Die Saat reifen lassen

Wenn ich in mein Tagebuch vor zwanzig Jahren hineinschaue, dann finde ich Vorsätze, wie ich was verbessern will, was ich ausmerzen sollte, wo ich Veränderung anstrebe. Das, was ich damals als Unkraut ansah, sollte auf asketische Weise ausgerissen werden. Heute steht dies fast noch alles auf der Tagesordnung. Nur wenig hat sich geändert. Das Unkraut ist unmerklich in den Jahren mitgewachsen.

Geht es uns nicht oft so: Wir wollen am liebsten dazwischen schlagen, die Leute rausschmeißen, radikal aufräumen, reinen Tisch machen.

Auch die Knechte im heutigen Gleichnis werden bestimmt von diesem Impuls der Unkraut-Ausrupf-Askese.

Welch erstaunliche Überlegenheit legt dich der Gutsherr im Evangelium an den Tag. Er weist seine Knechte seelenruhig an, Unkraut und Weizen miteinander wachsen zu lassen. Es hätte ihm nicht an Macht gefehlt. Dennoch will er von einer gewaltsamen Säuberung nichts wissen: Lasst beides wachsen bis zur Ernte.

Weizen und Unkraut, Gutes und Böses haben nach Gottes Willen nebeneinander Platz in dieser Welt. Deshalb sollen wir nicht nur mit dem Guten, sondern auch mit dem Bösen behutsam umgehen.

Und wissen wir schon so deutlich und klar, was Unkraut und was Weizen ist? Führen uns nicht oft Umwege tiefer zum Ziel hin? Im Tagesgebet haben wir gebeten: Gott, lass uns der kommenden Woche das Gute abringen und hinter jeden negativen Erfahrung deine Güte entdecken.

Gewiss, manchmal möchten wir reinen Tisch machen. Wie ärgerlich ist es doch, wenn die Kommunionkinder oder die Firmlinge nach dem Sonntag der Sakramentenspendung dem Gottesdienst fernbleiben. Da wünschte ich mir manchmal schon eine harte Konsequenz.

Die Knechte sehen das Unkraut und binden daran ihre Kräfte. So ist es mit manch einer negativen Einrede, die uns immer wieder im Kopf herum saust. Darüber vergessen wir, uns über den Weizen zu freuen.

In der Kirche ist es ebenso: Was vor Jahren noch ketzerisch klang, hat die Kirche nach dem Konzil weiter gebracht.

Das Gleichnis lehrt uns, das wir Gott, dem Gutsherrn, überlassen sollen, wann etwas reif ist und in die Scheune eingefahren werden kann.

Die Langmut Gottes, geht mit uns barmherzig um. Eine Einladung an uns selber: Geh mit dir geduldig um. Konzentriere dich nicht auf das Ausreißen, sondern auf das Wachsen.

Stark ist nicht, wer dreinfährt, wer um sich schlägt, wer mit eisernem Besen das Haus kehrt. Stark ist, wer sein Herz weit macht; wer über sich selbst und seine Enge hinauswächst; wer mit menschlichem Irrtum nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst rechnet; wer Geduld hat zu warten, bis die Saat reif ist für die Ernte.

Pastor Georg Koch

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