Sonntagspredigten 2003

Fest der Heiligen Familie

28. Dezember 2003

„Wusstet ihr nicht, das ich im Hause meines Vaters sein musste?“

Wem gehören wir? Wer sind wir? Wessen Kinder sind wir? Wo gründet sich unsere Identität? Wie können wir im Glauben erwachsen werden?

Am Fest der heiligen Familie wird uns ein Text vorgestellt, der auf den Gehorsam Jesu gegenüber seiner Familie abhebt. Aber die Dynamik dieser Legende geht weit über den Gehorsam hinaus.

Alles beginnt recht traditionell. Jahr für Jahr pilgern die Eltern Jesu mit ihrem Sohn nach Jerusalem. Er ist zwölf Jahre alt, jung genug und alt genug, um im Glauben erwachsen zu sein.

Während die Eltern auf dem Rückweg sind, bleibt er im Tempel und nimmt teil an den dort üblichen Lehrvorträgen. Seine Eltern suchen ihn bei den Verwandten, gehen nach Jerusalem zurück und nach drei Tagen finden sie ihn im Tempel. Allein diese drei Tage müssen stutzig machen, den so groß ist Jerusalem nicht. Eher wird der Evangelist mit den drei Tagen, eine Neugeburt andeuten wollen.

Als sie ihn finden, wendet sich seine Mutter an ihn: „Kind, warum hast du uns das angetan?“ Schroff antwortet er: „Warum habt ihr mich gesucht, wusstet ihr nicht, dass ich dort sein muss, wo mein Vater ist?“

Maria ist aufgewühlt und Jesus ist aufgewühlt. Sein Eltern sind benommen und er ist erfüllt von der Gegenwart Gottes. Das Erlebnis einer besonderen Nähe und einer inneren, ihn ganz persönlich betreffenden Zuwendung Gottes hat ihn aufgewühlt. Und später wird er sagen: Wer nicht Vater und Mutter hasst, der wird nicht zum Himmelreich gehören.

Was würden wir sagen, wenn unser Sohn nach der Firmung, die wir der Tradition gemäß spenden lassen, sagt: Diese Beauftragung mit dem Heiligen Geist hat mich so gepackt, dass in mit der Entschluss gereift ist, Priester zu werden. Würden die Eltern nicht sagen: So war das nicht gemeint mit der Firmung. Bleibe bei deinen Leisten und fühle dich in unserer Familie beheimatet.

Es geht also darum, ob wir die Gelassenheit haben, dass der andere in die Freiheit der Kinder Gottes hineinreifen kann.

Familien geben Schutz und Geborgenheit. Sie binden aber auch oft, halten klein und machen abhängig. Du gehörst zu uns, sagen die Eltern. Die Bindung in der Familie ist am Anfang sehr eng und symbiotisch. Damit Eltern verstehen, dass ihre Kinder Kinder Gottes sind, bringen sie diese schon recht früh in die Kirche, um sie taufen zu lassen und sie Gott zu übergeben.

Es geht also bei dieser Stelle um das tiefe Vertrauen, ob wir den anderen dem Schutz Gottes anvertrauen.

Viele Eltern haben dazu nicht die Courage. Sie behüten ihre Kinder auf Schritt und Tritt und meinen, ihnen könne nichts passieren. Ich kenne Eltern, die in ihrer Überfürsorge beim Ertönen des Blaulichtes des Krankenwagens oft erschreckt meinen, ihrem Kind sei ein Unfall widerfahren.

Es gibt eine Verantwortungsangst, die uns gängelt, statt uns flügge werden zu lassen. Diese Verantwortungsangst könne wir erst ablegen, wenn wir das tiefe Vertrauen haben, unser Leben sei von Gott gehalten. Das gilt selbstverständlich auch für die Partner an unserer Seite.

Dieses Vertrauen kommt in dieser Erzählung ins Spiel und steht auf dem Spiel. Maria spürt, wie Jesus sich ihnen entfremdet hat. Jesus spürt, dass sich eine doppelt Zugehörigkeit für ihn auftut.

