Et incarnatus est pro nobis...

Er hat Fleisch angenommen für uns

Traumbotschaften sind es, die uns zum Geheimnis des Lebens hinführen. Traummelodien umspielen das Geheimnis des Lebens. Oft ist es nicht in Worte zu fassen, sondern wir müssen uns vom dem Glanz göttlichen Lebens berühren lassen, indem wir der Musik lauschen, indem wir hinhören, was die Künstler dieser Welt besprochen und besungen haben, in Noten gesetzt.

Et incarnatus est und das Wort ist Fleisch geworden. Diese Botschaft hat niemand so eindringlich in Noten gesetzt wie Franz Schubert. 1828 in Wien mit 32 Jahren zum Tode erkrankt. Ein Liebesabenteuer hatte ihm diese Krankheit zugefügt, die man in der damaligen Zeit noch nicht behandeln konnte. Sein Leib fängt an zu faulen.

So fromm, so arm, so verzweifelt und so einsam wie er in dieser Zeit ist, da bringt er in die Melodie jenes Geheimnis, was ihn immer wieder zutiefst erfasst und berührt hat. Et incarnatus est – das Wort ist Fleisch geworden. Und wenn gleich beim Credo diese Worte erklingen, dann werden wir hören können, wie tief der Klang des Lebens ist.

Schubert wollt drei Dinge der Weihnachtsbotschaft zum Klingen bringen: Einmal: Wage dein Leben, glaube an die Liebe, vergiss die Schönheit nicht.

Wage dein Leben! Er im zweiunddreißigsten Jahr, er hatte sein Leben gewagt. Er wollte sagen, wenn das Wort Fleisch geworden ist, dann hat das etwas damit zu tun, dass in jedem menschlichen Leben soviel Mut sein muss, soviel Zuversicht, dass man auch noch an die Vergebung glaubt. Wage dein Leben! Das ist eigentlich eine Traumbotschaft. Solch eine Traumbotschaft hat mir eine Frau in einer Gesprächstherapie erzählt. Sie schilderte einen Traum, der diese Botschaft in Bildern fasst. Sie hatte – wie Schubert – ein Schattendasein. Sie fühlte sich verachtet, sie war bestimmt von anderen. Sie durfte und konnte nicht ein eigenes Leben führen. Wir hatten uns geeinigt, dass sie ihre Situation zu aller erst einmal annimmt. Dann kommt sie acht Tage später und sagt: Danach hatte ich folgenden Traum. Ich sitze in einem Rollstuhl und habe ein Kind auf meinen Armen. Hinter mir steht eine alte Frau. Der Rollstuhl setzt sich in Bewegung und ich spüre, dass der Lauf sich beschleunigt und der Rollstuhl bergabwärts rast. Da springe ich aus dem Rollstuhl mit dem Kind auf den Armen und laufe ins Tal hinab. Dort steht der Rollstuhl, ich falte ihn zusammen und gebe ihn der alten Frau.

Das ist eine Weihnachtstraumbotschaft – das da eine Frau, das da ein Mensch das innere Kind vor dem Abgrund rettet. Alle Lebensbehinderung legt sie ab und gibt es der alten Frau. Die alte Frau, das war sie auch, das war ihr altes Schattendasein. Und so beginnt sie ihr Leben neu.

Wage dein Leben, wir können unser Leben nur dann wagen, wenn wir bereit sind, dass was kindhaft, das was ursprünglich, was schöpferisch in unserem Leben ist, wenn wir das auf die Armen nehmen und vor dem Abgrund retten. Dann wird Gott in unserem Leben Fleisch, dann wird Gott in uns Mensch. Das ist die Traumbotschaft von Weihnachten.

Manchmal gebärden wir uns als Erwachsene noch wie verschreckte Kinder. Wir tun so als wenn wir das Leben nur im Mittelmass leben dürften. Wir wagen es nicht. Vielleicht weil wir Angst haben vor der Schuld, vor dem Versagen. Aber Schubert sagt in dieser Melodie, Gott, seine Vergebung ist größer als deine Schuld. Er begleitet dich, nicht nur auf den geraden Wegen des Lebens, sondern er begeleitet dich gerade dort, wo es krumm und schief ist. Wage dein Leben, das ist seine Botschaft. Nur so können wir letztendlich Erlöste sein.

