Freude und Begeisterung des Glaubens

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht." Johannes 15,5

Wenn wir unseren Glauben und unsere Religion Menschen in einer anderen Kultur erklären sollten, wenn wir den Weg beschreiben würden, wie wir zu unserem Gott kommen könnten, dann würden viele sagen:
Die Gebote halten, das ist wichtig. Gebete sprechen, Entsagung üben, Vorschriften beachten, Riten einhalten, das hilft uns auf dem Weg zu Gott. Gut ist es ebenfalls, wenn wir den Katechismus kennen und um die Dogmen wissen.
Unsere Religion, unser Glaube, wird eher sachlich-kühl, nüchtern und vernunftmäßig gelebt.
An all diesen Bemerkungen ist etwas richtig dran, aber sie treffen nicht die Mitte unseres Glaubens.
Jesus gibt uns heute ein Bild zum Anschauen, was tiefer geht und uns sinnenhafter anspricht.
Es ist das Bild des Weinstockes.
Die Frucht des Weinstockes ist der Wein und nicht das Wasser. Die Frucht des Weinstockes ist die Freude und nicht die Langweile.
Der Weinstock ist auch ein Bild, das die Griechen lieben. Dionysos ist der Gott des Weines und der Ekstase. Ohne die Ekstase verkümmert der Mensch. Erst in der Ekstase überschreitet er sich selbst und kommt zu Gott hin. Sie bietet dem Menschen Wege an, für einen Moment seine gewöhnlichen Grenzen und Strukturen zu verlassen, die uns allzu oft einengen.

Der Wein, die Frucht des Weinstockes, erfreut uns, er schafft Gemeinschaft und führt uns hin zur Begeisterung.
Im positiven Sinne braucht der Mensch etwas, an dem er sich berauschen kann, wo er maßlos sein kann.

Mitten in einer Gesetzesreligion setzt Jesus dieses Bild des Weinstockes ein und als der wahre Dionysos will  er uns davon befreien und die schöpferische Mitte des Menschseins und des Glaubens freilegen.
Der Mensch kann hier aus sich heraustreten, über sich hinauswachsen und sich mit seinem liebenden Gott vereinen.
Christentum ist also nicht eine nüchterne und bürgerliche Religion. Es will uns den Raum eröffnen, wo wir vernarrt und verliebt sein dürfen in unsere Mitmenschen und in unseren Gott.
Das Bild des Weinstockes drückt die freudige Seite unseres spirituellen Weges aus. Das Ziel unseres Weges ist die Ekstase der Freude in der Vereinigung mit Gott.

Der Dichter Novalis hat diese Bewegung vortrefflich verdichtet:

„Hätten die Nüchternen
einmal gekostet,
alles verließen sie,
und setzten sich zu uns
an den Tisch der Sehnsucht,
der nie leer wird.
Sie erkennten der Liebe
unendliche Fülle,
und priesen die Nahrung
von Leib und Blut."

Hier findet sich die Wirklichkeit des Weinstockes: Die Trunkenen stehen den Nüchternen entgegen. Wer einmal gekostet hat vom Tisch der Sehnsucht, wir nimmer davon lassen können.
Und wir spüren die Ambivalenz, dass Verlockendes und Gefährdendes sich mischen, wenn einer die Sehnsucht verkostet hat, angezogen vom Rausch der Begeisterung.
Dann erkennen wir der Liebe unendliche Fülle und preisen die Nahrung von Leib und Blut.
Dieser Tisch der Sehnsucht wird uns in der Eucharistiefeier immer wieder gedeckt in den einfachen und sinnenhaften Zeichen von Brot und Wein.
So einfach und glückhaft ist unser Glaube. Gott tischt sich uns auf. Er gibt sich uns zu essen. Und wir sagen: Liebe geht durch den Magen.

Ist diese Sehnsucht in uns noch lebendig? Sind wir so mystisch, dass wir in Brot und Wein unseren Gott erspüren? Können wir in ihn vernarrt und verliebt sein? Sind die Gottesdienste kostbare Stunden für uns, wo wir mit Gott eins sind?

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben: Wenn der Weinstock als Frucht den Wein hervorbringt, so solle auch in den Reben diese Freude spürbar werden. Allerdings müssen wir mit ihm verbunden bleiben, dem wahren Weinstock.

So werden wir im wahrsten Sinne Verwandelte, Begeisterte, Verliebte und überschreiten jede Gesetzesreligion.

Freude und Begeisterung werden zum einem Kennzeichen christlichen Lebens.

Georg Koch

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