Die Auseinandersetzung zwischen Moral (sprich Gehorsam) und Religion (sprich Glaube) kommt hier zu einem ersten Höhepunkt. Wem gehöre ich? Wer bin ich? Ja, unsere Identität will hier geklärt werden.

Jesus sieht sich von nun an in eine zweifache Zugehörigkeit verwiesen. Die natürliche, die seine Geburt und seine Familienzugehörigkeit mit sich brachte, bleibt nach wie vor bestimmend. Obwohl ihn sein Tempelerlebnis dieser entriss, wird er keinesfalls zum Rebell, der mit seinem Elternhaus bricht. Und doch gehört er ihr von nun an auf eine völlig andere Weise an als zuvor. Denn in die familiäre Zugehörigkeit ist jene göttlich-andere eingebrochen, die ihn auf die Seite Gottes stellt. In ihm hat er nunmehr Halt und die ihn bergende Heimat.

Diese Spannung führt zu der Frage: Wer bin ich? Das Gefühl einer neuartigen Zugehörigkeit bewegt ihn ab jetzt.

So werden wir am Fest der heiligen Familie durch diese Legende auf dieselbe Spannung verweisen. Eltern werden uns wichtig bleiben, aber sie werden von nun an nicht mehr das Wichtigste sein. Wir werden jetzt auf der Seite Gottes stehen.

Ob wir einander diese Freiheit schenken können, weil wir im Vertrauen auf Gott verwurzelt sind, das wir zu einer entscheidenden Herausforderung.

Hier gilt das Lebensgesetz: Nur was ich gebe, werde ich behalten. Unsere Kinder und auch unsere Partner sind nicht unser Eigentum, sondern sie sind Kinder Gottes.

Georg Koch

Et incarnatus est pro nobis...

Weihnachten 2003 – Schubert G-Dur Messe

Er hat Fleisch angenommen für uns

Traumbotschaften sind es, die uns zum Geheimnis des Lebens hinführen. Traummelodien umspielen das Geheimnis des Lebens. Oft ist es nicht in Worte zu fassen, sondern wir müssen uns vom dem Glanz göttlichen Lebens berühren lassen, indem wir der Musik lauschen, indem wir hinhören, was die Künstler dieser Welt besprochen und besungen haben, in Noten gesetzt.

Et incarnatus est und das Wort ist Fleisch geworden. Diese Botschaft hat niemand so eindringlich in Noten gesetzt wie Franz Schubert. 1828 in Wien mit 32 Jahren zum Tode erkrankt. Ein Liebesabenteuer hatte ihm diese Krankheit zugefügt, die man in der damaligen Zeit noch nicht behandeln konnte. Sein Leib fängt an zu faulen.

So fromm, so arm, so verzweifelt und so einsam wie er in dieser Zeit ist, da bringt er in die Melodie jenes Geheimnis, was ihn immer wieder zutiefst erfasst und berührt hat. Et incarnatus est – das Wort ist Fleisch geworden. Und wenn gleich beim Credo diese Worte erklingen, dann werden wir hören können, wie tief der Klang des Lebens ist.

Schubert wollt drei Dinge der Weihnachtsbotschaft zum Klingen bringen: Einmal: Wage dein Leben, glaube an die Liebe, vergiss die Schönheit nicht.

Wage dein Leben! Er im zweiunddreißigsten Jahr, er hatte sein Leben gewagt. Er wollte sagen, wenn das Wort Fleisch geworden ist, dann hat das etwas damit zu tun, dass in jedem menschlichen Leben soviel Mut sein muss, soviel Zuversicht, dass man auch noch an die Vergebung glaubt. Wage dein Leben! Das ist eigentlich eine Traumbotschaft. Solch eine Traumbotschaft hat mir eine Frau in einer Gesprächstherapie erzählt. Sie schilderte einen Traum, der diese Botschaft in Bildern fasst. Sie hatte – wie Schubert – ein Schattendasein. Sie fühlte sich verachtet, sie war bestimmt von anderen. Sie durfte und konnte nicht ein eigenes Leben führen. Wir hatten uns geeinigt, dass sie ihre Situation zu aller erst einmal annimmt. Dann kommt sie acht Tage später und sagt: Danach hatte ich folgenden Traum. Ich sitze in einem Rollstuhl und habe ein Kind auf meinen Armen. Hinter mir steht eine alte Frau. Der Rollstuhl setzt sich in Bewegung und ich spüre, dass der Lauf sich beschleunigt und der Rollstuhl bergabwärts rast. Da springe ich aus dem Rollstuhl mit dem Kind auf den Armen und laufe ins Tal hinab. Dort steht der Rollstuhl, ich falte ihn zusammen und gebe ihn der alten Frau.