Glaube an die Liebe, so die weitere Botschaft. Es ist eigentlich grotesk, dass einer, der an einem Liebesabenteuer stirbt, uns eine Botschaft hinterlässt, über die Jahrhunderte, die zutiefst davon spricht, dass wir an die Liebe glauben sollen. Als Kinder tun wir das. Als Kinder sind wir darauf angewiesen. Aber kaum sind wir erwachsen, dann bestimmt sich unser Leben nach anderen Maßstäben, nach Pflichten und Vorschriften. Wir werden bestimmt von anderen. Wir richten uns aus nach den Meinungen der anderen. Wir leben die Liebe nicht mehr ursprünglich und kraftvoll.

Wir haben unsere Liebe in die Schlafzimmer verbannt. Ich habe nur selten erlebt, dass eine Frau ihren Mann in der Kirche küsst. Glaube an die Liebe, das heißt, diese Liebe verstecke nicht. Diese Liebe, die dich lebendig, schöpferisch macht. Wir sind dazu erzogen, das Normale für das wirkliche Leben und die wirkliche Liebe zu halten. Da hat die Liebe dann keinen Platz.

Aber Schubert sagt in seinem et incarnatus est, die Liebe ist Mensch geworden. Die Liebe ist Fleisch geworden. Vielleicht auch noch immer dort, wo sie noch nicht vollendet ist. Aber sie ist in jedem Knutschen eines jungen Paares anfanghaft da. Vielleicht sind das manchmal hilflose Versuche, aber Gott sei Dank versuchen es noch unsere jungen Leute mit der Liebe. Sie einander zu teilen, die sie lebendig und warm macht.

Wage dein Leben, glaube an die Liebe! An die Liebe glauben heißt, an unsere Unschuld glauben. Unschuld meint hier etwas Lebendiges, etwas Kraftvolles, etwas Gesundes. So wie wir von einem unschuldigen Wald sprechen, wenn er gesund dasteht und zu sehen ist. Das ist damit gemeint, glaube an die Liebe. Glaube an die Kraft in dir, die von Gott her kommt und dich verwandeln kann. Die von Gott her in dir Fleisch und Mensch geworden ist.

Wage dein Leben, glaube an die Liebe, vergiss die Schönheit nicht. Da ist er von der Syphilis angefressen, da fault er vor sich hin, da ist er aufgequollen und dann schreibt er mit seinen fast zweiunddreißig Jahren – es ist in der Es-Dur Messe – da setzt er dieses et incarnatus est in die Melodie. Gott ist Fleisch geworden, nicht nur einfach Mensch, so dass jede fleischliche Berührung in unserem Leben etwas Göttliches ist.

Vergiss die Schönheit nicht! Auf deinem Antlitz will die Schönheit und Herrlichkeit Gottes aufleuchten. Und er, der todkrank ist, setzt das in die Noten. Das ist auch eine Traumbotschaft, dass wir die Schönheit nicht vergessen sollen, bei dem alten Menschen, bei dem hinfälligen Menschen. Nicht vergessen sollen bei dem kranken Menschen.

Es ist für mich immer zutiefst anrührend, wenn einer gestorben ist und die Frau ihm einen Kuss gibt. Zum letzten Mal beatmen sie den Verstorbenen in ihrem Herzen und macht ihn über den Tod hinaus lebendig. Da liegt dann ein Mensch nicht einfach erkaltet da, sondern die Schönheit Gottes leuchtet noch einmal aus ihm heraus.

Et incarnatus est, das will Franz Schubert uns in seiner Musik mitteilen. Wage dein Leben, glaube an die Liebe, vergiss die Schönheit nicht. Das ist es, was ich ihnen, unserem Chor, den Solisten, dem Orchester an diesem Weihnachtstag wünsche: Dass wir den Glauben an uns leben und den Glauben an Gott, dass wir dadurch unser Leben wagen und nicht einfach nur normale Menschen bleiben. Und dass wir in jedem Gesang, in jedem Wort, und auf dem Antlitz jedes Menschen die Schönheit Gottes erkennen. Das ist der Weihnachtstraum! Mögen wir ihn in dieser Stunde miteinander teilen.

Georg Koch

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