der das Lied singt, sind die ungewöhnlich langen, auskomponierten Pausen nach jedem Langvers: Das Lied und mit ihm die Singenden bewegen sich auf der Grenze zwischen Singen und Verstummen, Sprechen und

Schweigen.

Wenn wir den ersten Zeilen zustimmen können und auch erleben, dass fällt, was da steht, und bei dem: Der Herr gibt und nimmt, an Hiob erinnert werden, so können wir uns fragen, warum wir bei solcher Erfahrung noch singen können.

Die Kehrwende hierzu finden wir in der zweiten Strophe, die der Schlüssel für das ganze Lied ist: Wir gehören für immer dem Herrn, der uns liebt.

Welch ein tröstliches Wort, welch eine Ermunterung und zugleich Herausforderung. Es erinnert an Paulus im Römerbrief: Weder Tod noch Leben, weder Gewalten noch Zukünftiges können uns scheiden von der Liebe Gottes (Römer 8,38).

Wie gut ist es zu wissen, dass wir in all diesen Situationen in guten Händen sind: Wir gehören für immer dem Herrn, der uns liebt.

Hier klingt auch an: Von guten Mächten wunderbar geborgen...

Aber welche Herausforderung: Glauben wir das wirklich? Wenn uns Tod oder Leid trifft, haben wir dann die Kraft, uns diesem Wort anzuvertrauen? Müssten wir es nicht jeden Tag üben, damit diese Erfahrung uns eigen ist, um sie in schweren

Situationen erfahrbar zu machen?

Er gibt und er nimmt: die Erfahrung von Empfangen und Verlieren, wird nicht einfach aufgehoben, sie bleibt bestehen, aber sie wird neu geordnet; im Vergleich zu Vers 1,2 sind die Elemente „geben – nehmen“ zu „nehmen – geben“ vertauscht. Der

Verlust ist nicht mehr das letzte Wort.

Wir sind mitten im Sterben zum Leben bestimmt – die Liebe Christi in Strophe 2 markiert hier den Wendepunkt.

Was da fällt, soll erstehen... Auferstehungserfahrung mitten im Leben, längst vor dem Tod. Wie oft fallen und versagen wir in unserem Leben, in unseren Beziehungen, in unserem Tun.

Wir ahnen: nur die Liebe kann hier die Wende bringen. Sie lässt neues Leben erstehen, wo Sterben angezeigt wird. Sie ruft uns aus den Gräbern unseres Lebens heraus.

Es gibt Auferstehung mitten im Leben, schon vor dem Tod. Erst recht gilt dies, sagt Lothar Zenetti, sagt die Bibel, für unser ganzes Leben und das Sterben am Ende: In Gottes Liebe ist es aufgehoben und aus Gottes Liebe wird es erstehen.

Gott, der das Leben schafft, soll er nicht die Kraft haben, wieder ins Leben zu rufen?

So verschränkt sich Stehen und Fallen, Nehmen und Geben, Sterben und Leben. Sie liegen nicht getrennt voneinander, sondern durchdringen sich gegenseitig.

Er gibt, wenn er nimmt... Wie viele können davon tastend erzählen? Vielleicht erst nach langen Jahren: Ein Mensch wurde uns genommen und wir  lernen auf eigenen Beinen stehen. Eine Beziehung starb und nach Jahren finden wir uns neu wieder.

Alles Nehmen ist noch einmal von einem Geben umfangen.

Wahrlich ein Lied, dass unsere Hinfälligkeit beschreibt, aber zugleich großen Trost spendet.

Wir gehören für immer dem Herrn, der uns liebt: Eine Osterbotschaft mitten in der Fastenzeit.

Georg Koch

Auf den Berg des Glückes kommen...

2. Fastensonntag 2004

Was ist der Mittelpunkt unseres Lebens? Wo finden wir Halt, damit uns nicht die Fliehkräfte unseres Daseins an die Wand schleudern? Was ist die Nabelschnur des menschlichen Daseins?

Die Verklärungsgeschichte auf dem Berg Tabor am heutigen Sonntag will uns darauf eine Antwort geben. Kunstvoll und dichterisch schildert sie, wie wir in das Licht eingetaucht werden und das Glück des Lebens erfahren können.