Das ist eine Weihnachtstraumbotschaft – das da eine Frau, das da ein Mensch das innere Kind vor dem Abgrund rettet. Alle Lebensbehinderung legt sie ab und gibt es der alten Frau. Die alte Frau, das war sie auch, das war ihr altes Schattendasein. Und so beginnt sie ihr Leben neu.

Wage dein Leben, wir können unser Leben nur dann wagen, wenn wir bereit sind, dass was kindhaft, das was ursprünglich, was schöpferisch in unserem Leben ist, wenn wir das auf die Armen nehmen und vor dem Abgrund retten. Dann wird Gott in unserem Leben Fleisch, dann wird Gott in uns Mensch. Das ist die Traumbotschaft von Weihnachten.

Manchmal gebärden wir uns als Erwachsene noch wie verschreckte Kinder. Wir tun so als wenn wir das Leben nur im Mittelmass leben dürften. Wir wagen es nicht. Vielleicht weil wir Angst haben vor der Schuld, vor dem Versagen. Aber Schubert sagt in dieser Melodie, Gott, seine Vergebung ist größer als deine Schuld. Er begleitet dich, nicht nur auf den geraden Wegen des Lebens, sondern er begeleitet dich gerade dort, wo es krumm und schief ist. Wage dein Leben, das ist seine Botschaft. Nur so können wir letztendlich Erlöste sein.

Glaube an die Liebe, so die weitere Botschaft. Es ist eigentlich grotesk, dass einer, der an einem Liebesabenteuer stirbt, uns eine Botschaft hinterlässt, über die Jahrhunderte, die zutiefst davon spricht, dass wir an die Liebe glauben sollen. Als Kinder tun wir das. Als Kinder sind wir darauf angewiesen. Aber kaum sind wir erwachsen, dann bestimmt sich unser Leben nach anderen Maßstäben, nach Pflichten und Vorschriften. Wir werden bestimmt von anderen. Wir richten uns aus nach den Meinungen der anderen. Wir leben die Liebe nicht mehr ursprünglich und kraftvoll.

Wir haben unsere Liebe in die Schlafzimmer verbannt. Ich habe nur selten erlebt, dass eine Frau ihren Mann in der Kirche küsst. Glaube an die Liebe, das heißt, diese Liebe verstecke nicht. Diese Liebe, die dich lebendig, schöpferisch macht. Wir sind dazu erzogen, das Normale für das wirkliche Leben und die wirkliche Liebe zu halten. Da hat die Liebe dann keinen Platz.

Aber Schubert sagt in seinem et incarnatus est, die Liebe ist Mensch geworden. Die Liebe ist Fleisch geworden. Vielleicht auch noch immer dort, wo sie noch nicht vollendet ist. Aber sie ist in jedem Knutschen eines jungen Paares anfanghaft da. Vielleicht sind das manchmal hilflose Versuche, aber Gott sei Dank versuchen es noch unsere jungen Leute mit der Liebe. Sie einander zu teilen, die sie lebendig und warm macht.

Wage dein Leben, glaube an die Liebe! An die Liebe glauben heißt, an unsere Unschuld glauben. Unschuld meint hier etwas Lebendiges, etwas Kraftvolles, etwas Gesundes. So wie wir von einem unschuldigen Wald sprechen, wenn er gesund dasteht und zu sehen ist. Das ist damit gemeint, glaube an die Liebe. Glaube an die Kraft in dir, die von Gott her kommt und dich verwandeln kann. Die von Gott her in dir Fleisch und Mensch geworden ist.

