Mit der Sicherheit stirbt die Freiheit

„Mit der Sicherheit stirbt die Freiheit“ – dieser Spruch steht am Tübinger Jugendhaus. Provozierend werden wir diese Aussage beim ersten Lesen empfinden. Wir benötigen doch einen festen Halt, eingefahrene Strukturen, feste Riten, eben Sicherheit.

Mit der Sicherheit stirbt die Freiheit – haben die jungen Leute damit nicht doch recht? Wenn ich mich immer wieder absichere, alles voraus bedenke, berechne, plane, dann beschränke ich mich auch. Da nehme ich mir die Freiheit, mich auf unvorhergesehenes einzulassen.

Oder wenn alles stimmt in meinem Leben, dann kann es sein, dass ich unfrei werde durch Bequemlichkeit. Dann werde ich gebunden, unfrei durch die Stricke, die mich an meine Sicherheit binden.

Wenn ich nur Sicherheit will, dann kann ich auch nicht mehr offen sein für die Überraschungen Gottes in meinem Leben.

Dann sind wir schon mitten in der heutigen Lesung vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten: Wozu hast du uns aus Ägypten herausgeführt? Dort hatten wir Sicherheit: Arbeit, Essen und Trinken.

Das Volk will Sicherheit. Die Freiheit, der Auszug ist ihnen zu gefährlich. Dennoch ahnen sie, dass die Freiheit nur müh-selig zu gewinnen ist.

Erst waren sie begeistert von der neuen Freiheit und nun murren sie gegen Moses.

Es ist schon erschreckend mitanzusehen, wie sehr etwas, das eben noch gelernt und verstanden schien, im nächsten Moment bei der geringsten Spannung schon wieder „vergessen“ ist.

Gott hatte sie durchs Meer geführt, er hatte sie Brot in der Wüste finden lassen. Seine Fürsorge begleitete sie.

All das hatten sie vergessen.

Vielleicht will uns diese Erzählung gerade lehren, wie man mit Spannungen und mit Streit und Problemen umgehen kann. Und dies ist ein tröstlicher Zug in dieser Geschichte: Sie erhellt, dass es immer und ewig ein langwieriger Prozess ist, in die Freiheit zu kommen, ein selbständiger Mensch zu werden.

Wir müssen zu allererst Geduld mit uns selber haben. Und die nächste Lernerfahrung in der Wüste ist es: dass Enttäuschungen und Spannungen nicht zu vermeiden sind, sondern ausgehalten werden müssen.

Ein leidfreies Leben und streitfreie Beziehungen sind zwar unsere Sehnsüchte, die wir in uns tragen, aber wenn sie zu einer fixen Idee werden, verhindern sie den angemessenen Umgang mit der Realität.

In diesen Tagen wird in unserer Stadt darum gestritten, was das Beste für Betzdorf oder für Scheuerfeld sei. Es ist gut, dass darum gerungen wird und hoffentlich fair.

Der Streit kann dann zu neuen Erkenntnissen führen. Einfach abhauen und Posten aufgeben, das bringt uns kaum einen Schritt weiter.

Wer aus der Kirche auszieht, austritt, sich abmeldet, der kann nichts verändern. Nur wer die Spannungen aushält, der wird ein Stück Reife und Festigkeit gewinnen.

Es gibt keinen Weg zurück in die vorgeburtliche Urharmonie und totale Versorgung. Wer sich von dieser Sehnsucht zurück nicht lösen kann, bleibt gefesselt, sucht seine Sicherheit und dabei stirbt die Freiheit.

„Das Wasser des Lebens“ sprudelt nicht jederzeit und muss jeden Tag neu gesucht werden. Selber zu leben, ist anstrengend.

Das ist ein mühseliger Prozess. Und ist es nicht mühselig, dass wir unseren Kommunionkinder und gestern Abend den Firmlingen unseren Glauben als etwas befreiendes vermitteln wollen. Aber in dem Wort müh-selig steckt auch selig drin.

Kann es uns nicht am Ende eines Prozess des Streitens selig stimmen? Kann es nicht froh und befreiend sein, dass wir Enttäuschungen und Rückschläge überwunden haben?

In der Psychologie heißt es: Wenn der Bogen zwischen Wunsch und Erfüllung größer wird, dann gewinnen wir an Reife. Viele wollen, was sie wünschen, heute erfüllt haben. Haben wir einen Wunsch zurückgestellt oder ihn sogar vergessen, dann sind uns nächste Woche die Schuhe ziemlich egal, in denen wir heute gern herum stolziert wären.

Spannungen aushalten und daran wachsen, das kann ein Anliegen von Fastenübungen sein, die als Persönlichkeitsbildung und Lernaufenthalt in der „Wüste“ verstanden werden können.

Moses schlägt an den Felsen und Wasser strömt. Das können wir historisch verstehen, aber auch als zeichenhaft begreifen.

Fels und gewaltige Steine können stark beeindrucken. In ihrem positiven Aspekt vermitteln sie den Eindruck von Festigkeit, Sicherheit und Beständigkeit. So erinnern sie an das Ewige und Kraftvolle göttlicher Mächte.

In ihrem negativen Aspekt dagegen vermitteln sie den Eindruck von Verhärtung und Unbeweglichkeit.

Mit beiden Aspekten eignet sich der Fels hervorragend zur Symbolisierung des Selbst.

Eine gefestigte und kraftvolle Persönlichkeit, die Sicherheit vermittelt, soll ja aus dem Selbst entwickelt werden. Dazu muss die Verhärtung aufgebrochen und alles Unbewegliche in Fluss gebracht werden.

So kann das Selbst zur Quelle der Lebendigkeit und der Lebensfülle werden. Aber eh dies geschieht, so sagt uns diese Erzählung, sind viel Geduld und viel ertragene Enttäuschungen und Spannungen notwendig.

Mit der Sicherheit stirbt die Freiheit – das ist die eine Erkenntnis. Die Freiheit benötigt Halt und Sicherheit, damit sie verwirklicht werden kann – das ist ein anderer Aspekt. Um beides müssen wir ringen in unserer Stadt und in unserer Kirche.

Pastor Georg Koch

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