„Komm, du Heiland aller Welt...“

Der hl. Ambrosius, 339 in Trier geboren, hat diesen Hymnus gedichtet, den wir als Lied im Gotteslob finden (GL 108). Er wurde in Rom für die Beamtenlaufbahn ausgebildet und ist noch Taufbewerber in Mailand, als er dort mit 35 Jahren zum Bischof gewählt wurde.

Mit diesem Lied setzt er einen Kontrapunkt zu den Vorstellungen seiner Zeit. Denn zur Zeit des Ambrosius war im Römischen Reich der 25. Dezember schon lange ein Feiertag: Es war der Geburtstag des unbesiegbaren Sonnengottes, „Natalis Solis Invicti“. Nach der Sonnenwende, der Dunkelheit, bricht er wieder hervor, und diese Sonne wird die Dunkelheit besiegen.

Die Christen im Römischen Reich feierten ab dem 4. Jahrhundert am 25. Dezember ebenfalls ein Fest: Das Fest der Geburt dessen, der unbesiegbar ist wie die Sonne, wesenhaft ganz Gott und Mensch – Christus.

Mit seinem Kontrapunkt will Ambrosius sagen: Schaut doch, Christus ist weitaus größer als der Sonnengott (3. Strophe).

Als das Christentum zu dieser Zeit erwachsen wurde, in die Öffentlichkeit trat, spürte der hl. Ambrosius, dass das Glaubenswissen fundiert und gemehrt werden musste. Die Erziehung im Glauben war seine größte Sorge.

Komm, du Heiland aller Welt..., so beginnt er seinen Hymnus. In ein paar Worten führt er die Christen zum Geheimnis der Weihnacht.

In einer Welt, die wir nicht als heil erleben, - damals wie heute - stellt er Christus als den Heiland aller Welt da.

Glauben wir daran, dass Christus der Heiland meines Lebens ist? Bin ich bereit, ihn als Heiland in mein Leben hineinzulassen? Wieso ist er der Heiland?

Damit tun wir uns schwer. Wir erleben unseren Glauben und unsere Religion als verwaltet. Wir stoßen uns an den vielen Vorschriften und Verlautbarungen. Der Glaube ist für viele steril und unlebendig geworden.

Um die Innerlichkeit des Glaubens neu auszuloten, ist ein solches Pfeilgebet, ein gutes Wort.

Jesus der Heiland, der Arzt, der Therapeut. Hier geht es nicht einfach um körperliche Gebrechen oder um Gesundheit im üblichen Sinne. Sondern dieser Heiland will uns helfen, ganze, heile Menschen zu werden.

Die Ärzte heute verschreiben Pillen, reichen Medikamente, aber selbst davon werden viele nicht gesund und erst recht nicht heil und ganz.

In der Nähe Jesu Christi könnten wir heil werden!? Das bedarf der Übung, der Vertiefung. Jesus Christus der Heiland ist nicht ein Sonnengott, einer der von oben herab eingreift, sondern in der Krippe erscheint er uns eher als ohnmächtig und klein.

Damit ist eine wichtige Beziehung in der Therapie geschaffen. Auf Augenhöhe begegnet er uns. Als inwendiger Lehrer kommt er mit uns ins Gespräch. Ihm sind unsere Sorgen, Verletzungen und Verwundungen nicht fremd.

Gerade um die Weihnachtszeit erinnern wir uns an eine heile Kindheit, wo wir Geborgenheit und Vertrauen erfahren haben. Das ist im Laufe der Jahre verloren gegangen. Nun stehen wir als Verwaiste da und sehnen uns nach dieser heilen Welt.

Wir spüren, das ist nicht einfach wieder herzustellen. Es muss also ein Heil geben auf einer anderen Ebene.

Komm, dieses Wort ist der erste Zugang für ein Heil-Land, wo wir uns geborgen wissen. Es formuliert eine Sehnsucht, ein Verlangen, artikuliert in gewisser Weise eine Traurigkeit. Wenn wir uns diese Traurigkeit zugestehen, diese Sehnsucht in uns wach werden lassen, dann ist ein wichtiger Schritt getan.

Wir überlagern und verdrängen dieses Heimweh nicht, sondern wir tragen diese Wunde zu Jesus hin.

Ich habe eine Woche lang dieses Stoßgebet immer wieder meditiert und ganz langsam in mir gespürt, wie dieses Wort wirkmächtig werden kann. Nicht einfach so in einem geistigen Sinne, sondern ich habe gebeten, er möge Heiland sein in meinen Schwierigkeiten, in meinem Versagen, in meinen Fehlern. Auf einmal hat sich für viele Fragen eine Lösung angeboten. Zuerst war es ein Loslassen all der Vorwürfe, die in mir waren. Dann war es ein wachsendes Vertrauen, dass so meine Wunden heilen konnten. Wenn sie dies, liebe Zuhörer, einmal selber versuchen, werden sie erfahren, wie wirkmächtig ein solches Wort sein kann.

Mir ist dabei aufgegangen: Heil sein, meint nicht einfach gesund sein. Heil sein, bedeutet, dem Leid, der Not, dem Tod begegnen, ohne dabei bitter zu werden. Wie viele Menschen kenne ich, die unter Krankheit leiden, aber dennoch Zuversicht ausstrahlen. Sie haben sich verankert im Vertrauen auf Gott, der ihnen beisteht und ihnen die Kraft gibt, solche Situationen zu meistern.

Heil sein, kann man trotz Leid. Denn menschliches Leben gibt es nicht ohne Leid und Streit. Werner Bergengrün sagt einmal: Jedes Leid und jeder Schmerz entlässt dich reicher. Heil und ganz sein, das ist die Fähigkeit menschliches Leben in diesem Horizont zu sehen.

Heiland aller Welt... Dieses Wort wird für die Welt nur wirksam, wenn ich es in mir gespürt habe. Bin ich durchglüht von diesem Wort und ist es in mir so wirksam, dass andere Menschen dies an meinem Leben ablesen können?
In Jesus Christus, so glaubte Ambrosius, kommt der Mensch ganz zu sich. Durch Jesus Christus kann er sich befreit fühlen von allen Zwängen, Groß sein zu müssen.

Darob staune, was da lebt: Also will Gott werden Mensch. Staunen, das ist ebenso ein Wort des Adventes. Staunen öffnet die Sinne für die kleinen Aufmerksamkeiten des Lebens und für eine größere Welt des Beschenkt seins. Staunen für zur Freude und zur Dankbarkeit.

Wir Christen staunen darüber, dass Gott Mensch werden will. ER will nicht ein Gott des Donners oder des Feuers sein, sondern in unserem Herzen möchte er brennen. Er will uns näher sein wie unsere Halsschlagader. Ein gewagter Glaube der zum Staunen führt.

Dann kann aus der Krippe, aus der Niedrigkeit, Glanz aufstrahlen. Kein blendendes Licht von oben, sondern ein Schimmer aus dem „Stroh“ unseres Lebens.

„Und der Glaube trägt das Licht“ (4. Strophe), wir sind also Träger dieses Lichtes, sollen den Heiland aller Welt hinaustragen.

Komm, du Heiland aller Welt, jeden Tag in der Adventszeit gesprochen, gebetet, meditiert – so wird ein Glaube wachsen, der die heile Welt der Kindheit auf der Ebene des Erwachsenen neue Kraft schenkt.

Georg Koch

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