Diamantene und Goldene Kommunion

Noch einmal ausfahren, noch einmal sich verändern!

Wenn ihr zurück schaut auf 60 oder 50 Jahre seit eurer ersten hl. Kommunion, dann gibt es ein paar Entwicklungen und Ereignisse, die besonders markant sind.

Für die meisten ist Wohlstand selbstverständlich geworden. Viele sind in diesen Jahren auf Reisen gegangen. Manch einer hat fremde Länder besucht, die für unsere Vorfahren als unerreichbar galten. Insgesamt  kann man feststellen: Wir sind beweglicher geworden, wir sind mehr unterwegs. Wir sind noch einmal aufgebrochen, vielleicht mehr äußerlich, die eine oder der andere aber auch innerlich. Menschen gehen auf Reisen um etwas anderes kennen zu lernen, viele möchten bei dieser Reise sich selbst auf die Spur kommen.

Diese Sehnsucht wird auf wunderbare Art in dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ beschrieben. Dieses Buch kann für uns ein Spiegel sein, wo wir entdecken wer wir sind.

Eines Morgens begegnet dem Lateinlehrer Raimund Gregorius auf seinem Weg zur Schule eine lebensmüde Frau. Im strömenden Regen steht sie mitten auf der Berner Kirchenfeldbrücke und zerknüllt einen Brief. Als sie über das Geländer klettern will, hält Gregorius sie vom Sprung ab. „Was ist ihre Muttersprache?“, fragt er. „Portugues“.

Die Melodie dieses einen Wortes weckt eine seltsame Sehnsucht in Gregorius. Er, der korrekte Altphilologe, wegen seines immensen Wissens und Pflichtbewusstseins „Mundus“ genannt, verlässt kurz darauf seine Schüler mitten im Unterricht.

In einem Antiquariat entdeckt er das Buch eines portugiesischen Autors namens Prado. Ein schmaler Band voller Gedanken und Fragen: „Wenn es so ist“, steht dort, „dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?“

Noch in der Nacht übersetzt er das erste Kapitel mit Hilfe eines Lexikons. Um 4 Uhr Morgens sitzt er reisefertig in seinem Sessel, und als es hell wird, bricht er auf und steigt in den Nachtzug nach Lissabon. Kaum dort angekommen, macht er sich auf die Suche nach den Spuren des inzwischen verstorbenen Schriftstellers. In zahlreichen Gesprächen mit Freunden und Verwandten des Toten, die er ausfindig macht, versucht Gregorius dessen bewegtes Leben nachzuempfinden. Je mehr er dem gesuchten Schriftsteller auf die Spur kommt, desto mehr entdeckt der scheue Lateinlehrer an sich selbst neue Seiten. Und er geht regelrecht auf einen Erkundigungstrip nach sich selbst. Er legt sich ein neues Outfit zu: eine knallrote Brille. Er streicht sich Gel in die Haare. Und er, der immer wegen seines alten Anzugs gehänselt wurde, geht plötzlich in eine Boutique und kauft sich den letzten Schrei der Mode. Eine ihm bis dahin unbekannte Neugier auf Menschen und eine starke Sehnsucht nach Lebensintensität treibt ihn förmlich durch fünf aufregende Wochen in Lissabon.

Nach fünf Wochen kehrt Gregorius zurück nach Bern. Allerdings kennt er sich mit sich selbst nicht mehr aus. Er fühlt sich krank. Aber weder er selbst noch der Leser wissen, ob das besorgniserregend ist oder ob das eine neue Geburtsstunde bedeutet.

Liebe Kommunionkinder, die ihr schon älter geworden seid: Im Evangelium wurde uns eine ähnliche Situation geschildert. Petrus hatte das Empfinden, das sein Leben, seine Lebensnetze leer sind. Jesus fordert ihn auf: Fahr noch einmal aus und werfe deine Netze in der Tiefe aus.

Könnte dies nicht eine Einladung an uns, an euch sein an diesem Jubiläumstag? Noch einmal auf die Suche nach sich selbst zu gehen, noch einmal sich im Alter zu verändern?

Im Bereich des Glaubens wäre das eine Chance. Der Glaube, der euch damals vermittelt wurde von Pastor Fuhrmann oder von Pastor Neunzehn, das war ein Glaube, der auf Geboten und Vorschriften beruhte. Und manche bittere Erfahrung verbindet ihr damit. Manch einer hat sogar Abschied von solchem Glauben im Laufe der Jahre genommen. Jetzt könnt es heißen, noch einmal auf Reisen zu gehen, aufzubrechen. Werfe Deine Netze in die Tiefe aus, so mahnt der Evangelientext. Glaube, der in vielen Dingen äußerlich geblieben war, soll innerlich neu entdeckt werden. Und es könnte sich lohnen, da viele von euch ja noch zehn, zwanzig Jahre vor sich haben.

Gewiss mit 60 oder 70 Jahren wird man keine großen Sprünge machen, keine waghalsigen Unternehmungen mehr angehen. Und vielleicht wird der eine oder andere in diesem Alter auch nur noch umgebettet.

Werfe Deine Netze in der Tiefe aus: Wäre da nicht die Gelegenheit, Dankbarkeit zu lernen? Sich zu erfreuen an einem Sonnenaufgang, eine alte Beziehung zu versöhnen, dankbar zu sein für die körperlichen Kräfte, die man noch besitzt? Sich von der Melodie eines Worte oder eines Gebetes anrühren zu lassen?

Hand aufs Herz: Wer von uns hat nicht schon einmal davon geträumt, einfach auszubrechen aus seinem Alltag, wegzulaufen, alles hinter sich zu lassen – und sich selbst und das Leben neu zu entdecken?

Wer es wagt, dem sagt unsere Bibelstelle, dessen Lebensnetze füllen sich von der anderen Seite unseres Daseins bis zum Zerreißen. Jesus sagt dem Petrus, Du wirst von jetzt an Menschen gewinnen, Menschen fangen. Er ruft diesen Fischer nicht aus seinem Beruf, sondern hält ihn an, sein Tun zu vermenschlichen. Jeder und jede von uns hat diese Chance: als Hausfrau, als Opa, als Lehrer oder was für eine Tätigkeit er ausübt, diese menschenfreundlich auszufüllen. Wie viel wäre dann für unsere Gesellschaft gewonnen? Hier geht es nicht um eine bezahlte Leistung. Was wir ermöglichen können mit einfachen Mitteln, das sollten wir einsetzen für ein gutes Miteinander. Sonst liegt das Potential was in eurer Generation verborgen vorhanden ist, brach. Es ist vergraben wie das Gleichnis von den Talenten berichtet. Und wenn wir im Grab liegen, dann sind wir tot, mitten im Leben.

Geh noch einmal auf Reisen, fahr noch einmal aus, ändere dich noch einmal – das ist die Botschaft der Auferstehung. Aussitzen oder aufbrechen – jeder von uns kann das seine wählen. Ostern ruft uns auf jeden Fall zu: Werde ein lebendiger Mensch!

Das ist mein Wunsch an euch an diesem Tag, an eurem Jubiläum.

Pastor Georg Koch

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