Freie Menschen werden!

Ist dieses Evangelium Frohbotschaft? Hört es sich nicht eher an wie eine Drohbotschaft? Vater und Mutter, seine Liebsten verlassen, das Leben gering achten, allen Besitz loslassen, das Kreuz auf sich nehmen? Hört sich dies nicht an wie eine Botschaft mit der Peitsche der Angst? Wir kommen beim Hören ins Stocken. Soll ich nicht lieber einen anderen Text aus der Bibel vortragen in einem Gottesdienst, wo die Firmlinge, junge Menschen, seit langem noch einmal hier anwesend sind und sich auf das Sakrament der Firmung vorbereiten wollen?

Weichen wir dann nicht dem Evangelium aus und suchen nur einen lieblichen Gott, der uns wärmt und unser Leben bei Feierlichkeiten schmückt? Wollen wir nur einen guten Gott, der uns auf satte Weide führt? Oder darf Gott uns auch herausfordern, konfrontieren?

Wie können wir diesen Text für unser Dasein fruchtbar machen? Ich glaube, dieser Text will uns helfen zu einem reifen Leben. Er will uns Anstoß sein, freie Menschen zu werden. Ich möchte drei Abnabelungen, drei Relativierungen benennen, die vom heutigen Evangelium gemeint sind:

  • Erstens die Abnabelung von Eltern, Herkunftsfamilie, von Tradition, um ein Original zu werden.
  • Zweitens die Abnabelung von Rollen, Funktionen, von unserem Beruf, um zu unserer Berufung zu kommen.
  • Drittens die Abnabelung vondem Zeitgeist, der uns bestimmt, um unsere unantastbare Würde zu bewahren.

Gewiss sind wir geprägt von unserer Familie, von unserer Vergangenheit. Aber wir sind mehr als nur das Produkt unserer Eltern. Mit der Abnabelung bei unserer Geburt soll ein Prozess beginnen, wo wir flügge werden. Wir sind kein Abklatsch unserer Eltern, sondern wir sind herausgefordert, Originale zu werden. Das Sakrament der Firmung will das von Gott her aussagen und besiegeln.

Gott hat uns berufen, jenseits unserer Menschenwelt Gott selbst als unseren wahren Vater und unsere wahre Mutter zu erkennen. Verankert im Absoluten, in Gott, können wir kindliche Abhängigkeit, Autoritätsgehorsam, Unterwerfung und Anpassung, alle irdischen Bindungen relativieren.

Diese Abnabelung ist nicht bloß eine Frage der Adoleszenz, sondern des ganzen Lebens. Wie viele Oma-Botschaften sind noch in unserem Kopf: Als guter Christ muss Du jenes tun, sollst Du Dich für dieses einsetzen. Diese Botschaften, wo soll und muss vorkommt, sollen wir ablegen, um freie Menschen, um Originale zu werden. Wahrlich, dies ist kein Spaziergang, manchmal ist es ein Kreuz damit, aber es befreit.

Die Abnabelung von unseren Rollen, Funktionen, von unserem Beruf ist ebenso schwierig. Viele gehen ganz in ihrem Beruf auf, halten sich zwanghaft ein Rollenvorschriften, handeln nur nach Gesetzen oder vorgeschriebenen Lehrplänen. Dieser Tage war in der Zeit zulesen, dass ein Staatsanwalt drei Jugendlichen einen Prozess macht, die gelogen haben. Weil sie in der Pflegefamilie bleiben wollten, haben sie geleugnet, dass die Pflegemutter ihr eigenes Kind geschlagen hat. Nun macht dieser Staatsanwalt ihnen den Prozess. Ist das nicht idiotisch! Kann man dies nicht mit ein paar Sozialstunden abgelten?

Vorschrift ist Vorschrift, Beruf ist Beruf! So ist man abhängig von Berufsvorschriften, wie der Lehrer, dem der Lehrplan wichtiger ist, als auf die Situation der Schüler einzugehen, deren Mutter verstorben ist.

Unsere Berufung ist es, ein Mensch mit Herz zu sein, die den Weg zu Herzen des anderen suchen sollen.Wahrlich eine Abnabelung, der befreit.

Die Abnabelung vom Zeitgeist ist wie eine Bergbesteigung, die Mühe herausfordert und Training voraussetzt. Dem Zeitgeist ist das Heilige nicht wichtig. Der Glaube ist dem Zeitgeist eher verdächtigt. Arbeiten, Geld verdienen, Leben genießen, das steht im Vordergrund. Der Mensch wird reduziert auf seine Nützlichkeit. Ist er behindert oder alt, dann wird seine Daseinsberechtigung in Frage gestellt.

Abnabelung von allem, was uns besitzt und besessen macht, los lassen all unseren Besitz, mit ihm umgehen,als ob wir nichts besitzen, dann ist eine große Kunst und ein herausfordernder Reifeprozess. Nur der freie Mensch, wird diese Aufgabe meistern. Und so führt diese Abnabelung zur wirklichen Würde des menschlichen Daseins.

Das heutige Evangelium relativiert alle biologischen, beruflichen und ökonomischen Bindungen und Abhängigkeiten. Es garantiert die absolute Würde des Menschen in seiner Verankerung in Gott, in der Gotteskindschaft. So ist dieses Evangelium eine frohe Botschaft, es ist die Botschaft vom freien Christenmenschen. Luther fasst es in einem Satz zusammen: Ein freier Christenmensch ist niemanden untertan und jedermann Diener.

Pastor Georg Koch

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