Sich der Not und dem Leiden stellen

Enttäuschungen und Niederlagen schmecken uns nicht. Dem Ängstigenden stellen wir uns nicht, Not und Tod verdrängen wir. Nur wenn wir dies alles in unserer Leben hineinnehmen, kann unser Leben heil werden. Nur was wir annehmen, können wir verwandeln.

Diesen heilenden Prozess müssen wir einüben. Deshalb stellt uns die Kirche zu Beginn der Karwoche die Passion Jesu vor. Am Palmsonntag lassen wir uns noch rühren und jubeln oder stimmen ein in das Hosanna. Aber dann kommen die Tage, wo wir nach innen gehen müssen. Den Weg Jesu erspüren am Gründonnerstag, wo der Verrat geschieht, am Karfreitag, wo die Kreuzigung ansteht, am Karsamstag, wo das Dunkel und das Schweigen sprechen.

Der amerikanische Psychoanalytiker Irvin Yalom hat über Jahre Krebspatienten therapeutisch begleitet und machte dabei die erstaunliche Erfahrung, dass viele von ihnen ihre Krise und ihre Gefahr als eine Gelegenheit für einen grundlegenden Wandel nutzten.

Mit einem Mal wurden sie fähig, in ihrem Leben Prioritäten zu setzen, tiefergehende Beziehungen zu leben und das Leben in der unmittelbaren Gegenwart intensiver wahrzunehmen. Es zählten nicht mehr nur Leistung und äußerer Erfolg, sondern das Leben im Hier und Jetzt. Diese Erfahrungen führten Yalom zu der Erkenntnis, dass unser Leben verarmt, wenn wir grundlegende Dinge unseres Daseins wie unsere Endlichkeit und Begrenztheit ausblenden.

Die Karwoche will uns helfen, dass wir diesen inneren Weg gehen lernen. Sie will uns Zeit und Raum geben, in denen wir sein können, wie wir wirklich sind.

Die Palmzweige am Beginn der Karwoche wollen uns daran erinnern, dass durch das Dunkle hindurch neues Leben frühlingshaft aufblühen kann.

In ihrem Gedicht mit dem Titel „Jesus“ umschreibt die Schweizer Benediktinerin Silja Walter die Erfahrungen, die Menschen auf dem Weg mit diesem Jesus von Nazareth machen können:

„Von frühmorgens an
lief ich
durch alle Türen
auf einen armen Juden
zu
und fiel
als die Nacht kam
in die Sonne hinein.“

Eine große Dynamik der Bewegung prägt diese Zeilen. Von morgens bis abends ist sie unterwegs. Sie läuft durch alle Türen und lässt sich nicht aufhalten durch das, was sich ihr entgegenstellt. Als die Nacht kam, „fiel ich in die Sonne hinein.“ Das ist ein wunderbares Bild dafür, was Menschen durch die Zeiten erlebt haben, wenn sie sich auf Jesu einließen: Sie erlebten ihn als die Quelle des Lichtes. Und so heißt es in den Osterberichten: Eben als die Sonne aufging, waren sie unterwegs zu dem Auferstandenen…

Die Karwoche und die Passionsgeschichte ist also eine Etappe für unser inneres Leben. Das Ziel ist das Licht, die Sonne, dazu sind wir unterwegs. Die Palmzweige sind ebenso ein Symbol für das neue Leben. Karwoche – ein frühlingshafter Anfang, im Dunkel beginnt das neue Leben.

Stellen wir uns also den Schattenseiten des Lebens und lassen sie verwandeln von unserem Erlöser, fallen wir in die Sonne hinein.

Pastor Georg Koch

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