Der neue Mensch

In den Jahren 1508 bis 1512 hat Michelangelo in seinen berühmten Deckengemälden in der Sixtinischen Kapelle die Menschwerdung des Menschen in einer beeindruckten Art dargestellt. Der erste Mensch ist schon da, aber noch nicht als Mensch im eigentlichen Sinne. Er hat zwar schon alle äußerlichen Züge des Menschen, doch ist er immer noch ein auf seine Menschlichkeit Wartender.

Halb aufgerichtet liegt er in träumerischer Dumpfheit, sein Angesicht in fragender Erwartung auf Gott gerichtet.

Adam hat schon einen Fuß angezogen, so dass er sich im nächsten Moment aufrichten und Gott gegenübertreten kann. Aber um dies zu ermöglichen, muss noch ein Wunder geschehen. Durch den ausgestreckten Finger den Schöpfers muss der Funke des Geistes Gottes auf den Menschen überspringen.

Ohne diesen Funken bleibt eben dieses menschartige Wesen allein auf die Erde bezogen und ihre verhaftet.

An Pfingsten geht es darum, dass der Mensch neu geschaffen wird, dass der Geist Gottes in ihm einwohnt und in ihm glüht. Er wird eine Neuschöpfung.

Deshalb hat der Evangelist Johannes mit der Begegnung des Auferstandenen an Ostern und am Pfingsttag seinen Bericht aufgebaut nach der Schöpfungsgeschichte.

Am Abend des ersten Tages der Woche so schreibt er: Abend meint hier, dass eine alte Welt zu Ende geht. Die Jünger hatten sich aus Furcht vor den Juden verschlossen, wie sich Adam und Eva vor Gott versteckten.

Nun tritt Jesus in ihre Mitte: In der Schöpfungsgeschichte in der Genesis setzt Gott den Lebensbaum in die Mitte des Garten Edens.

Die Mitte, das meint: im Lot sein, eine innere Ausrichtung haben.

Der Mensch wird neu, wenn er wieder eine Mitte hat. Fehlt diese Mitte, dann kann er schnell bei den wechselnden Meinungen dieser Welt eine solche Fliehkraft entwickeln, dass er an den Steinen dieser Welt zerschellt. Gerade der heutige Mensch wird eine neuer Mensch werden, wenn er wieder Gott als die Mitte seines Lebens entdeckt.

Dann bekommt er Halt, dann hat er einen schöpferischen Funken Gottes in sich. Wie Abraham seinen Finger ausstreckt nach Gott, so soll an Pfingsten der Mensch sich ausstrecken nach Gott.

Friede mit euch, so grüßt der Auferstandene seine Jünger und die Furcht weicht von ihnen und sie freuen sich.

Friede meint hier nicht die Abwesendheit von Krieg. Schalom, Salemaleikum, Friede – das ist die uralte Sehnsucht der Menschheit nach heil und ganz sein. Es ist ein Ganz sein, wo auch die Wunden verklärt und verheilt sind.

Denn der Auferstanden zeigt ihnen seine Hände und seine Seite. Er macht ihnen keine Vorhaltungen, er richtet nicht über sie, sondern versöhnt begegnet er ihnen.

Die Gabe der Auferstehung ist Friede und Versöhnung und Vergebung!

Das ist die Sendung Jesu, die er von seinem Vater empfangen hat und in die er jetzt die Jünger mit einbezieht.

Im Paradies gab Gott den Menschen die Aufgabe, die Erde zu bebauen und zu behüten. Der neue Mensch hat die Aufgabe, Versöhnung und Vergebung zu künden.

Damit ist nicht eine juristischer und juridischer Akt gemeint, kein Verhalten eines Buchhalters, kein Beichtstuhl oder eine Strichliste.

Diese Gabe ist die Begnadung eines Neuanfanges ohne Vorbedingung. Ein schöpferischer Neuanfang durch den heilenden Geist ist hier gemeint.

Nicht eine zürnender oder rächender Gott will den Menschen begegnen, sondern ein barmherziger.

Welch eine große Aufgabe! Wie sehr müsste gerade heute dieses Feuer der Liebe ins lodern.

Dann haucht er sie an und sprach: Empfangt heiligen Geist.  Hier ist die Schöpfungsgeschichte wieder gegenwärtig. Gott haucht dem Klumpen Erde seinen Geist ein.

Der Mensch ist nicht einfach der Erde verhaftet, sondern er kann sein Antlitz zu den Sternen erheben.

Das Bild des Michelangelo steht wieder vor unseren Augen. Der ausgestreckte Finger Gottes, der den Adam berührt und ihm menschliche Würde verleiht.

So ist Pfingsten ein großartiges Gemälde für die Neuschöpfung des Menschen. Als neuer Mensch wird ihm die Aufgabe übertragen, Vergebung zu künden, damit eine neue Gemeinschaft von liebenden und feurigen Menschen entstehen kann.

Georg Koch

Copyright © 2010–2017 st-ignatius.de
Alle Rechte vorbehalten.
Design und Umsetzung
Georg Zink Unternehmensberatung

Pfarreiengemeinschaft Betzdorf - Bruche - Scheuerfeld
Pfarrbüro: Elly-Heuss-Knapp-Str. 13, 57518 Betzdorf
Tel.: 0 27 41 - 22 480, Fax: 0 27 41 - 23 070
E-Mail: pfarramt[at]st-ignatius[dot]de