„Heilt Kranke, weckt Tote auf, treibt Dämonen aus!“

Was Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher vor dem Fernseher am Freitagabend essen, wohin sie in Urlaub fahren und welche Lieblingslektüre sie haben, das haben die Marktbeobachter alles statistisch erhoben.

Über uns Bürger wird genauestens Buch geführt – nicht von einem Aufpasser-Gott, der am Ende der Zeiten Rechenschaft für unser Verlangen verlangt, sondern von einem Heer von Durchleutern, die so gut wie jede Minute rund um die Uhr kontrollieren, was wir wo wie treiben.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die der Spiegel im April 2008 unter der Titelgeschichte „Wie ticken die Deutschen? Warum wir so sind, wie wir sind.“ veröffentlichte.

Hier ist man nicht an der Einzelperson interessiert. Gesucht wird: der Durchschnittsmensch.

Das zweite Ergebnis der „Spiegel“-Studien überrascht uns schon etwas mehr. Wir Menschen leben viel stromlinienförmiger dahin, als uns lieb und bewusst ist. Wir alle meinen Superindividualisten zu sein, innovativ, kreativ, expressiv. Ich bin ich.

Aber es ist anders. Die Realität allein schon der materiellen Dinge belegt die wahren Verhältnisse: Die persönlichen Abweichungen von Frau oder Herrn Mustermann bewegen sich in sehr engen Grenzen.

Es gibt eine schläfrige Uniformität, es gibt einen Bürger in Uniform. Fastfood, Instantkaffee, Cluburlaub, Schlagzeilenbildung. In den meisten Dingen des Lebens sind wir gleichgeschaltet. Zwei, drei große Ausrüster kleiden uns ein, ein, zwei Programme oder Zeitungen bilden uns.

Der Bürger ist bei aller zelebrierten Einmaligkeit der Bürger in „Uniform“ geworden, rundum uniformiert, normiert, reglementiert.

Aber: Gilt die Uniformierung des materiellen Lebens genauso fürs Geistige, oder ist da alles anders? Ist der Mensch noch Herr im eigenen Haus, zumindest in dem seines Gehirns.

Leider gibt es Anzeichen dafür, dass auch bei unseren geistigen Beschäftigungen der Durchschnitt, das Mittelmaß regiert.

Nur in einem Punkt – und das ist wohl das tatsächlich aufregende dritte Ergebnis dieser Studie – scheint es noch echte Individualisten zu geben, die sich in ihren existenziellen Lebens- und Geisteshaltungen vom Massenstrom unterscheiden. Vielleicht müsste man sie sogar schon als exotische Einzelgänger bezeichnen: im Bereich der Religion, des Glaubens, des Christseins.

Insgesamt verraten die Daten, dass jene Menschen, die religiös Glauben und Hoffen, die ihr Christsein ernstnehmen, zu einer vom Hauptmeinungsstrom deutlich abweichenden sehr „eigen-sinnigen“ Minderheit gehören.

Sie schließen sich dem Trend der Nivellierung nicht an. Wo „alle“ im Mainstream des Üblichen nicht mehr glauben, glaube ich. Freilich auch in einer vorgegebenen Gemeinschaft, in einem überlieferten Credo-Bekenntnis. Beim persönlichen religiösen Glauben und Hoffen handelt es sich jedoch noch am ehesten um einen Bereich, der entgegen der landläufigen Meinung am wenigsten normiert, am wenigsten uniformiert, am wenigsten nivelliert ist – auch weil Gott heute so wenig selbstverständlich ist.

Und solche Menschen, so zeigt die Untersuchung, essen anders, kaufen anders ein und buchen ihren Urlaub wo anders.

Den Raum mit dem größten Freiheits- und dem stärksten Widerstandspotential gegen die durchschnittliche, uniformierte Einheits-Kultur der Massengesellschaft hält momentan allein die Religion bereit.

Wir wehren uns gegen die unfehlbaren Hohenpriester von heute.

Da sind wir bei Auftrag des heutigen Evangeliums: Heilt Kranke, weckt Tote auf, treibt Dämonen aus! Dazu sendet Jesus seine Jünger und uns aus.

Haben wir die Überzeugungskraft dies alles zu verwirklichen? Wie viele sind heute krank, weil sie gleich geschaltet sind, Rädchen in einem System? Manche einer dümpelt nur noch dahin, ist mehr tot als lebendig, weil er mitschwimmt in dem Hauptstrom, den die Werbe-Psychologen suggerieren.

Dämonen, Aber-Geister, sollen gebannt werden. Wie viele werden gequält und bestimmt von alten Botschaften der Minderwertigkeit, des Selbstzweifels? Wie schwer erscheint es, diese bohrenden Vorwürfe auszutreiben?

Sie alle, die sie Sonntag für Sonntag sich beim Gottesdienst daran erinnern lassen, dass wir zur Freiheit berufen sind, bilden ein großes Widerstandspotential gegenüber einer gleichgeschalteten Massengesellschaft. Hier vollziehen und feiern wir etwas, was für viele als verrückt gilt. Hier kann ich wachsen und atmen – als Einzelner, als Individuum, als Kind Gottes: unaustauschbar, unverwechselbar, unangepasst, einzigartig, einmalig, frei.

Lassen sie uns in diesem Sinne froh Eucharistie feiern, lassen sie uns in diesem Sinne ausgiebig bei unserem Pfarrfest miteinander ins Gespräch kommen.

Pastor Georg Koch

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