Lazarus, komm heraus! Werde lebendig!

Es ist eine Geschichte voller Widersprüche, diese Legende über die Auferweckung des Lazarus. Als er krank ist und noch lebt, geht Jesus nicht zu ihnen hin, obwohl es nur ein paar Meilen entfernt liegt. Er riecht schon und Marta will nicht, dass der Stein von dem Grab genommen wird. Er kommt aus dem Grab, obwohl er mit Binden umwickelt ist.

Vielleicht ist gerade der Vers 44 ein Angelpunkt, um diese Geschichte für uns zu deuten und in unser Leben hineinzuholen: „ Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umhüllt.

Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!“

Eher befremdlich: Die Schwestern hatten sich um ihn gesorgt, sie waren untröstlich und nun soll er seine eigenen Wege gehen. Nicht zu ihnen nach Hause, in das behütete Heim der Schwestern, sondern auf eigenen Füßen soll er stehen.

Wo sind wir in unserem Leben, in unseren Beziehungen, umgarnt, eingewickelt, wird von uns erwartet, dass wir die Wünsche unserer Umgebung erfüllen?

Manchmal nimmt es uns die Luft zum Atmen, wenn Eltern uns von morgens bis abends umsorgen, uns Vorschriften machen.

Dieser Tage klagte mir noch eine Frau um die fünfzig, dass ihre Mutter sich in alles in ihrer Familie einmische. Sie fühle sich wie erdrückt und sie habe keinen eigenen Spielraum.

Wenn die Hände und Füße uns gebunden sind, dann vermögen wir unser Leben nicht in die Hände zu nehmen und keine eigenen Schritte setzen.

Unsere Sicht ist versperrt, wenn ein Schweißtuch unsere Augen bedeckt. Ein aussichtsloser Zustand.

Es ist die Beschreibung eines unfreien Daseins. Selbst ein Stein oder Steine liegen lastend auf unserem Leben.

Jesus, so schildert es diese Legende, ist erschüttert ob solcher Einengungen, ob solchem Unlebendigsein. Lazarus komm heraus! – das ist sein Befehl.

Wo vernehmen wir solchen Ruf? Wo sind wir eingebunden in einengende Beziehungen, in Vorschriften und Gesetze, in Wünsche unserer Partner?

Wie kommen wir heraus aus solchen Gräbern?

Bevor Jesus Lazarus ruft, erhob er seine Augen zum Himmel und dankt seinem Vater. Es ist die Perspektive des Himmels, die Befreiung ermöglicht.

Jesus schaut nicht auf die Widrigkeiten, die vor den Füßen liegen, sondern er weitet seine Sicht zum Himmel hin.

Wenn Jesus unserer inneres Selbst symbolisiert, dann ist diese Kraft der Befreiung auch in uns angelegt. Mit dieser Kraft in uns müssen wir in Kontakt treten.

Dann werden wir Aufstehen mitten im Leben längst vor dem Tod. Dann werden wir erst verstehen lernen, was ewiges Leben heißt.

Eramus von Rotterdam formuliert einmal: Ähnliches wird von Ähnlichem ergriffen. Salopp gesagt: Wenn ich noch nie gelogen habe, werde ich die Lüge nicht erkennen. Wenn ich noch nie erfahren habe, was lebendig sein heißt, dann wird die Auferstehung und das Auferstehen nicht in meinem Horizont zu finden sein.

Lazarus komm heraus! Werde lebendig! Das ist die Botschaft dieser Erzählung.

In einem Lied von Gerhard Schöne heißt es:

Nur noch leere Muschel, nur noch schöner Schein. Ist das nicht das Schlimmste, lebendig tot zu sein? Manchmal stirbt man, wenn man völlig arglos eine Fliege quält. Manchmal stirbt man, weil die Watte einem aus den Ohren quillt. Manchmal stirbt man daran, dass man immer seine Pflicht erfüllt.

Oh, das ist das größte Wunder, wenn ein Toter aufersteht, wenn die Leichenstarre endet und in Leben übergeht, wenn die Brust vor Schmerz und Freude, Glück und Trauer wieder bebt, wenn die Augen wieder schauen und das Antlitz wieder lebt.

Sanfte, weiche Muschel, heller Lichterschein. Ist das nicht das Größte vom Tod erwacht zu sein?

Erfreuen wir uns noch am Lachen eines Kindes, hören wir noch das Trällern eines Vogels, sind wir noch ergriffen von einem tiefen Gebet?

All diesen Erfahrungen versperren wir oft den Weg, weil wir die Schutzbehauptung haben: Er riecht schon!

Wo ist der Lazarus in unserem Leben zu finden? Wen haben wir endgültig abgeschrieben? Der ist für uns tot. Tot ist tot, da kannst Du nichts machen! Mit dem ist kein Gespräch mehr möglich! Oft haben wir tausend Gründe jemand für tot zu erklären, über ihn zu sagen: Er riecht schon.

Loten wir diese Lazarus-Geschichte für unsere Situation aus! Seien wir einmal Lazarus, seine Schwestern Maria und Marta, einmal Jesus, und spüren wir einmal nach, wo über uns gesagt wird: Der riecht schon.

Auf jeden Fall sollten wir den Ruf und die Kraft Jesus in uns spüren: Lazarus komm heraus! Werde lebendig!

Dann sind wir auf einem guten Weg, Ostern, Auferstehung, Aufstehen, eigene Wege zu gehen – verstehen zu lernen.

Denn Ähnliches wird von Ähnlichem ergriffen.

Pastor Georg Koch

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