Neues Leben ist gefährdet

Da ist das neue Leben zur Welt gekommen und schon ist es gefährdet. Josef muss mit dem Kind und der Mutter auf die Flucht gehen. Im Traum erhält er die Anweisung.

Und ist es nicht immer so, wenn in unserem Leben Veränderungen und Erneuerungen anstehen, dann stellt sich die Frage, ob und warum nicht alles so bleiben kann, wie es ist.

Josef geht mit der Familie ins Exil und Herodes fühlt sich durch den neuen König in der Gestalt eines Kindes gefährdet und er beseitigt alle Knaben im Alter von zwei Jahren und darunter.

Kann so das Christentum beginnen? So blutrünstig? Hätte es nicht damals und heute einen Aufschrei gegeben, wenn dies in Wirklichkeit geschehen sei? Aber in der profanen Literatur finden wir dazu keinen einzigen Hinweis.

Deshalb ist es notwendig, noch einmal genauer hinzuschauen.

Im Traum wird dem Josef die Flucht geboten. Das ist wie ein Vorzeichen vor einer mathematischen Klammer. Ist  ein Plus vor der Klammer oder ein Minus, dann ändert sich alles.

So wird hier in einem traumnahen Text etwas geschildert, was bis ins Detail genau so stimmen muss.

Der Evangelist schreibt einen Text, der darauf hinweist, dass die aufkeimende Freiheit im menschlichen Leben zu Beginn immer gefährdet ist.

Das Alte, der König Herodes, unsere Vernunft, der Machtmensch in uns, kommt durch das Neue in höchste Bedrängnis. Er wird erschüttert und sieht den einzigen Ausweg darin, dass was sich spontan und schöpferisch in unserem Inneren anmeldet, umzubringen.

Mit den Knaben könnten alle kindlichen Regungen in uns gemeint sein, die in uns leben wollen, die wir aber versuchen umzubringen.

Deshalb bedarf es einer Latenzzeit, wo dies ungefährdet und in Geborgenheit wachsen kann.

Wir kennen so etwas Ähnliches. Als vor über vierzig Jahren in mir der Entschluss reifte, Priester zu werden, da war ich zuerst erschrocken und habe dieses Gedanken für mich behalten. Niemanden habe ich davon erzählt, bis ich mir selber sicher war.

Oder ein anderes Beispiel: Wenn ihre Tochter kommt und sagt, sie wolle ins Kloster gehen, dann werden wir alle Bedenken ins Feld führen, die es gibt. Allzu schnell werden wir dieses Begehren vom Tisch haben, diesen Wunsch umbringen.

Theologisch müssen wir erkennen, dass der Evangelist hier Jesus als den größeren Moses darstellen will. Denn auch Moses wurde von einem Engel befohlen, von Midian – wohin er geflohen war und dort geheiratet hatte – zum Pharao hin zu ziehen und sein Volk aus der Gefangenschaft zu befreien.

Hier in Ägypten soll auch der Weg Jesu beginnen, der sein Volk befreit aus aller Abhängigkeit,

Die Botschaft des Engels ist ein „Muß“, Josef muss dem Traum folgen, damit das göttliche Leben wachsen kann.

Gott, so sagt diese traumnahe Erzählung, wird aber bei uns sein, trotz aller Widrigkeiten. Er gebietet uns Schutz und Halt.

So sind wir an Weihnachten eingeladen, das Neue Leben zu behüten, damit nicht der „Herodes“ in uns Oberhand gewinnt. Herodes heißt übersetzt „der Zitternde“, ja die alte Macht kommt ins Zittern und wehrt sich mit Händen und Füßen, wenn das Göttliche – was so Zerbrechlich ist – in uns zur Welt kommen will.

Hier erahnen wir, wie der Text bis ins Detail stimmt. Er will nicht eine historische Schilderung sein, sondern beschreiben, wie der Weg der inneren Erleuchtung aktuell zu jeder Zeit begangen werden muss und zugleich auch immer gefährdet ist.

Diese Weihnachtsbotschaft ist keine Idylle, sondern eingewebt in unser menschliches Dasein.

Jesus wird uns als der neue König, als der neue Moses vor Augen gestellt und wir sollen ihn verstehen als den Befreier und als den, der unserem Leben Sinn und Ordnung gibt, wie Moses dem Volk die Gebote gab.

Weihnachten wird somit zutiefst eine Befreiungsgeschichte.

Wahrlich ein Text, der uns herausfordert und uns zugleich große Kraft schenken kann.

Georg Koch

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