Nehmt nur einen Wanderstock mit…

Dieser Wanderstab in meinen Händen – das ist die einzige Ausrüstung, mit denen  die Jünger auf den Weg geschickt werden. Sie werden mit der Vollmacht ausgestattet, die unreinen Geister auszutreiben. Sie sollen keine Lehre verkünden, sondern Menschen den Kräften zu entreißen, die sie nicht mehr Mensch und sie selber sein lassen. Der Auftrag Jesu an seine Jünger heißt: Befreit den geknebelten Menschen, dass er er selber und dass er so sein kann, wie er eigentlich gemeint ist. Es ist ein Dienst an der Freiheit!

Zwischen dem Dienst an der Freiheit und der Anordnung nur einen Wanderstab dabei zu haben, scheint es einen geheimnisvollen Zusammenhang zu geben. Der Wanderstab war in der Antike die Ausrüstung des freien Mannes. Der Stab in der Hand gab ihm Stabilität. (Der erste Rollator bei den Propheten) Mit dem Stab konnte der freie Mann böse Geister austreiben, wenn er dem Klienten damit auf die Schulter schlug. Noch heute können wir im Petersdom in Rom beobachten, dass die Beichtenden nach der Lossprechung vom Priester mit einem kleinen Stab auf die Schulter geschlagen werden: Nun sind alle bösen Geister aus dir gefahren!

Die Bedeutung des Stabes liegt aber noch in fernerer Vergangenheit. Man hatte die Vorstellung, er stamme vom Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses ab.  So wurde der Wanderstab zum Lebensbaum. Als das Volk Israel Aaron nicht in seinem priesterlichen Dienst anerkennen wollte, da ordnete Moses an, dass jeder der zwölf Stammesführer seinen Stab mit dem Stammnamen beschriften solle und alle Stäbe über Nacht in das heilige Zelt gelegt wurden. Am Morgen war der Stab des Aaron erblüht, war neues Leben an ihm sichtbar. Seit dieser Zeit legen die Israeliten in die Bundeslade ein Stück Brot, die zwei Gesetzestafeln und ein Stück des Aaronstabes.

Das neue Leben von Gott wanderte so immer mit ihnen. Auch Moses erhielt von Gott einen Stab und als er seinen Auftrag nur zögerlich annimmt, befiehlt Gott ihm, den Stab zu Boden zu werfen. Der Stab wird zur Schlange. Als Moses die Schlange am Schwanz packt mutiert sie wieder zum Stab. Wer das Leben nicht in die Hand nimmt, an dem schleicht die Angst hoch. Mit diesem Stab tritt Moses vor den Pharao und sein Stab frisst alle Stäbe der Zauberer des Pharaos auf. Ein Zauberstab der den Tod besiegt und Neues hervorbringt. Mit diesem Stab spaltet Moses das Meer und mit diesem Stab lässt er Wasser aus dem Felsen entspringen.

Die Stäbe der folgenden Zeit wurden aus dem Mandelbaum geschnitzt. Der Mandelbaum erblühte als erster Baum im Januar und wurde so zu einem Symbol der Auferstehung – so deuteten es die Kirchenväter.

„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht, muss ich auch wandern in dunkler Schlucht, du bist bei mir“ so beten die Israeliten in Psalm 21, wo Gott als der gute Hirt besungen wird. Stab als Schutz und Gegenwart Gottes. Wenn der Hirte mit seiner Herde unterwegs war, dann klopfte er alle paar Meter mit seinem Stab auf den Boden und die Herde vernahm das Klopfzeichen als Nähe des Hirten. Der Stab war Klopfzeichen Gottes. Der Stab als verlängerter Arm des Hirten hielt die Herde zusammen. Wenn die Herde abends ihn ihr Gatter gesammelt wurde, dann hielt der Hirte den Stab quer und jedes einzelne Schaft musste hier hindurch schlüpfen. So zählte der Hirte seine Schafe, schaute jedes an ob es verletzt war oder gesund daher kam. Klopfzeichen Gottes! Er wusste um jedes einzelne Schaft. Er gab ihm Schutz und Zuversicht.

Nur mit einem Wanderstab ausgerüstet sollte der Dienst an der Freiheit getan werden. Es war die Ausrüstung des freien Mannes. Mit dieser Ausrüstung sollten die Jünger die bösen Geister austreiben. Der Stab erinnerte an die Freiheit und an ein neues Leben. In Christus waren sie freie Männer mit Vollmacht. Das war das Wunder des Lebens, ein Zauberstab. Dieser Stabwechsel sollte sich immer wieder vollziehen und so wird der Stab heute in unsere Hände gelegt. Wir sollen nicht eine Lehre vollziehen oder Gebote auferlegen, wir sollen nicht den Stab über andere brechen, sondern mit dem Stab des Lebens den Tod austreiben.

Wollen sie uns schlagen, so fragten vor der Kirche einige als ich diesen Stab in der Hand hielt. Ja, an dieser Vorstellung ist etwas Wahres dran: Wo die Freiheit des Menschen gekündet wird, da geht es nicht zimperlich zu. Böse Geister und Fremdbestimmung kann man nicht austreiben durch höfliches Bitten, durch zaghaftes wünschen, sondern nur durch hartes und deutliches Tun. Nehmt nur einen Wanderstab mit: eine große Verheißung und eine nachdrückliche Kritik an der Verkündigung der Kirche von heute. Eine Kirche deren Hände gebunden sind an Beamer, Pfarrbüros, Antwortbeantworter und tausend Medien kann nicht faszinierend wirken. Überzeugend wirkt sie nur, wenn es in ihr freie Menschen gibt, die in der Tradition des Wanderstabes gehen. Wanderhirte sollen wir sein, keine Sesselfurzer.

Pastor Georg Koch

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