Wage dein Leben, glaube an die Liebe, vergiss die Schönheit nicht. Da ist er von der Syphilis angefressen, da fault er vor sich hin, da ist er aufgequollen und dann schreibt er mit seinen fast zweiunddreißig Jahren – es ist in der Es-Dur Messe – da setzt er dieses et incarnatus est in die Melodie. Gott ist Fleisch geworden, nicht nur einfach Mensch, so dass jede fleischliche Berührung in unserem Leben etwas Göttliches ist.

Vergiss die Schönheit nicht! Auf deinem Antlitz will die Schönheit und Herrlichkeit Gottes aufleuchten. Und er, der todkrank ist, setzt das in die Noten. Das ist auch eine Traumbotschaft, dass wir die Schönheit nicht vergessen sollen, bei dem alten Menschen, bei dem hinfälligen Menschen. Nicht vergessen sollen bei dem kranken Menschen.

Es ist für mich immer zutiefst anrührend, wenn einer gestorben ist und die Frau ihm einen Kuss gibt. Zum letzten Mal beatmen sie den Verstorbenen in ihrem Herzen und macht ihn über den Tod hinaus lebendig. Da liegt dann ein Mensch nicht einfach erkaltet da, sondern die Schönheit Gottes leuchtet noch einmal aus ihm heraus.

Et incarnatus est, das will Franz Schubert uns in seiner Musik mitteilen. Wage dein Leben, glaube an die Liebe, vergiss die Schönheit nicht. Das ist es, was ich ihnen, unserem Chor, den Solisten, dem Orchester an diesem Weihnachtstag wünsche: Dass wir den Glauben an uns leben und den Glauben an Gott, dass wir dadurch unser Leben wagen und nicht einfach nur normale Menschen bleiben. Und dass wir in jedem Gesang, in jedem Wort, und auf dem Antlitz jedes Menschen die Schönheit Gottes erkennen. Das ist der Weihnachtstraum! Mögen wir ihn in dieser Stunde miteinander teilen.

Georg Koch

Maria machte sich auf den Weg...

(4. Advent 2003)

Maria machte sich auf den Weg, so beginnt diese Begegnungsgeschichte von Maria und Elisabeth.

So kann und wird jede Begegnungsgeschichte beginnen. Machen wir uns auf den Weg? Brechen wir auf? Sind wir unterwegs? Sind wir offen für das Überraschende und für die Begegnung mit Gott?

Maria machte sich auf den Weg. Sie verlässt ihr Zuhause, das Gewohnte, um lebendig zu werden und um göttliches Leben in sich zu spüren. Sie macht sich auf den Weg, um die Verheißung Gottes zu überprüfen.

Denn als der Engel ihr göttliches Leben verheißen hatte, da fragte sie: Wie soll das geschehen? Und der Engel sagt: Bei Gott ist nichts unmöglich. Siehe, Deine Base Elisabeth hat ein Kind empfangen, obwohl sie schon alt ist.

Nun ist Maria dorthin unterwegs, nicht weil sie Gott misstraut, sondern sie will sich Gewissheit verschaffen.

Freudig begrüßt sie Elisabeth und in diesem Augenblick hüpft das Kind in ihrem Leibe.

Elisabeth, die alte Frau, die Frau des Priesters Zacharias, hatte bis ins hohe Alter kein Kind empfangen. Als Zurücksetzung, als Schande, hatte man das eingeordnet. War sie nicht genug gottgläubig?

Elisabeth, die alte Frau, sie bekommt ein Kind. Eine Problemschwangerschaft. Fragen über Fragen würden sich heute aufhäufen. Man würde ihr eine Beratungsstelle empfehlen.

Und Maria: Sie bekommt auch ein Kind. Sie ist noch  zu jung, sie ist unverheiratet. Kann man so etwas nicht vermeiden? Wären da nicht andere Wege möglich. Eine Problemschwangerschaft. Man würde ihr heute eine Beratungsstelle empfehlen.

Aber was ereignet sich zwischen diesen beiden Frauen. Die eine zu alt, die andere zu jung! Freudig begrüßen sie einander.

Das ist ein weihnachtlicher Aspekt. Sie jammern nicht, sie bedauern sich nicht, sie problematisieren nicht. Sie freuen sich. Sie machen sich Mut. Sie jubeln.