Dabei ist der Berg Tabor nicht ein Ort im Raume unserer Welt, sondern die Aufgipfelung des Glückes im Herzen eines jeden Menschen.

Tabor heißt Nabel, Mittelpunkt. Die Alten stellten sich einen Weltenberg vor, der aufragend in der Spitze den Himmel berührte. Und dort, wo die Erde den Himmel berührt, dort ist der Mittelpunkt unseres Lebens.

Jesus geht also symbolisch mit seinen drei Jüngern auf den Berg, um zu beten. Hier im Gebet erfährt er Verwandlung und Verklärung. Dort ist für ihn der Mittelpunkt der Welt, wo er mit seinem Gott wie mit einer Nabelschnur verbunden ist.

Dabei kann uns der Berg die Ehrfurcht vor ihm und den Anstieg lehren, aber auch die Ehrfurcht vor Gott und das Bemühen ihm zu begegnen.

Wer keine Ehrfurcht vor dem Berg hat, der wird den Anstieg nie meistern können. Wer sich nicht bemüht und ausrüstet, dem wird das Glück der Liebe nie begegnen.

Dies geschieht nicht in einer Massenbewegung, sondern nur abseits der Masse, dort wo der Mensch um Individuation bemüht ist.

Wenn so Gott der Mittelpunkt unseres Lebens wird, dann werden wir die Mühen des Alltages bewältigen können. Bei ihm finden wir Halt gegen alle Widerfahrnisse unseres Lebens.

Am Anfang steht das Gebet. Jener Raum der Stille in den wir eintreten und der uns beschenken will. Gebet zeigt sich hier als die absichtslose Begegnung mit einer höheren Macht und als die Möglichkeit, dass das Wesentliche unseres Lebens

durchscheinen kann.

Als Jesus sich dem Mittelpunkt seines Lebens öffnet, da werde seine Kleider weißt wie Schnee und sein Angesicht strahlt voller Licht. Licht als großartiges Symbol für  das ganze Leben.

Hier findet er die Kraft, den Weg nach Jerusalem, den Weg in seine Passion zu gehen.

Das Glück der Liebe schenkt uns ebenfalls solche Kraft. Trotz aller Schwierigkeiten bei einem liebenden Menschen zu bleiben. Wir brauchen solche Aufgipfelungen, solches Umstrahltsein, damit wir wieder den Berg hinabsteigen können.

Petrus will diese Erfahrung festhalten, Hütten bauen. Aber wir wissen, dass das Glück der Liebe nie festgehalten werden kann, sondern immer wieder neu gesucht werden muss.

Der Berg Tabor ist der Nabel der Welt. Dort berührt sich Himmel und Erde und wir finden letzten Halt. Ein Sich-verlassen auf Gott meint hier. Wir verlassen uns und verlassen uns ganz auf Gott. Er wird der Mittelpunkt unseres Daseins und die

Fliehkräfte des Lebens können gebannt werden.

In dem Wort Verklärung steckt auch das Verb: klären, sich klar werden. Auf dem Berg Tabor klärt sich, wohin wir gehören, wird uns klar: Nur wenn wir Gott zur Mitte unseres Lebens machen, erfahren wir das Glück des Lebens.

Dann vernehmen wir in unserem Inneren die Stimme: Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter, mein geliebtes Kind.

Dieses Wort der Begnadung durchströmt uns und macht uns lebendig schon in unseren menschlichen Beziehungen. Ja, es ist die einzigste Botschaft, die uns frei und lebendig werden lässt.

In diesem Wort begegnen wir einander absichtslos. Sehen den anderen nicht als jemand der uns nutzen kann oder von dem wir etwas haben wollen, sondern erfreuen uns allein an seinem Dasein.

Dann werden wir einander zum Mittelpunkt, erfahren das Geschenk der Liebe, Was im menschlichen Miteinander uns schon groß und lebendig macht, ereignet sich in der Gottesbegegnung umso intensiver.

Die Taborgeschichte ist also ein Bild und ein Gleichnis wie Gott der Halt unseres Lebens ist. Daran zu glauben und das immer mehr zu verwirklichen, ist wie eine Bergbesteigung, die uns belohnt mit einer großen Weite und Freiheit.

