Gott, eingewickelt in unsere Welt





Ein Mann hatte ein fünf Jahre altes Mädchen. Zum Spielen hatte es sich eine kostbare Rolle Goldpapier genommen. Das Geld war knapp in der Familie. So ärgerte sich der Vater, als er feststellte, dass seine Tochter das Goldpapier benutzte, um einen Karton damit einzuwickeln.

Obwohl er mit ihr geschimpft hatte, überreichte das Mädchen ihrem Vater das Päckchen am Weihnachtsabend.

Sie sagte: „Das ist für dich, Papa.“ Der Vater war beschämt. Doch er ärgerte sich erneut, als er entdeckte, dass die Schachtel leer war. „Weißt du nicht, meine Tochter, wenn du jemand ein Geschenk überreichst, sollte auch etwas in dem Päckchen drin liegen.“

Das Mädchen schaute ihn mit großen Augen an. Langsam füllten sie sich mit Tränen. Sie antwortete: „Oh Papa, die Schachtel ist nicht leer. Ich habe viele Küsse in sie hineingepustet, bis sie voll war.“ Der Vater war zutiefst getroffen. Er kniete sich hin, legte die Arme um sein kleines Mädchen und bat es, ihm seinen Ärger zu verzeihen.

Kurze Zeit später starb das Mädchen bei einem Unfall. Noch heute erzählt man sich, dass ihr Vater bis zu seinem Tod die Schachtel neben seinem Bett aufbewahrte. Und immer, wenn er in schwierigen Situationen war, entmutigt oder traurig, öffnete er das Päckchen. Er entnahm ihm einen Kuss und erinnerte sich an die Liebe, die sein Töchterchen hineingepustet hatte.

In der Krippe wird das göttliche Kind geboren, eingewickelt in Windeln. Die Liebe Gottes eingefädelt in unser Leben, in unser Dasein. Wir übersehen dieses wunderbare Ereignis, vordergründig meinen wir, das alles habe keine Bedeutung, die Krippe sei leer.

Die Ohren der Hirten, die Augen der Hirten, ihre Achtsamkeit müsste uns zu eigen sein, damit wir hinüber finden nach Bethlehem. Sie sind Wanderer zwischen Natur und Kultur, Grenzgänger. Sie werden eingeweiht in eine Welt, wo das Wesentliche sichtbar wird.

Heute Nacht sollen wir eingeweiht werden in die Welt des Göttlichen, in die Welt die wirklich ist.

Aber vordergründig bleiben wir oft am Materiellen hängen. Das, was wir sehen und zählen können, das zählt für uns.

Andererseits ist bei euch allen, die ihr heute Nacht so zahlreich hierher gekommen seid, die Sehnsucht wach geblieben, das Wunderbare zu erleben und zu erahnen. Zu erfahren, dass Gott sein Leben und seine Liebe in unserer Leben hineingeatmet hat. Unser Leben ist nicht leer. Wir müssten nur achtsam werden für die Küsse der Liebe Gottes in unserem Dasein.

Die Hirten flüstern sich zu: Kommt lasst uns hinübergehen nach Bethlehem und schauen, was uns verkündet worden ist. Hier muss man um sie Angst haben. Denn die Vision und der Klang der Engel sind vorüber, der Himmel hat sich wieder geschlossen. Er will jetzt wo anders entdeckt werden. Können wir ihn in einer Krippe schauen oder ist sie für uns leer.

Ein Kind, eingewickelt in Windeln, das Göttlich im Alltäglichen, das Himmlische im Gewöhnlichen – diese Erfahrung und dieses Wunderbare wollen wir heute Nacht miteinander teilen. Wir wollen spüren, dass Gott sein Leben in unser Fleisch und Blut eingeatmet hat.

Gewiss, wir brauchen ein ganzes Leben lang, damit wir dieses Wunderbare begreifen. Wir benötigen die Kultur der Achtsamkeit, um eingeweiht zu werden in dieses Geheimnis.

Dafür ist diese Weihe-Nacht da! Sie will einen Raum eröffnen, wo wir die Menschwerdung Gottes erahnen dürfen.

Wenn wir kindhafte Menschen in dieser Nacht werden, für einen Augenblick, dann werden wir davon ergriffen, dass die Liebe Gottes in unserer Dasein hineingepustet wurde. Das ist wie eine Neuwerdung, es ist eine Neuschöpfung wie auf den ersten Seiten der Bibel: Gott hauchte dem Menschen seinen Atem ein.

Glauben wir daran? Wenn wir daran glauben, dann können wir unser Leben, die Schachtel unseres Lebens, immer wieder öffnen, einen Kuss Gottes daraus entnehmen und uns an die Liebe erinnern, die Gott in unser Leben hineingehaucht hat.

Dann wir uns nicht die Luft ausgehen, wird uns nicht die Luft abgeschnürt, sondern der lange Atem Gottes wird uns das wirkliche Leben schenken in dieser Weihe-Nacht.

Georg Koch

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