Hier entdecken zwei Frauen: Was auf den ersten Augenblick aussieht wie eine Katastrophe in ihrem Leben, ist in Wahrheit ein Zeichen, das Gott in ihrem Leben wirkt. Der Gott, der auf krummen Linien gerade schreiben kann! Der Gott, der die unverheiratete Frau in den Dienst am Leben nimmt und die Greisin.

Daher der Jubel. Gott stellt unsere Karrieren auf den Kopf. Gott macht aus dem , was wie eine Krisenbiographie aussieht, etwas, das man sich noch nach Generationen erzählt: „Von jetzt an werden mich rühmen alle Geschlechter“ (V 48).

Die frühen Christen haben dies bis ins Detail genau verstanden. „Da hüpfte das Kind in ihrem Leibe“ (V 41). Das kommt zweimal vor und erinnert an den Propheten Maleachi. Dort heißt es: Wenn an jenem Tag die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht, dann werdet ihr hinausgehen und Freudensprünge machen, wie die Kälber, die aus dem Stall kommen (Mal 3,20).

Freudensprünge, hüpfen, jubeln, preisen, singen – Gott schenkt euch Freiheit und neues Leben. Dazu machte Maria sich auf den Weg.

Können wir uns noch freuen? Warum schimpfen wir über die frühen Weihnachtslieder und die Lichter ins unseren Städten? Sollten wir uns nicht eher freuen, dass all diese Dinge uns vorbereiten auf neues göttliches Leben ins uns.

Dieser Tage schrieb mir jemand: Es ist ein ungeheueres Glück, wenn man fähig ist, sich freuen zu können.

Dazu machte Maria sich auf den Weg, um die Freude neuen Lebens zu erfahren.

Wie weit weg sind wir doch von solcher Freude!

Wie diese Freude gemeint ist, ging mir in diesen Tagen bei einem Hausbesuch auf. Ich wollte einen Begriff wissen und die Mutter des Hauses reichte mir ein Buch. Im Sachwortregister schlug ich nach und dabei fiel mir eine handgeschrieben lose Seite in die Hand.

Da ich im Augenblick alleine und neugierig war, begann ich zu lesen. In ungelenkter Schrift schrieb der Mann seiner Verlobten:

Liebe Elisabeth (Name geändert), ich vermisse Dich sehr. Hoffentlich haben wir bald wieder mehr Zeit füreinander. Du bist wie ein Licht im Dunklen für mich. In Deiner Nähe werde ich lebendig. Alles Kalte verschwindet. Du bist wie ein Sonnenstrahl, der mich erwärmt. In großer Liebe, Dein Peter!

Irritiert schlug ich das Buch zu. Der Mann kam ins Zimmer und ich fragte ihn, ob er für seine Frau schon Geschenke zu Weihnachten gekauft habe. Ja, das sei alles erledigt. Meine weitere Frage: Hast Du Deiner Frau auch schon einen Liebesbrief zu Weihnachten geschrieben.

Er lachte und sagte: Das war einmal vor dreißig Jahren, als wir noch nicht verheiratet waren.

Natürlich wusste er nicht, worauf ich anspielte. Durch die Vorbereitung auf diese Predigt kam ich auf den Gedanken: Das ist die Freude, die wir teilen sollten. Das ist das Glück der ersten Liebe, das uns durch den Alltag so oft verloren geht.

Damals machten sie noch Freudensprünge, hüpften, liebkosten sich. Kindliche Freude und Liebe belebten sie.

Dazu machte Maria sich auf den Weg. Dazu sollten wir uns in diesen Tagen auf Weihnachten auch auf den Weg machen.

Neben der Freude ist noch ein Aspekt in der Begegnungsgeschichte zwischen Maria und Elisabeth bemerkenswert.

Diese Frauen mit ihren „Problemschwangerschaften“ machen sich keine Vorwürfe, kommen nicht ins Klagen. Selig bist Du, so kündet Elisabeth. Sie macht der jungen Maria Mut, Mut zum Glauben an die Verheißung Gottes.

Auch das ist es, was wir wieder entdecken müssen. Wir sollten einander Mut machen zum Glauben. Wir sollten uns und den anderen sagen: Unser Glaube gibt uns Vertrauen, er gibt uns Halt, er trägt uns.