So ist hier nicht ein Geschehen in Raum und Zeit gemeint, sondern die Erfahrung des Glückes der Liebe im Herzen eines jeden Menschen.

Georg Koch

Fahr noch einmal hinaus, breche noch einmal auf!

5. Sonntag im Jahreskreis C

Wenn wir unsere  Beziehungen in einer stillen Stunde betrachten, werden wir oft feststellen, wie vieles routinemäßig abläuft, der Alltag eingekehrt ist, ein brennender Funke fehlt. Vieles ist leer geworden.

Würde dann doch jemand sagen können: Fang noch einmal an! Erinnere dich noch einmal an das Glück der ersten Stunde.

Bei unserem beruflichen Tun sieht es oft auch so aus: Nach Beamtenart arbeiten wir, alles ist eingespurt, Überraschendes wird vermieden. Abends setzen wir uns zu Hause dahin und sagen uns: Unser Akku ist leer. Vertane Tage!

Und wenn wir unseren Glauben ausloten, dann werden wir bekennen müssen: Unser Glauben ist in einen Trott gekommen. Wir leiern Gebete herunter, sitzen unsere Gottesdienste ab, Ungewöhnliches passiert nicht, nicht einmal Zweifel quälen uns.

Unser Glaube ist leer geworden, unsere Glaubensnetze sind leer.

Vielleicht ist in all diesen drei Bereichen eine notwendige Erkenntnis: Alles ist leer.

Erst wenn wir uns das eingestehen, werden wir vielleicht den Ruf vernehmen: Fahr noch einmal aus und werfe dein Netz in der Tiefe der Seele aus.

Petrus hat Bedenken: Wir haben die ganze Nacht nichts gefangen, aber auf dein Wort hin will ich es noch einmal versuchen.

Da müssen wir uns die Ausgangsposition bewusst machen: Viel Volk drängte sich um Jesus, um sein Wort zu hören.

Gott sei Dank, sind sie hier versammelt, um das Wort Gottes zu hören, das aus der Leere unseres Daseins zum Reichtum führen kann.

Aber sind wir dazu noch fähig? Hungern wir nach dem Wort Gottes? Drängen wir uns um Jesus, um seine Botschaft vom Glück des menschlichen Lebens zu vernehmen?

Kommen wir zur Stille und zum Hören bei all den flirrenden Informationen, die tagtäglich auf uns niederprasseln?

Wenn wir die Schriftstelle vom reichen Fischfang vernehmen, dann werden wir bei genauerem Hinhören viele Ungereimtheiten feststellen. Sie sollen uns darauf aufmerksam machen, dass es um eine Existenzerzählung für unser Leben geht.

Das Wunder dieser Stelle ist nicht, dass Netze mit unendlichen Fischen gefüllt werden, sondern dass ein Mensch sich Gottes würdig erfährt.

Petrus merkt, dass seine Lebensnetze leer sind. Er erschrickt als sie auf Jesu Wort hin gefüllt werden. Herr, gehe weg von mir. Ich bin deiner nicht würdig. Ich bin ein armer und sündiger Mensch, meine Netze sind leer.

Nun wird er nicht weggeschickt, sondern er erhält einen neuen Auftrag. Von nun an sollst du Menschen gewinnen, sie mit der Botschaft von der Güte und Barmherzigkeit Gottes in den Bann schlagen.

Er mit den leeren Händen bekommt einen neuen Beruf, der seinen alten Beruf auf wunderbare Weise wandelt.

Er muss nicht ein Examen absolvieren, keine Lateinkenntnisse vorweisen oder eine theologische Laufbahn einbringen. Nein, mit leeren Händen, nur gefüllt mit dem Worte Gottes, soll er seinen Beruf auf neue Art und Weise ausführen.

Auf dein Wort hin, das ist seine Aufgabe und Herausforderung. Wie dankbar wären wir doch, wenn in unseren Beziehungen, in unserem Beruf, in unserem Glauben, bei allen verfahrenen Situationen jemand uns zuflüstern würde: Du darfst noch einmal

neu beginnen, brich noch einmal trotz allem Scheitern auf, fahr noch einmal hinaus!

