Das Törichte hat Gott erwählt

Er ist nicht besonders begabt. Kurz vor seiner Einschulung stellen die Ärzte fest, dass sein IQ nur bei 75 liegt. Das Lern in der Schule fällt ihm nicht leicht. Doch nicht genug: er leidet auch an einem körperlichen Gebrechen. Wegen eines Wirbelsäulenleidens muss er Beinschienen tragen. So ist er nicht nur ein langsamer Denker, sondern auch ein langsamer Läufer – für seine Altersgenossen natürlich ein leichtes Opfer. Unter Kindern zu leben, die ihn wegen seiner Schwäche nur auslachen, ist wirklich nicht leicht.

Seine resolute Mutter lässt sich vom Spott der Umwelt allerdings nicht beeindrucken. Sie ist fest entschlossen, ihrem Sohn eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Sie glaubt an ihn. Sie ist überzeugt, dass ihr einziger Sohn Großes vor sich hat. Und noch jemand hält zu ihm: Jenny, seine kleine Freundin. Als einzige von den Gleichaltrigen macht sie ihm Mut. Und mit diesem Mut schreibt der kleine, schwach begabte Junge in unglaublicher Weise Geschichte.

Es ist die Geschichte von Forrest, Forrest Gump, der Hauptfigur des gleichnamigen Films von Robert Zemeckis aus dem Jahre 1994, eindrucksvoll gespielt von Tom Hanks. Die Geschichte ist unglaublich, verrückt und zugleich fesselnd und zu Herzen gehend. Forrest Gump erzählt sie selbst. Er sitzt auf einer Parkbank. Die Menschen, denen er sie erzählt, wechseln im Lauf des Films. Es sind Passanten an einer Bushaltestelle.

Überraschenderweise fügt sich in seiner Biografie alles zum Besten. Als er von einem Jungen aus der Nachbarschaft auf einem Fahrrad gejagt wird, entdeckt er, dass er seine Beinschienen gar nicht braucht. Er ist eigentlich ein ausgezeichneter Läufer. Er wird in diesem Film zu einem gefragten Mann.

Forrest Gump – ein Märchen. Ja! Ein wenig verrückt und unrealistisch vielleicht. Aber Märchen haben immer einen wahren Kern, sie gelten zu allen Zeiten. Der Kern ist wahr: Das, was nicht ist, birgt so viel Kraft, um alles in den Schatten zu stellen. Aber nicht durch Revolution, nicht durch gewaltsamen Umsturz, sondern weil Liebe stärker ist als alle schlechten Lebensbedingungen. Liebe, Glaube und Vertrauen machen den Menschen stark, geben dem Schwachen Kraft.

Da sind wir bei der heutigen Lesung, wo es heißt, dass Gott das Schwache und Törichte erwählt hat. Da finden wir uns wieder bei den Ereignissen, die in dieser Woche die Menschen in Winnenden und in der ganzen Republik erschüttert haben.

Wie kann es in unserer Gesellschaft immer wieder zu solchen Ausbrüchen kommen? Was läuft bei uns schief? Wieso werden viele unserer Kinder zu Monstern und Tyrannen? Wie können wir unseren Kindern Kraft geben und sie stärken?

Ich glaube, dass der Grundwasserspiegel der Liebe, des Vertrauens und der Verantwortung in unserer Gesellschaft gefährlich abgesunken ist. Wir laufen von Event zu Event, suchen die schnelle Befriedung und haben keine Kraft, Widerstände zu meistern und Enttäuschungen zu überwinden. Die Themen in unserer Gesellschaft sind ganz andere. Der Glaube wird ausgespart, die Liebe brennt auf Sparflamme und die Verantwortung für Aufgaben in der Gesellschaft ist verloren gegangen.

Wenn wir im Evangelium von der Reinigung des Tempels durch Jesus vernehmen, dann müssen wir uns fragen, wie sehr dies nicht auch auf uns zutrifft. Wir selber sollen Tempel Gottes sein und unsere Seele soll Raum für ihn sein.