Eine wunderbare Geschichte, das heutige Evangelium. Eine Geschichte, die die Freude in uns wecken will und die uns Mut macht, den Verheißungen Gottes zu glauben.

Georg Koch

„Komm, du Heiland aller Welt...“

(3. Advent 2003)

Der hl. Ambrosius, 339 in Trier geboren, hat diesen Hymnus gedichtet, den wir als Lied im Gotteslob finden (GL 108). Er wurde in Rom für die Beamtenlaufbahn ausgebildet und ist noch Taufbewerber in Mailand, als er dort mit 35 Jahren zum Bischof gewählt wurde.

Mit diesem Lied setzt er einen Kontrapunkt zu den Vorstellungen seiner Zeit. Denn zur Zeit des Ambrosius war im Römischen Reich der 25. Dezember schon lange ein Feiertag: Es war der Geburtstag des unbesiegbaren Sonnengottes, „Natalis Solis Invicti“. Nach der Sonnenwende, der Dunkelheit, bricht er wieder hervor, und diese Sonne wird die Dunkelheit besiegen.

Die Christen im Römischen Reich feierten ab dem 4. Jahrhundert am 25. Dezember ebenfalls ein Fest: Das Fest der Geburt dessen, der unbesiegbar ist wie die Sonne, wesenhaft ganz Gott und Mensch – Christus.

Mit seinem Kontrapunkt will Ambrosius sagen: Schaut doch, Christus ist weitaus größer als der Sonnengott (3. Strophe).

Als das Christentum zu dieser Zeit erwachsen wurde, in die Öffentlichkeit trat, spürte der hl. Ambrosius, dass das Glaubenswissen fundiert und gemehrt werden musste. Die Erziehung im Glauben war seine größte Sorge.

Komm, du Heiland aller Welt..., so beginnt er seinen Hymnus. In ein paar Worten führt er die Christen zum Geheimnis der Weihnacht.

In einer Welt, die wir nicht als heil erleben, - damals wie heute - stellt er Christus als den Heiland aller Welt da.

Glauben wir daran, dass Christus der Heiland meines Lebens ist? Bin ich bereit, ihn als Heiland in mein Leben hineinzulassen? Wieso ist er der Heiland?

Damit tun wir uns schwer. Wir erleben unseren Glauben und unsere Religion als verwaltet. Wir stoßen uns an den vielen Vorschriften und Verlautbarungen. Der Glaube ist für viele steril und unlebendig geworden.

Um die Innerlichkeit des Glaubens neu auszuloten, ist ein solches Pfeilgebet, ein gutes Wort.

Jesus der Heiland, der Arzt, der Therapeut. Hier geht es nicht einfach um körperliche Gebrechen oder um Gesundheit im üblichen Sinne. Sondern dieser Heiland will uns helfen, ganze, heile Menschen zu werden.

Die Ärzte heute verschreiben Pillen, reichen Medikamente, aber selbst davon werden viele nicht gesund und erst recht nicht heil und ganz.

In der Nähe Jesu Christi könnten wir heil werden!? Das bedarf der Übung, der Vertiefung. Jesus Christus der Heiland ist nicht ein Sonnengott, einer der von oben herab eingreift, sondern in der Krippe erscheint er uns eher als ohnmächtig und klein.

Damit ist eine wichtige Beziehung in der Therapie geschaffen. Auf Augenhöhe begegnet er uns. Als inwendiger Lehrer kommt er mit uns ins Gespräch. Ihm sind unsere Sorgen, Verletzungen und Verwundungen nicht fremd.

Gerade um die Weihnachtszeit erinnern wir uns an eine heile Kindheit, wo wir Geborgenheit und Vertrauen erfahren haben. Das ist im Laufe der Jahre verloren gegangen. Nun stehen wir als Verwaiste da und sehnen uns nach dieser heilen Welt.

Wir spüren, das ist nicht einfach wieder herzustellen. Es muss also ein Heil geben auf einer anderen Ebene.