Entdecke das Überraschende in deinem Leben. Erinnere dich an das Glück der ersten Liebe, an die Erfüllung am Anfang deines Berufes, an die Faszination des Glaubens, als du noch kindlich zu glauben vermochtest.

Dazu sind wir alle berufen, die wir heute hier versammelt sind. Nicht von uns aus sollen wir Großes leisten, sondern mit Liebe und Begeisterung sollen wir all unser Tun vermenschlichen.

Der Lehrer soll den Schüler sehen und ihn lieben und den Lehrplänen einen anderen Stellenwert geben. Der Kfz-Mechaniker soll nicht nachlässig die Schrauben an den Rädern anziehen, sondern an die Sicherheit seiner Kunden denken. Die Hausfrau

soll nicht routinemäßig kochen, sondern mit Liebe würzen und das Essen vorbereiten. Alles soll mit Begeisterung gepaart sein, mit Liebe gewürzt.

Fang noch einmal an, lass dich noch einmal tragen von der Faszination der ersten Anfänge.

Gewiss unsere Berufung geschieht nicht so spektakulär wie bei Petrus, Paulus oder bei dem Propheten Isaias. Sie geschieht oft in den alltäglichen Anrufen.

Eine kleine rabbinische Geschichte vermittelt uns diese Sicht: Vor seinem Ende sagte Rabbi Sussja: Wenn ich vor Gott erscheine, werde ich nicht gefragt, warum ich nicht Moses gewesen bin. Sondern ich werde gefragt: Warum warst du nicht

Sussja?

Warum war ich nicht ich selbst und ganz bei einer Beziehung, bei meiner Arbeit oder in meinem Glauben?

Das ist einmal eine Entlastung, weil wir nicht etwas Besonderes leisten müssen und zu anderen eine Herausforderung, weil wir nicht beim Gewöhnlichen und Bekannten stehen bleiben müssen.

Fahr noch einmal aus, fange noch einmal an, breche noch einmal auf im Namen Gottes und du wirst spüren, wie sehr sich dein Leben vom anderen Ufer unseres Daseins füllt.

Georg Koch

Taufe der Kinder Jonas und Richard Gideon

1. Februar 2004

„Die Erde ist mit Himmel vollgepackt,
und jeder gewöhnliche Busch brennt mit Gott;
Aber nur der, der es sieht,
zieht die Schuhe aus;
die anderen sitzen herum
und pflücken Brombeeren“.

(Elizabeth Barrei Browning)

 

Liebe Eltern, liebe Paten, liebe Großeltern,

an diesem Tage feiern wir, dass ihre Kinder Geschenk des Himmels sind, wunderbare Kinder Gottes. Wir tauchen sie ein in die Liebe Gottes und erzählen ihnen hoffentlich, dass ihr Leben vollgepackt ist mit Himmel.

Ihre Aufgabe ist es, die Kinder zu erziehen, sie zu begleiten, ihnen Wärme und Vertrauen zu schenken.

Die englische Schriftstellerin Browning sagt in ihren Zeilen nun nicht, dass Kinder fleißig und tüchtig werden sollen, dass sie eines Tages Geld verdienen sollen, sondern sie eröffnet uns einen Raum für das Wunderbare und Heilige im Leben.

Ja, unseren Kinder müssten wir einen Blick dafür schenken, dass in allem etwas von der Schönheit der Liebe zu spüren ist.

Jedes Lachen, jedes Lallen und jede Begegnung soll etwas atmen von der Ewigkeit Gottes. Wir sind nicht einfach nur funktioniere Wesen, die bestimmte Rollen ausfüllen, sondern in jedem von uns schläft eine wunderbare Berufung.

Aber nur der, der es sieht, zieht die Schuhe aus. Diese wunderbare Ehrfurcht vor dem Leben müssen wir in uns tragen, dieses heilige „Erschrecken“. Wir können einander festlegen in bestimmte Rollen, wir können uns ein Bild machen von dem

anderen, wir haben einen bestimmten Rahmen, ordnen den anderen ein, behandeln ihn wie eine Sache und verfehlen so das Leben.

Da ist kein Platz mehr für das Überraschende und Neue, was in jedem Leben entfaltet werden will.

Ihre Erziehungsaufgabe ist es, den Kindern das Staunen beizubringen. Sie sollen lernen in allem ein Zeichen für eine größere Wirklichkeit zu lesen. Tüchtig und fleißig sein, das genügt nicht, dass macht nicht lebendig.