Womit ist unsere Seele besetzt? Mit wie vielem unnützem Kram ist sie infiziert? Spielt Gott noch eine Rolle in unseren Gesprächen? Bringen wir ihn noch ins Gespräch oder lassen wir die Themen in unserer Zeit nur von Krisen bestimmen.

Sie als Gottesdienstbesucher haben in sich die Sehnsucht wach gehalten, dass es etwa mehr geben muss als Geld, Börsenkurse und Wettkämpfe. Aber sind wir als christliche Gemeinde nicht zu sehr zu einem Getto geworden. Zu einer Versammlung, wo wir uns wohl fühlen und aufbauen und wenn wir die Kirche verlassen haben, dann bleibt das Thema Gott und Glaube im Kirchenraum eingeschlossen.

Der Grundwasserspiegel des Glaubens und der Liebe ist bedenklich abgesunken, Wir betrügen unsere Kinder um das Wertvollste, was es gibt, um Gott!

Die Seele unserer Kinder bekommt nicht jene Nahrung, die sie stärken kann auch in allen schwierigen Situationen. Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff schreibt in seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, dass wir unsere Kinder vernachlässigen und überfordern, wenn wir sie als Partner ansehen. Auf Augenhöhe muten wir ihnen Wahlmöglichkeiten zu, denen ihre Seele noch nicht gewachsen ist. Wir kümmern uns nicht genügend um die Seele unserer Kinder, die sich entfalten will und gepflegt werden muss.

Wir lassen sie wählen, ob sie nun in die Kirche gehen oder sich mit dem Glauben beschäftigen – dass könnten sie schon entscheiden. Welch ein Irrtum! Wir sagen ihnen doch auch nicht, ob sie etwas für Mathematik, Physik oder für Biologie lernen sollten, das könnten sie wählen.
 
Der Glaube deutet diese Welt. Er ist ein Navigationssystem, wie aus Schwächen Stärken werden können, wie man aus Enttäuschungen Stärke und Orientierung für das Leben findet. Der Glaube spricht von der Kraft der Liebe und ermutigt, Verantwortung für den Mitmenschen und für die Gesellschaft zu übernehmen.

Das alles verweigern wir der Seele unserer Kinder. Die Sprache der Seele sind die Symbole, die Riten, die Abläufe, die immer wiederholte Feier des Lebens und des Sterbens. Und warum bringen wir unsere Kinder und Enkelkinder nicht mit in den Gottesdienst? Sind wir so naiv und meinen, der Glaube, die Religion sei eine Formel. Und wenn man diese Formel wisse, dann gelinge das Leben schon? Nein, Leben, Liebe, Glaube, sie alle müssen wachsen, benötigen Nahrung und benötigen Jahre der Einübung, bis sie uns Halt geben!

Wie wollen wir unseren Kommunionkinder nahe legen, dass am Weißen Sonntag Gott in ihre Herz einzieht, etwas Große geschieht, sie selber verwandelt werden, wenn nur ein Teil der Eltern sie hier beim sonntäglich Gottesdienst begleitet und ihnen dadurch deutlich macht, wie wichtig und heilig ihnen das ist.

Wir haben das Heilige vergessen und berauben die Seele unserer Kinder um etwas Großes. Hier erfährt die Reinigung des Tempels durch Jesu ihre Aktualität und wir müssten seinen Zorn erspüren.

Die Ereignisse in Winnenden wird man im Einzelfall nie ganz verhindern können. Aber welche Saat in unserem Land aufgeht, dafür sind wir schon verantwortlich.

Forrest Gump reift zu einem Menschen heran, weil er sich von der Liebe seiner Mutter und von dem Glauben seiner Jenny ermutigt und getragen weiß.

Die Seele unserer Kinder wird wachsen und sich entfalten können, wenn wir sie mit hinein nehmen in unseren Glauben, in die Feier der Liturgie, in das Verstehen uralter Geschichten, die davon berichten, dass Gott an der Seite der Schwachen steht. Haben wir wieder den Mut, unsere Kinder im Glauben zu fördern und zu fordern. Geben wir ihnen die Kraft der göttlichen Liebe und sie werden gesunden!

Seien wir selber wieder Gottessucher und machen wir Gott wieder zum Thema in unserer Welt.
 
Pastor Georg Koch
15. März 2009

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