Komm, dieses Wort ist der erste Zugang für ein Heil-Land, wo wir uns geborgen wissen. Es formuliert eine Sehnsucht, ein Verlangen, artikuliert in gewisser Weise eine Traurigkeit. Wenn wir uns diese Traurigkeit zugestehen, diese Sehnsucht in uns wach werden lassen, dann ist ein wichtiger Schritt getan.

Wir überlagern und verdrängen dieses Heimweh nicht, sondern wir tragen diese Wunde zu Jesus hin.

Ich habe eine Woche lang dieses Stoßgebet immer wieder meditiert und ganz langsam in mir gespürt, wie dieses Wort wirkmächtig werden kann. Nicht einfach so in einem geistigen Sinne, sondern ich habe gebeten, er möge Heiland sein in meinen Schwierigkeiten, in meinem Versagen, in meinen Fehlern. Auf einmal hat sich für viele Fragen eine Lösung angeboten. Zuerst war es ein Loslassen all der Vorwürfe, die in mir waren. Dann war es ein wachsendes Vertrauen, dass so meine Wunden heilen konnten. Wenn sie dies, liebe Zuhörer, einmal selber versuchen, werden sie erfahren, wie wirkmächtig ein solches Wort sein kann.

Mir ist dabei aufgegangen: Heil sein, meint nicht einfach gesund sein. Heil sein, bedeutet, dem Leid, der Not, dem Tod begegnen, ohne dabei bitter zu werden. Wie viele Menschen kenne ich, die unter Krankheit leiden, aber dennoch Zuversicht ausstrahlen. Sie haben sich verankert im Vertrauen auf Gott, der ihnen beisteht und ihnen die Kraft gibt, solche Situationen zu meistern.

Heil sein, kann man trotz Leid. Denn menschliches Leben gibt es nicht ohne Leid und Streit. Werner Bergengrün sagt einmal: Jedes Leid und jeder Schmerz entlässt dich reicher. Heil und ganz sein, das ist die Fähigkeit menschliches Leben in diesem Horizont zu sehen.

Heiland aller Welt... Dieses Wort wird für die Welt nur wirksam, wenn ich es in mir gespürt habe. Bin ich durchglüht von diesem Wort und ist es in mir so wirksam, dass andere Menschen dies an meinem Leben ablesen können?
In Jesus Christus, so glaubte Ambrosius, kommt der Mensch ganz zu sich. Durch Jesus Christus kann er sich befreit fühlen von allen Zwängen, Groß sein zu müssen.

Darob staune, was da lebt: Also will Gott werden Mensch. Staunen, das ist ebenso ein Wort des Adventes. Staunen öffnet die Sinne für die kleinen Aufmerksamkeiten des Lebens und für eine größere Welt des Beschenkt seins. Staunen für zur Freude und zur Dankbarkeit.

Wir Christen staunen darüber, dass Gott Mensch werden will. ER will nicht ein Gott des Donners oder des Feuers sein, sondern in unserem Herzen möchte er brennen. Er will uns näher sein wie unsere Halsschlagader. Ein gewagter Glaube der zum Staunen führt.

Dann kann aus der Krippe, aus der Niedrigkeit, Glanz aufstrahlen. Kein blendendes Licht von oben, sondern ein Schimmer aus dem „Stroh“ unseres Lebens.

„Und der Glaube trägt das Licht“ (4. Strophe), wir sind also Träger dieses Lichtes, sollen den Heiland aller Welt hinaustragen.

Komm, du Heiland aller Welt, jeden Tag in der Adventszeit gesprochen, gebetet, meditiert – so wird ein Glaube wachsen, der die heile Welt der Kindheit auf der Ebene des Erwachsenen neue Kraft schenkt.

Georg Koch

Cäcilientag 23. November 2003

Musik als hörbares Bild vom Himmel

An diesem Tag, wo der Kirchenchor sein Fest feiert und wo wir Christkönigsfest begehen, möchte ich Sie hinführen zu der Bedeutung des Gesanges in unserem Gottesdienst. Denn königliche Menschen singen Gott das Lob. Mit ihrem Gesang wollen sie hinweisen auf den Himmel, den Herrschaftsbereich unseres Königs.