Die anderen sitzen herum und pflücken Brombeeren – wer so das Leben versteht, wer im Essen und Trinken seinen Lebensinhalt sieht, nur herum sitzt, der wird nie lebendig werden.

Wir sind berufen, aufzustehen, uns  zu bewegen und bewegen lassen und uns gegenseitig eine Vision der Liebe zu teilen.

Unseren Kindern soll zugeflüstert werden, dass in ihrem Herzen der Klang der Ewigkeit zu vernehmen ist. Ja, ihr Herz soll eine Kathedrale sein, wo der Atemwind der Ewigkeit und die Liebe Gottes spürbar ist.

So taufen wir das Alltägliche und Gewöhnliche, so finden wir im Menschlichen die Nähe Gottes. Denn die Erde ist mit Himmel vollgepackt.

Ziehen wir die Schuhe aus, wenn wir mit unseren Kindern spielen. Legen wir all die Panzer ab, die wir als Schutz angelegt haben, damit wir „verletzlich“ werden für das Heilige in unserem Leben.

Diese Berufung sprechen wir heute in der Taufe Jonas und Richard zu. Es ist ein wunderbares Sehen, ja wir sehen in ihnen Kinder Gottes und geben so ihnen Weite und Würde.

Georg Koch

Einen Gott, der sich uns zuwendet...

Predigt 3. Sonntag im Jahreskreis C

Wenn ich bei Autofahren im Rückspiegel ein Polizeiauto erkenne, dann gehe ich sofort vom Gas und überlege, ob ich vielleicht ein Verkehrsschild übersehen habe. Polizei verbinde ich zuerst mit Kontrolle oder mit Protokoll. Mir wird bewusst, dass

diese Reaktion zusammenhängt mit alten Drohbotschaften aus der Kindheit. Viele von uns haben solche Botschaften internalisiert. Sie sind tief in uns eingeprägt worden, so dass wir nur schwer davon wegkommen.

Polizei ist eine Institution, die Angst macht, die bei uns ein schlechtes Gewissen hervorruft, die mit Sanktionen droht. Wir verbinden solche Institutionen nur ganz selten mit Hilfe oder mit Schutz.

Wovon sind wir in unserem Denken beseelt, wenn wir an Gott denken? Welcher Geist belebt uns, wenn wir das Wort Gott vernehmen? Bekommen wir dann Angst? Werden wir unsicher oder frei?

Viele von uns haben noch einen Polizistengott. Gott, das ist doch der auf der Seite der Gesetzgeber. Einer, der die Gebote erfunden hat und dafür sorgt, das sie eingehalten werden. Einer der kontrolliert und uns beobachtet. „Ein Auge ist, das alles

sieht; auch was in dunkler Nacht geschieht.“

Ein solches Gottesbild macht nicht frei oder lebendig.

Dann haben wir noch einen Nothelfergott. Er ist einer, zu dem man in Notfällen beten kann. Einer, der sich durch Wallfahrten oder Geld bestechen lässt. Der im letzten Augenblick noch ein Wunder aus der Tasche zieht. Aber nur dann, wenn es ihm

passt und die Mensche schön klein und demütig sind.

Wenn des dem Menschen gut geht, ist der Nothelfergott arbeitslos.

Dann haben viele noch einen Sündenbock-Gott. Das ist jener Gott, mit dem aller erklärt werden kann. Immer heißt es schnell: Das war Gottes Wille. Da kann man nichts dagegen tun. Selbst in Todesanzeigen kann man das lesen.

Mit dem Sündenbock-Gott stiehlt der Mensch sich aus der Verantwortung und vieles bleibt ungetan.

Wie unser Gottesbild aussieht, so wird auch unser Glaube aussehen.

Beim Auftreten Jesu in der Synagoge in Nazareth im heutigen Evangelium zeigt Jesus uns sein Gottesbild. Er fühlt sich von einem Gott beseelt, der sich uns Menschen zuwendet. Er richtet die Geschlagenen auf und den Blinden verhilft er zu einem

neuen Durchblick.

Die Zuhörer achten auf die Worte Jesu und wir verstehen zuerst nicht, warum sie zornig und wütend werden.

Er zitiert den Propheten Isaias und schließt mit dem Satz: Ich verkünde euch ein Gnadenjahr des Herrn. Damit schließt er. Aber die Zuhörer kenne diese Stelle und wissen, dass bei dem Propheten noch der Satz folgt: Und ich verkünden einen Tag

der Rache und der Vergeltung.

Diesen Satz streicht Jesus ersatzlos. Er verkündet einen bedingungslos liebenden Gott.

Das geht ihnen gegen den Strich! Im Namen Gottes wollen sie Vergeltung und Rache, um die Besatzungsmacht der Römer aus ihrem Land hinauszufegen.

Sind wir nicht im Inneren unseres Herzens auch noch mit solchen Gedanken behaftet? Wenn jemand der schofelig ist, etwas passiert, dann kommt mir schnell der Gedanke: Das geschieht ihm recht, das war die richtige Strafe für sein Verhalten. Und

manchmal meinen wir  noch, es müsse einen Gott geben, der dazwischen schlägt, der wenigstens am Ende des Lebens für Gerechtigkeit sorgen müsse.

All dem macht Jesus einen Strich durch die Rechnung. Er verkündet einen liebenden Gott, der sich uns zuwendet und die Sonne über Gut und Böse aufgehen lässt. Welch eine Größe und Weite atmet dieses Gottesbild.

Der große Gott, der strafende Gott wird hier ersatzlos gestrichen.

Wie dies in unseren Tagen aussehen könnte und wie wir diesen Gott suchen könnten, hat in ein paar Zeilen der Schweizer Pfarrer Kurt Marti niedergeschrieben:

GOSSER GOTT KLEIN

Großer Gott:
uns näher
als Haut
oder Halsschlagader
kleiner als
Herzmuskel
Zwerchfell oft:
zu nahe
zu klein –
wozu
dich suchen?
wir:
deine Verstecke

Was bleibt da vom großen Gott? Hier wird von einem Gott gesprochen, der uns nahe ist. Der Weg geht von außen nach innen bis zum Herzmuskel und Zwerchfell, tiefer noch – abgrundtief in uns.

Ein Gottesbild, wo Gott uns ganz nahe ist. Und wie der Apostel Paulus schreib: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art.“ (Apg 17,28)

Wenn wir so Gott verstehen, dann kontrolliert er uns nicht, dann bestraft er uns nicht, er ist uns liebend ganz nahe. Wir sind seine Verstecke. Er wendet sich uns zu.

Und ein solches Gottesbild lädt uns ein, in jedem Menschen sein Antlitz zu entdecken und den Menschen im Namen Gottes zu helfen, dass sie das Glück ihres Lebens finden.

Georg Koch

Die Verwandlung des Lebens

2. Sonntag im Jahreskreis C (18. Januar 2004)

Die Hochzeit zu Kana hat mich in Kindheitstagen fasziniert. Es ist eine Geschichte, in die man unwillkürlich hineingezogen wird. Und so ist auch heute noch.

Dennoch habe ich mich in den späteren Jahren gefragt, was diese Erzählung mir sagen will. Wird ein Wunder geschildert, das mich zum hilflosen Staunen verbannt, oder soll es zum Glauben führen.

Schon der Evangelist Johannes nennt es ein  Zeichen, das Jesus wirkte. Und so kennt er in seinem Evangelium fünf weitere Zeichen wie die Auferweckung des Lazarus, die auf symbolhafter Ebene bei den Zuhörern etwas bewirken wollen.

So mute ich Ihnen heute morgen eine Interpretation zu, die vielleicht überraschende Bezüge zum eignen Leben offen legt.

Beginnen wir bei dem Bild der Hochzeit. Hochzeit meint in allen Erzählungen die Einheit von Gegensätzen im Leben. Dunkel und hell, geistiges und triebhaftes, männliches und weibliches verbinden sich miteinander und bilden eine Einheit, aus der

große Kraft erwachsen kann.
Man könnte auch sagen: Es ist in meinem Leben stimmig. Alles passt zueinander.