Als das Westwerk im Breisacher Münster bildnerisch ausgestaltet werden sollte, bekam der Künstler Martin Schongauer den Auftrag die Bildrede vom großen Gericht darzustellen.

In der Mitte platzierte er die Gerichtsszene mit den Toten, die die Gräber verließen, und Christus, der auf den Wolken wiederkehrte. Auf die Nordseite malte er die brodelnde Hölle und auf die Südseite sollte der Einzug der Seligen in den Himmel gemalt werden.

Aber wie malt man den Himmel?

Vermutlich haben Sie selbst schon manchen Versuch gesehen, die himmlische Seligkeit in Bildern darzustellen. Aber immer waren es klägliche Versuche.

Entweder sind es Darstellungen von belanglosem Beisammensein in irgendwelchen mittelalterlichen Gärten oder man malte einen Aneinanderreihung von wie auf dem Kasernenhof angetretenen Heiligengestalten, die langweilig wirken. Andere haben den Münchener Aloisius in Erinnerung, der auf einer Wolke sitzt und unablässig Hosianna singen muss.

Wie malt man den Himmel?

Ich denke, dass der Künstler Martin Schongauer um die Schwierigkeit wusste. Er ahnte, dass alles falsch sein könnte, was er malen würde. Deshalb hat er sich eines Kunstgriffes bedient: Er hat eigentlich nichts gemalt.

Er hat nichts anderes gemalt als eine kostbar anzusehende Mauer. Eine Mauer, eine Balustrade, die uns den Blick versperrt. Er hat den Blick in den Himmel versperrt und zeigt uns lediglich das Tor, zu dem die Menschen unterwegs sind.

Aber dann malt er noch ein Element dazu und dieses kleine Detail erweckt in dem Betrachter ganz unwillkürlich das Gefühl: Stimmt, da hinter, da muss der Himmel sein!

Mit diesem Element drückt er weit besser aus, dass er sich in seinem Gemälde wirklich um den Himmel handelt. Auf diese Balustrade setzt er nämlich ein paar Engel und diese Engel machen Musik.

Drei Engel mit Lauten und Flöten – nicht mehr – und dieses kleine Detail assoziiert sofort: Das muss der Himmel sein!

Wie ist der Himmel!

Voller Musik – das ist vielleicht das treffendste Bild, das wir Menschen uns vom Himmel machen können. Musik – vielleicht ist sie das einzige Element, das ein klein wenig erfahrbar macht, was himmlische Seligkeit bedeutet.

Seit Urzeiten haben die Menschen die Vorstellung gehabt, dass die einzelnen Himmelsschalen aneinander reiben und dabei eine sphärische Musik verströmen würden. Nicht umsonst hat man der Musik und dem Gesang nachgesagt, dass sie die Menschen verzaubern können, so in ihren Bann nehmen, dass sie vor lauter Glückseligkeit nichts anderes mehr wahrnehmen.

Nicht umsonst spielt die Musik und der Gesang in unseren Gottesdiensten eine so große Rolle.

Es gibt schließlich nichts trostloseres als eine feierliche Hochzeit ohne Orgel oder ohne Gesang. Und wenn ein Mitglied des Kirchenchores stirbt und wir ihn im Gottesdienst verabschieden, dann kann der Gesang des Chores unendlich trostvoll sein und trotz aller Trauer eine Glückseligkeit vermitteln, die uns den Himmel nahe bringt. Vielleicht gibt es in unseren Gottesdiensten wirklich nichts, was den Himmel so sinnenhaft erfahrbar macht als die Musik.

Deshalb sei unserem Kirchenchor an diesem Sonntag Dank gesagt, weil dort Männer und Frauen Woche für Woche ihre Zeit opfern, um an Festtagen unserer Gemeinde den Himmel hörbar werden zu lassen.

Aus ihrem Glauben heraus singen sie Gott das Lob. Sie bieten uns etwas Schönes und Festliches. Sie bringen eine Musik zu Gehör, die die Sehnsucht nach dem Himmel offen lässt.
Und eine solche Musik wird zu einem hörbaren Bild vom Himmel – vielleicht das einzige Bild vom Himmel, das wir Menschen uns wirklich machen können.

Georg Koch

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