Aber dies ist doch nicht immer so. Manchmal fühle ich mich leer, hart und abweisend. Hier sind wir bei dem Bild der leeren Wasserkrüge. Sie können eine Stimmung meinen, die manche Menschen mit negativer Selbsteinschätzung so ausdrücken:

Ich kann nichts, ich bin nicht, ich habe nichts, ich werde nichts, ich bin nutzlos.

Es können selbst tüchtige Leute sein, fleißig und sie werden gelobt, aber sie haben das Empfinden, dies hätten sie sich verdienen müssen. Und man wird weit in die Kindheit zurück gehen müssen, um solche alten Botschaften zu orten. Es sind

Verletzungen, die tief im Inneren sitzen.

Oft verdrängt man sie, will sie nicht zum eigenen Leben zugehörig wissen.

Wie kann sich nun ein als leer empfundenes Leben füllen?

Im Text sagt Maria zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Also die Worte Jesu sind jene Wirkkraft, die die Verwandlung in Gang setzen.

Er sagt: Füllt die Krüge mit Wasser. Und sie füllten sie bis zum Rande. Übertragen wir es: Gerade unsere scheinbar negativen Lebenseinstellungen sollen wir anschauen. Wir sollen darüber reden können, bis sie unter Tränen zum Vorschein kommen.

Wir sollen sie durchwaschen, reinigen.

So kann das Wunder entstehen, das aus dem Gefühl des Nutzlossein eine neue Selbsteinschätzung geschieht.

So können wir lernen, uns selbst als kostbar zu sehen, trotzt aller Widersprüche.

Mit den Augen der Liebe und der Güte werden wir dann uns und den anderen sehen und hinter aller Fassade uns und den anderen als kostbar empfinden.

Wir sollten dem anderen einfach nicht glauben: Er sei  nichts wert!

Dann wird sich unter der Hand der Mensch verwandeln und er lernt, an sich selbst zu glauben.

Der Wein des Glückes muss in diesem Prozess gekeltert werden und es ist oft ein jahrelanger Prozess. Aber es ist ein größeres Wunder als Wasser in Wein, wenn ein Mensch sich als kostbar einschätzt.

Die „Diener“ verstehen dies. Mit Diener können die Kräfte und Fähigkeiten in uns gemeint sein, die uns dienen und helfen. Sie verstehen die Worte Jesu.

Der „Oberkellner“, der kostet, wusste nicht, woher der gute Wein kam. Er könnte unser „Über-Ich“ sein, unsere Vernunft, die sich solche nicht erklären kann.

Der beste Wein wird am Schluss gereicht.

Wie ein solcher Prozess der Verwandlung vor sich geht, hat einmal auf wunderbare Weise Michelangelo ausgedrückt. Er wurde gefragt, wie es ihm gelinge, aus einem knorrigen Stück Holz eine so wunderbare Figur zu schnitzen.

Michelangelo sagte: Die kostbare Figur ist in dem Holz schon da. Ich schnitze nur das Überflüssige weg.

Das ist in unserem Leben ein schmerzhafter Schnitt. Auf Ansehen, Reichtum und Erfolg haben wir gesetzt und mit jedem Jahrzehnt wird immer mehr von uns genommen, bis wir uns ganz innen als frei und kostbar erleben.

Dann ist alles gekeltert und unser Leben wird zu einem kostbaren Wein. Mit Freude werden wir dann Hochzeit feiern können.

Dieses Wunder will Jesus in dieser existentiellen Parabel schildern: Aus einem angstbesetzten Menschen wird ein freies Gotteskind.

Es wird also nicht Wasser zu Wein, sondern aus dem Wasser der Alltages kann Wein der Herzlichkeit werden, wenn wir uns unter den Augen Gottes als wertvoll verstehen.

Jesus hat die Augen des Künstlers. Er sieht in jedem Menschen das Kind Gottes, das Kostbare, und seine Worten und seine Taten wollen anhalten, das Überflüssige zu entfernen.

So zieht uns diese wunderbare Geschichte immer wieder in ihren Bann, im Alter verstehen wir sie  nicht mehr äußerlich, sondern spüren, wie  zutiefst unser Inneres dadurch gewandelt wird.

Das Leben wir verwandelt, wenn wir das tun, was er sagt. Dieses Wunder der Verwandlung wünsche ich mir und Ihnen.

Georg Koch

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